Offenburg

Literatur-Kolumne

Autor: 
Jose F. A. Oliver
Lesezeit 5 Minuten
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19. April 2021
Kolumnist Jose F. A. Oliver

Kolumnist Jose F. A. Oliver ©ULRICH MARX

Ich könnte Wörterpurzelbäume schlagen vor Erstaunen. Ach, herrjeh, herrjeh ... April, April!
Gibt es einen geeigneteren Monat als der vierte des Kalenderjahres, um in diesem so aufgewüteten Lebensstau die Gefühls- und Gedankenlagen, in denen wir uns wohl (fast) allelandauf, landab befinden, in ein sich wiederholendes Wort (und damit in zwei Wörter) zu legen, das bezeichnender wäre? Wohl kaum. Insofern: „April, April“.

Woher kommt das Wort doch gleich? Das Deutsche Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm macht uns auch nicht wirklich schlauer. Also. Wahrscheinlich. Es könnte sein, dass. Indes. Auch das ist nicht hundertprozentig belegt. Vielleicht an den Haaren herbei. Wenn überhaupt, dann. Es gibt da Vermutungen, die sagen, dass. Einige meinen gar, es könnte. Tja... der Name könnte mit der griechischen Liebesgöttin Aphrodite, der römischen Venus, in einer Verbindungslinie stehen.
Könnte. Ich wiederhole: könnte! Wankelmut fällt mir ein und „aprilwetterwendisch“. Mhm! Diese verdammten Wissenslücken. Sie gehören wohl zum Menschsein dazu.

Aber! Mir steht der Sinn beileibe nicht nach Scherzen. Zu ernst die Fallhöhen der Erklärungsgewalten und all der geistigen Quer- und Kehrtwendungen unserer Tage. Sie kennen das alte Lied und jene so entblößenden „lyrics“ der „Marseillaise des Alsaciens“? Der Elsässer Nationalhymne, die in geselliger Runde oft und immer wieder gern gesungen wurde und wird? Bestimmt. Summen Sie einfach mit: „De Hons im Schnoogeloch, der weiß nit, was er will. De Hons im Schnoogeloch, der weiß nit, was er will. Un was er will, des het r net und was r het, des will r net. De Hons im Schnoogeloch, der weiß nit, was r will!“.

Martin Walser

Diese überlieferte Volksweise ist nicht nur ein durch und durch Humanes, sondern beschreibt mit ziemlicher Treffsicherheit auch den Monat, der uns im Augenblick seinen Charakter offenbart und sich (ohne uns zu fragen) auslebt: der April.

Vor diesem Hintergrund liegt es schier auf der Hand, Ihnen heute mit einem Notat aufzuwarten, das Martin Walser, der am 24. März 94 Jahre alt geworden ist, in seinem jüngst publizierten Buch „Sprachlaub“ verfasst hat: „Ich will nicht weiter / und nicht zurück, / will bleiben, / wo ich nicht bin“. Chapeau! Über diese Worte könnte man, müsste man, sollte man – mehr als nur einen Moment ein Denken streifen lassen.

„Blitzgescheite Klarheit“

Neben diesen Versen oder „Augenblickstexten“, wie es auf dem Cover dieser (von seiner Tochter Alissa Walser illustrierten) lebenserfahrenen Verdichtungen des Altmeisters vom Bodensee heißt, reiche ich Ihnen noch zwei weitere bedeutungsdonnernde Sätze, die in ihrer blitzgescheiten Klarheit nicht minder grübeln machen. Bemerkenswerte Erkenntnisse aus einem Artikel, die ich in der Neuen Züricher Zeitung vor Kurzem fand. Die mich beschäftigen, seit ich sie vor ein paar Wochen in der internationalen Ausgabe der Schweizer Tageszeitung gelesen habe. Hier der erste: „Im organisierten Europa hat sich eine Krise nach den Vorschriften zu richten, nicht umgekehrt“. Und der zweite: „Lieber nichts, als etwas falsch machen.“

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Das trifft den Nerv (der Gezeiten und des Zeitenwechsels). Damit sage ich nicht, dass sie (nicht nur) meine offenliegenden Nerven zu beruhigen imstande wären, aber sie machen den langen Atem der Geduld stocken. Bon. Soweit, so gut. Bzw. nicht so gut; aber so weit(er). Drei höchst komplexe Gedankenbündel und erneut eine (für mich) zu schreibende Kolumne, der ich irgendwie genügen möchte. Ohne mich in einer kontinuierlichen Kreisbewegung der pandemischen Wörterunruh derart unkontrolliert zu beschleunigen, dass es mich aus der Verständnis-Bahn werfen würde.

Ja, diese Kolumne gilt dem „Wie-ist-es-um-uns-bestellt?“ dieser höchst nachösterlichen und vorpfingstlichen Tage. Mit dem einen der christlichen Feiertage befreit ja die Auferstehung das irdisch-vergängliche Leben; dem zweiten, dem Pfingstfest, liegen weder transzendentale Engelszungen noch ein zivilisatorisch „tönend Erz“ zu Grunde, wohl aber die Vielfalt der Sprachen dieser Welt; und damit die Vielstimmigkeit des Sprechens (und Sagens), die nicht nur von Vorteil, sondern auch – Verstand aufs Herz! – in die Verwirrungführen kann.

Freiräume schaffen

„Verw:irrung“ ist ja beileibe kein Fremdwort mehr angesichts sich schier überschlagender und exponentiell gegensprechender und sich wieder verstiebender, viellogisch und unlogisch aufhebender „W:orte“. Hier in Deutschland, in Europa und rund um den gesamten Covid-Globus.

Was wollen wir, wenn wir etwas wollen? Und wie entwerfen wir unsere Wünsche und Träume? Und wo und wie gestalten wir die Wirklichkeit aus der Wirklichkeit in die Wirklichkeit? Ich wünschte mir mehr Philosophen und Poeten imsystem relevanten „Wer-sagt-was“. Ihre Gedanken und Bücher geben nicht unbedingt die eine, gültige Antwort, aber sie schaffen Freiräume. Ins Denken. Ins Fühlen. Und dadurchvielleicht auch ins unerlässliche Tun.

Lassen Sie sich nicht in einen Dauer-April schicken. Wie sagte Goethe so reimlich schön: „Willst du den März nicht ganz verlieren / so lass nicht in April dich führen.“ Ich ergänze den Geheimrat inständig: vor allem von dir selbst nicht! Das wäre auch ein Ausblick ins „Gem:einsame“: zunächst vor sich selber auf der Hut zu sein.

Was meinen Sie? Ich werde darüber nachdenken.

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