"Rheinpassagen": Der Maler Friedrich Geiler aus Kehl
Dossier: 

Linie, Farbe, Kreis, Quadrat...

Autor: 
Tilmann Krieg
Lesezeit 7 Minuten
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09. November 2020

(Bild 1/3) Von „künstlerischem Chaos“ keine Spur. Der Arbeitsplatz ist aufgeräumt und blitzsauber. Friedrich Geiler ist vielseitiger Künstler und liebt präzise Handarbeit, aus der seine „konstruktivistischen Landschaften“ entstehen. ©Tilmann Krieg

„Rheinpassagen“ stellt den Kehler Maler Friedrich Geiler vor. Sein Markenzeichen sind die konstruktivistischen Landschaften der 
geometrischen Formen, inspiriert durch den Fluss und die Rhein-Landschaften.

Ein faszinierender Aspekt in der Kunst ist das Verhältnis zwischen Künstler und Werk. Wie kommt ein Mensch dazu, sich der Kunst zu verschreiben, was treibt ihn, trotz aller Risiken und Unwägbarkeiten, einen künstlerischen Lebensweg zu wählen, diesem Beruf als Berufung zu folgen? Es ist, als habe ein Künstler fast keine Wahl, dem kreativen inneren Drang muss er folgen. Und immer offenbart sich in einem reiferen Werk gleichzeitig auch die Charakteristik der Künstlerpersönlichkeit, verlässlich und individuell wie ein Fingerabdruck oder das Muster der Retina.
Friedrich Geiler lebt für seine Kunst seit Jahrzehnten und das in einer Konsequenz, die einen staunen lässt. Vor etwa 40 Jahren sagte er einmal dem Autor dieses Artikels, er hoffe, dass er in zwanzig Jahren einen Kreis noch mit derselben Intensität malen, dass er noch genauso fasziniert einer Linie folgen könne wie damals, zum Zeitpunkt des Gesprächs in den frühen 80er-Jahren. 

Reduzierte Welt

In der Zwischenzeit sind zweimal zwanzig Jahre vergangen, und Friedrich Geiler ist seines Themas keinesfalls müde geworden: Kreis, Linie, Dreieck, Quadrat, die Grundformen der Geometrie, auf die sich alle Formen der natürlichen Welt reduzieren lassen. Klare, reine Formen, denen sich ebenfalls klare Farben und Farbverläufe andienen. Denn Frieder Geiler ist konstruktivistischer Künstler, hat die Richtung der „konkreten“ Kunst durch außerordentliche handwerkliche und künstlerische Präzision weiterentwickelt und auf die Spitze getrieben.

Betritt man sein helles, großräumiges Atelier, etwas versteckt in einem Hinterhof der Kehler Goldscheuerstraße, wird sofort klar: Hier wirkt keine chaotische Künstlerseele, kein genialischer Irrsinn, kein Kunstberserker mit großspuriger Geste. Alles ist modern, klar und sauber. Alles hat seinen Platz, ist strukturiert und aufgeräumt. An den Wänden hängen seine neuesten Arbeiten in perfektem Finish, auf weißen Sockeln dazwischen stehen einige seiner Skulpturen. Im Arbeitsraum ein großer Besprechungstisch und ein Arbeitstisch. Selbst der ist penibel aufgeräumt, die Farbflaschen stehen in Reih und Glied, die Pinsel sind sinnvoll sortiert, zwei Arbeiten im Entstehungsprozess liegen auf der Arbeitsfläche, als würden sie sich einem chirurgischen Eingriff unterziehen. Die Formen auf den beiden Bildtafeln sind teilweise mit Schablonen abgeklebt.

Die Arbeiten von Friedrich Geiler sind von einer unglaublichen Akkuratesse. Begonnen – damals in den späten 70er- Jahren, hat er mit seriellen Serigraphien. Kreisformen gegen Flächen, mit Farbverläufen, so perfekt, dass man hätte schwören können, sie seien vom Computer gemalt. Damals malten die Computer noch nicht, so waren diese Siebdrucke und Malereien tatsächlich authentische Werke einer präzisen Künstlerhand. Durchbrochen waren diese Farblandschaften, die sich durch Hell-Dunkelverläufe selbst räumliche Tiefe gaben, durch farbige Linien, durchgängig oder gebrochen, so nachmessbar akkurat in Stärke und Parallelität, dass auch sie dem Betrachter - selbst dem fachlich geschulten – allein schon in technischer Hinsicht Bewunderung abverlangten.

Als Jugendlicher, erzählt Geiler, habe er die Chance gehabt, bei einem Kehler Kunstmaler malen und lernen zu dürfen. Robert Krüger hieß der, hatte sein Atelier in der Kehler Hauptstrasse und nahm den jungen Friedrich unter seine Fittiche. In seinem Atelier durfte er Malerei probieren oder auch manchmal mit dem Lehrer in den Kehler Rheinwald ziehen, zum Skizzieren in der Natur.
Ist noch etwas vom Einfluss des damaligen Lehrmeisters in seiner aktuellen Arbeit zu finden? „Unbedingt“, antwortet Geiler. Nicht von ungefähr bezeichnet er seine Arbeiten als „Konstruktive Landschaften“. Auch wenn im Konstruktivismus nicht nach Abbildung der realen Welt gestrebt wird, so steht Friedrich Geiler zum eigenen Bezug des realen und idealen Vorbilds „Landschaft“. Doch diesen Bezug lässt er lediglich als ferne Erinnerung zu und reduziert ihn auf das Äußerste: Die geometrischen Grundformen, die sich in jeglicher Erscheinung des realen Lebens finden: Kreis, Fläche, Vertikale, Horizontale. Und diese Elemente oft in serieller, sich reihender oder wiederholender Vervielfältigung. Dadurch erreicht er im Bildaufbau einerseits Spannung durch den Bezug von ruhigen Farb-Räumen und zeichnerischer Verdichtung, andererseits aber auch umfassende Harmonie durch kalkulierte Konzeption des Bildaufbaus und das absichtsvolle Zueinandersetzen von Farben. 

