Festivals »Rock in Oppostition«

Musiker im Widerstand gegen Mainstream und Plattenbosse

Autor: 
Jürgen Haberer
Lesezeit 4 Minuten
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11. August 2019
Avantgardisten aus England: Auftritt der Formation a.P.A.t.T beim RIO-Festival im französischen Bourgoin-Jallieu.

Avantgardisten aus England: Auftritt der Formation a.P.A.t.T beim RIO-Festival im französischen Bourgoin-Jallieu. ©Jürgen Haberer

Die großen Festivals sind geprägt von Mainstream und Massenpublikum. Kleine und intime Events, die in der Nische musikalische Qualität anbieten, sind im Rockbereich die Ausnahme. Zu ihnen zählt das Festival »Rock in Opposition«, das für Avantgarde und progressive Rockmusik steht.   

Das Festival »Rock in Opposition« genießt einen ganz besonderen Ruf. Hier treten Bands auf, die nach neuen Wegen suchen, den Begriff Rockmusik in eigenen Kategorien definieren. Satte Beats und melodiöse Linien, die gängigen Rockriffs sind hier kaum zu hören. Schwere, komplexe Rhythmen und schräge Klangexperimente dafür schon eher. Die Grenzen zu Jazz und Kammermusik, zur zeitgenössischen Avantgarde sind fließend. Verweise auf das Erbe von Frank Zappa und die Spielarten des Canterbury gehören zum guten Ton, auch der von Christian Vander und Magma kreierte Zeuhl.

Dabei sind auch immer wieder Akteure, die ab 1978 den Begriff »Rock in Opposition« mitgeprägt haben. Das Festival folgt seinen eigenen Regeln. Zwischen den einzelnen Konzerten gibt es lange Pausen, in denen über das eben gehörte und Musik ganz allgemein diskutiert wird. Die Bands stellen sich nach dem Konzert in einem öffentlichen Meeting den Fragen der Zuhörer. Niemand stört sich daran, dass die Auftritte gefilmt und mitgeschnitten werden. Es herrscht ein fast anarchischer Geist, der auf die Anfänge verweist.

Geknebelte Bands

Begonnen hat es in den späten 1970er-Jahren, als die Kommerzialisierung des Musikmarktes ihren ersten Höhepunkt erreichte. Plattenfirmen diktierten, was gespielt und veröffentlicht werden durfte, Bands wurden geknebelt und auf massenkompatible Trends ausgerichtet. Hardrock und Punk setzten Akzente, weichgespülte Rockharmonien lösten die Ära des Progressive Rock ab. 
In der Nische regten sich aber durchaus auch Widerstände. In Deutschland wurde 1976 das später in »Schneeball Records« umbenannte Label April Records als Vertrieb der Musiker gegründet. Embryo, Missus Beastly und Ton Steine Scherben gehörten zu den Bands der ersten Stunde. Die Fans pilgerten seit 1975 zu dem Festival »Umsonst & Draußen“ im Steinbruch von Vlotho, Porta Westfalica.

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 In England war es die Gruppe Henry Cow um Schlagzeuger Chris Cutler und Gitarrist Fred Frith, die am 12. März des Jahres 1978 zu »Rock in Opposition« ins New London Theater einlud. Dabei waren Henry Cow selbst, Stormy Six aus Italien, Sammla Mammas Manna aus Schweden, Univers Zero aus Belgien und Etron Fou Leloublan aus Frankreich. Auch sie hatten die leidvolle Erfahrung gemacht, dass die Bosse der großen Labels ihre Musik nicht hören und verbreiten wollen. 

Weitere Festivals in Italien, Belgien und Schweden folgten. »Art Bears« (England), »Art Zoyd« (Belgien) und »Aksak Maboul« (Frankreich) kamen neu hinzu. Der Geist war aus der Flasche: »Rock in Opposition« wurde zum Synonym für eine kritische Grundhaltung zum Establishment und die Lust am musikalischen Experiment, auch wenn der Versuch einer Institutionalisierung zunächst scheiterte. 

Die ist erst Roger Trigaux, dem ehemaligen Gitarristen von Univers Zero und dem Impresario Michele Besset in Carmaux in der Region Tarn im Südwesten Frankreichs gelungen. Von 2007 bis 2018 wurden dort elf Festivals aufgelegt, bei denen ausschließlich Bands zu hören waren, die dem Konzept von »Rock in Opposition« kurz RIO genannt, nahestehen. Viele der Bands waren auch auf dem seit 2001 in Würzburg stattfinden »Freak Show Art Rock Festival« zu hören.  

Umzug nach Lyon
Besset und Trigaux sind 2019 aus organisatorischen Gründen nach Bourgoin-Jallieu in den Großraum Lyon umgezogen, wo das Format fortgeschrieben werden soll. Die diesjährige Festival­ausgabe setzte dahingehend klare Akzente. Für eines der Glanzlichter sorgte die japanische Formation Koenji Hyjakkei, die mit der Energie eines explodierenden Vulkans in die Welt des Zeuhl eintauchte. a.P.A.t.T aus dem englischen Liverpool überzeugte mit subtilem Humor und einem furiosen Wechselspiel der Stilarten und Instrumente, während das Doppeltrio Piniol ein in seiner Wucht wohl nicht mehr zu überbietendes Klanggewitter entfachte. 
Roger Trigauxs Gruppe Present knüpfte mit Kammerrocks mit klassischen Elementen an die legendären Konzerte früherer Jahre an, in denen die Gruppe mit Aranis und Univers Zero ein Rockorchester gebildet hatte. Omnipräsent war auch die bereits 1979 aufgelöste Gruppe Henry Cow, die Keimzelle von »Rock in Opposition«. 

Chris Cutler, Tim Hod­kinson und Geoffrey Leigh waren mit Bandprojekten zu hören, die den Geist der freien Improvisation und der musikalischen Spurensuche weit abseits gängiger Schablonen pflegen. Bandkollege John Greaves, wandelte derweil mit dem North Sea Radio Orchestra auf den Spuren von Robert Wyatt, dem einstigen Schlagzeuger der legendären Gruppe Soft Machine.

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