Bamberger Symphoniker und Sol Gabetta im Festspielhaus

Musik im Wechselbad der Gefühle

Autor: 
Dietrich Mack
Lesezeit 3 Minuten
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25. Oktober 2020

Sol Gabetta, Dirigent Jakub Hruša und die Bamberger Symphoniker. ©Andrea Kremper

Die Bamberger Symphoniker begeisterten wie schon 2019 mit ihrem Auftritt im Festspielhaus. 
Die eigentlich großartige Cellistin Sol Gabetta fand nicht immer den richtigen Ton. 

Mit dem Hamburg Ballett John Neumeier hatte die erste Corona-Spielzeit im Festspielhaus begonnen, mit den Bamberger Symphonikern wurde sie nun fortgesetzt. An die AHA-Regeln, die diszipliniert befolgt werden, hat man sich gewöhnt, an den leer wirkenden Zuschauerraum mit seinen 500 Besuchern nicht. Jeder freie Platz erinnert an die beunruhigenden Infektionszahlen, an die Schicksale der Betroffenen. Umso mehr bewundert man die Bamberger, die ihre Tournee diszipliniert organisieren, schnell an- und abreisen, fast ohne Fremdkontakte. Sie treten in großer, in Zwölferbesetzung auf, mit allem, was dazu gehört an Holz- und Blechbläsern samt Pauken. Die Bühne ist also voll, die Spieler sitzen mit ordentlichem Abstand, jeder hat sein eigenes Notenpult. Dem Klangbild schadet das nicht, es wird sogar durchsichtiger.

Enttäuschender Einstieg

Doch es begann mit einer Enttäuschung. Das Cellokonzert des britischen Komponisten Edward Elgar ist nicht so üppig spätromantisch wie sein Violinkonzert, sondern eher karg und nüchtern. Es wird, wenig verwunderlich, eher selten gespielt, da der Solist nicht glänzen kann. Die Bedeutung des Cellokonzertes liegt in seiner Einfachheit, Ernsthaftigkeit, ja Schwermut. Uraufgeführt 1919, als die Spanische Grippe die Welt verwüstete, endet es mit dem Hinweis des Komponisten. „Finis. R.I.P“. Ruhe in Frieden. 

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Diesen melancholischen Grundton trifft Sol Gabetta nicht. Die junge Argentinierin, deren Können unbestritten ist, spielt unbekümmert, rhythmisch stark akzentuiert, ja zackig, wo immer es geht. Völlig deplatziert ist ihr Kokettieren. Nur im zweiten Satz findet sie den richtigen Ton, da macht sie keine Mätzchen, versenkt sich tief in ihr Instrument, macht hörbar, wie bewegend schlicht diese Trauermusik sein kann. Vielleicht ist sie zu jung, zu wenig leiderfahren, um den Mut zur Schlichtheit zu haben. Leider setzen die Bamberger ihr nichts entgegen.

Mit der 4. Sinfonie, der „Romantischen“, von Anton Bruckner kommt die große Stunde der Bamberger. Die Sinfonie ist ein monumentales Tongemälde, länger als viele Opernakte, ausnahmsweise nicht dem lieben Gott oder Richard Wagner geweiht, sondern der Natur. Aber in der lebt ohne Zweifel das Göttliche. 

In der Bundesliga

Dieses Werk in Kammerbesetzung zu spielen, wäre dürftiger als Fußball mit halbierten Mannschaften. Auf die Idee kommt niemand in der Bundesliga, und die Bamberger spielen mindestens in der Bundesliga. Sie trumpfen mit großer Bläserbesetzung auf, angeführt von den brillanten Hörnern, die den Ton angeben und nur im 2. Satz den Bratschen das Feld überlassen. Jakub Hrusa, seit vier Jahren Chefdirigent der Bamberger, treibt das Orchester immer wieder zu den gewaltigen Tuti-Crescendi an, bombastisch und virtuos zugleich etwa in der anstürmenden Jagd im Scherzo der hier gespielten 2. Fassung; aber Hrusa kostet auch alle lyrischen Szenen (Wald, Gebet, Ländler) bis hin zur berühmten Kohlmeise ruhig, ja zärtlich aus. 
Aus dieser Spannung lebt das Werk. Und so wird diese „Romantische“ zu einem Ort der Sehnsucht nach einer heilen, gottgefügten Welt, zum Trost im Chaos unserer Gegenwart. Sie erinnert an Beethovens „Pastorale“ und an Smetanas „Mein Vaterland“. Mit Smetana hatten uns die Bamberger im Mai 2019 begeistert. Mit Bruckner taten sie es wieder.

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