Eigener Farb-Codex

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Seinen Farben hat er bestimmte Chiffren und Funktionen zugeordnet: Rot stellt er die Linie des Horizonts dar, Braun oder Schwarz erscheinen Erde und Gestein, in Blautönen Luft und Wasser, Vegetation ist Grün, Weiß steht für Klarheit, Gelb für intuitive Energie. So hat er seinen Codex einmal beschrieben. In den letzten Jahren ist Gold als wichtiges Element in seine Bilder und Skulpturen getreten. „Das rührt aus meiner Erfahrung mit der thailändischen Kultur“, erklärt Geiler. Denn eigentlich liegt bereits seit vielen Jahren sein zweiter Lebensmittelpunkt samt eigenem Haus und Lebenspartnerin dort, nahe Pattaya.

Eigentlich nämlich sollte er noch gar nicht wieder hier in Deutschland sein. Eigentlich ist Geiler zur Zeit quasi Gefangener im novemberkalten Kehl. Gefangener von Corona, dieser verheerenden Krise, die selbst um die ganze Welt reist und dabei uns das Reisen fast unmöglich macht. Seine thailändische Frau hat er schon seit Längerem nur virtuell gesehen. Die Zeit, die ihm nun hier zwangsweise bleibt, nutzt er für neue Arbeiten, die er normalerweise wie jedes Jahr im späten November seinen Freunden und Sammlern während seiner „Tage des offenen Ateliers“ vorgestellt hätte. Doch auch daraus wird in diesem Jahr nichts werden. Auf Anmeldung kann man ihn und seine Arbeiten besuchen, doch einfach so das Atelier für Besucher zu öffnen, das ist in diesem Jahr unmöglich.
 

Geilers Arbeiten haben sich mit großem Erfolg durchgesetzt. Man kann die Meinung gewinnen, dass seine Werke regional zu denen mit der breitesten Präsenz gehören. Es kann aber auch daran liegen, dass die Arbeiten so eigenständig und signifikant sind, dass sie immer ins Auge fallen. Klare Formen, bestechende Farben, unverwechselbare Handschrift des Künstlers. Ob kleinformatige Siebdrucke oder Plexiglas-Skulpturen in Wohnräumen, Praxen und Büros oder eindrucksvolle Großformate in Foyers, Banken und Geschäftsräumen, die Arbeiten von Frieder Geiler sind vielfältig und omnipräsent. 
Mit ihrer formalen Strenge und Qualität der handwerklichen Umsetzung sind sie sofort zu erkennen, auch wenn sie in gigantischen Formaten im öffentlichen Raum in Erscheinung treten, beispielsweise bei der Fassadenbemalung des Kehler Stahlwerks – ein Projekt ungeheuren Ausmaßes – oder in der Gestaltung der riesenhaften Wandreliefs in der Sparkassenzentrale in Offenburg. 

Kunst und Architektur

Imposante Skulpturen begleiten eine Einfahrtsstraße des Kehler Rheinhafens. Mobiles und Brunnenplastiken finden sich an vielen Plätzen in der Ortenau, zumeist im Zusammenklang mit Architektur. „Meine Kunst konzipiere ich oft im Zusammenspiel mit Architektur“, sagt Geiler „Aber die beiden Elemente dürfen dabei nie in Konkurrenz zueinander treten“.

Friedrich Geiler sollte in seiner Jugend einen „ordentlichen“ Beruf lernen, beschied der Vater. Die Förderung seines Jungen durch den Kehler Landschaftsmaler nahm er zwar mit Wohlwollen zur Kenntnis, aber der Sohn sollte doch lieber etwas „Handfestes“ machen. Was daraus folgte, war die Schreinerlehre im elterlichen Betrieb, in denselben Räumen, in denen Geiler heute seine Kunst betreibt und ausstellt. 

Diese Ausbildung hat ihn sicherlich zu seiner handwerklichen Raffinesse befähigt, wenn er seine Reliefs fräst, seine Modelle und dreidimensionalen Werke in der eigenen Werkstatt vorbereitet und fertigt und sogar einzelne Elemente mit Blattgold handvergoldet. Schreinermeister ist er nach der Ausbildung nicht geworden, aber ein meisterlicher Künstler. Und aus der ehemaligen Werkstatt seines väterlichen Lehrmeisters sind seine Arbeiten in die Welt hinausgegangen, um auf über hundert Ausstellungen und Kunstmessen gezeigt zu werden, bis nach Hongkong und New York, nach Miami und Paris ebenso wie nach München und Zürich.

Wenn ein Mensch sich zum Künstler berufen fühlt, dann hat er praktisch keine Wahl –er muss diesem Drang folgen, auch gegen den Rat des Vaters. In Frieder Geilers Fall ein Glück für ihn und die konstruktivistische Kunst.

Stichwort

Rheinpassagen

Der Rhein: Er war und ist Transportband, er trennt und er verbindet die Ortenau und das Elsass. Er war Flucht oder Exilort und ist auch immer Inspirationsquelle für Künstler.
In unseren Geschichten „Rheinpassagen“ erzählen wir von Künstlern und kulturellen Einrichtungen von diesseits und jenseits des Rheins. Heute stellen wir den Maler Frieder Geiler vor, ein Konstruktivist.

Kontakt: • 07851/75253 oder 
info@friedrichgeiler.de

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