Theaterstück "Gott" in der Oberrheinhalle Offenburg

Publikum stimmt ab über das Für und Wider der Sterbehilfe

Autor: 
Bettina Kühne
Lesezeit 3 Minuten
Jetzt Artikel teilen:
20. Oktober 2020
Fiktive Sitzung des Ethikrates auf der Bühne.

Fiktive Sitzung des Ethikrates auf der Bühne. ©Ulrich Marx

Mit dem Tod auf Verlangen beschäftigt sich Ferdinand von Schirachs Stück „Gott“. Das Theaterpublikum in der Offenburger Oberrheinhalle durfte am Ende der fiktiven Ethikratsitzung auf der Bühne seine Meinung zum Thema kundtun.. 

Ferdinand von Sirach beleuchtet in seinem Theaterstück „Gott“ die Argumente für und wider die Sterbehilfe, also den Tod auf Verlangen, aus der rechtlichen, medizinischen und religiösen Sicht. Regisseur Miraz Bezar entwickelte hierfür eine Podiumsdiskussion. Diese Situation ermöglicht es nicht nur, die Argumente auszutauschen, sondern auch den Mindestabstand für die Schauspieler einzuhalten. 
Viel Bewegung gab es  bei der Aufführung des Euro-Studios Landgraf am Freitagabend in der Offenburger Oberrheinhalle auf der Bühne also nicht. Das Stück fesselte durch seinen Inhalt.  Bei den Akteuren wurden deutlich Klischees bedient. Da gab es zum einen den hemdsärmeligen Anwalt Biegler (Christian Meyer), ein Vertrauter und Freund von Richard Gärtner (Ernst Wilhelm Lenik). Der 78-jährige Architekt will nach dem Tod seiner Frau nicht mehr weiterleben. Der körperlich und geistig gesunde Mann kämpft dafür, das Mittel Pentobarbital zu erhalten, um aus dem Leben scheiden zu können. 

Rechtliche Situation

- Anzeige -

Drei Fachleute nahmen zu seinem Anliegen Stellung. Aus rechtlicher Sicht stärkte Rechtsprofessorin Litten die Position von Richard Gärtner: Der Mensch hat das Recht sich selbst zu töten und dafür die Hilfe anderer in Anspruch zu nehmen. Susanne Theil schilderte dem Publikum die rechtliche Situation als Grundlage für seine Entscheidung.
Der Ärztevertreter Sperling berief sich auf den Eid des Hippokrates. Der Arzt sei verpflichtet zu helfen und dürfe niemandem schaden. Auch als Rechtanwalt Biegler ihm vorhielt, dass längst das Genfer Gelöbnis den Eid ersetze, wehrte sich Sperling gegen die ärztliche Beihilfe zum Sterben. Er verwies auf die Hilfestellung der Palliativmedizin und forderte, diese deutlich auszuweiten. Die Argumente, die ausgetauscht wurden, berührten auch gesellschaftliche Grund-ängste. Welche Gefahren ein Töten auf Verlangen perspektivisch mit sich bringen könnte, wurde mit Blick auf die Geschichte mehrfach angesprochen: Wie schnell könnte man wieder bei der Diskussion um unwertes Leben und der Euthanasie sein.

Bewegender Moment

Mit einem starken Auftritt überzeugte Klaus Mikoleit als Bischof Thiel. Auch wenn ihn ein fehlendes Selbststötungsverbot in der Bibel und das Erwähnen der Missbrauchsfälle zunächst in eine schwächere Position zu bringen schien, trumpfte er am Schluss auf. Es gelang ihm, als Aufgabe des Menschen zu umreißen, dass er mit der Bürde des Lebens zurechtkommen muss. Ein stiller, aber doch bewegender Moment. Eingebettet war die Podiumsdiskussion in ein feinfühlig umgesetztes Intro, das die Zuschauer an den Erinnerungen Richard Gärtners teilhaben ließ. 
Am Ende wurden die 100 Zuschauer in der Oberrheinhalle zu Teilnehmern der fiktiven Sitzung  des Deutschen Ethikrates und durften abstimmen. 70 Personen sprachen sich für eine Sterbehilfe für Richard Gärtner aus, 30 waren dagegen. Das Publikum bedankte sich anschließend mit begeistertem Applaus für die Gedankenanstöße und war sich sicher, dass die Diskussion über dieses schwierige Thema längst nicht abgeschlossen ist. 

Weitere Artikel aus der Kategorie: Kultur

27.11.2020
Rückblick auf ein reiches Künstlerleben
Die Künstlerin Ilse Teipelke ist immer noch eine bekennende Streiterin für die Rechte der Frauen. „Ich wollte, dass man meine Stimme hört“, sagt sie im Gespräch. Ihre künstlerische Biografie trägt deswegen auch den Titel „systemrelevant“.
Rembrandts Porträt „Brustbild eines Mannes in orientalischer Kleidung“.
26.11.2020
Ausstellung „Rembrandts Orient“ im Kunstmuseum Basel
Das Kunstmuseum Basel widmet sich in einer opulenten Schau der Orientbegeisterung von Rembrandt und seinen Zeitgenossen. Sie veranschaulicht zugleich Einflüsse orientalischer Kunst auf das Goldene Zeitalter. Am Mittwochabend ist der Eintritt frei.            
Dietrich Mack.
26.11.2020
Kulturkolumne
Sportstars können auch in Zeiten der Pandemie ihren Beruf ausüben, in dem sie in einer Blase leben. Sie verdienen Millionen, ohne mit dem Publikum in Kontakt zu treten. Doch wie lässt sich die schützende Blase auf das ganz normale Lleben übertragen?       
23.11.2020
Eine Ära in der Städtischen Galerie Offenburg geht zu Ende
„Es waren immer schöne Begegnungen“: Gerlinde Brandenburger-Eisele, promovierte Kunsthistorikerin, hat knapp 30 Jahre lang Museum und Städtische Galerie der Stadt Offenburg betreut.  Nun geht sie in den Ruhestand und freut sich auf die Dinge, die da kommen werden.
Buchcover der Textsammlung „Corona Decamerone“.
20.11.2020
Autorennetzwerk Ortenau-Elsass führte Tagebuch
„Katzen brauchen keinen Mundschutz“ oder „Vom Niesen und Genießen“ sind Geschichten von 38 Mitgliedern des Autorennetzwerks Ortenau-Elsass überschrieben, die dessen Leiterin Karin Jäckel unter dem Titel „Corona Decamerone“ als Buch herausgegeben hat.       
Temperamentvoll wie ihre ausdrucksstarke Malerei: Künstlerin Gabi Streile.
20.11.2020
Oberkircher Künstlerin Gabi Streile 70 Jahre alt
Die Oberkircher Malerin Gabi Streile wird am 20. November 70 Jahre alt und wirft im Gespräch einen Blick auf ihre Arbeit. Zwei süße Babys und eine Ausstellung in ihrer Karlsruher Galerie bereiten der Künstlerin Freude in schwierigen Zeiten.
Jürgen Stark.
19.11.2020
Kulturkolumne
Vor Corona hielt Gerd Gruss sein Geschäft nur einmal während der Geschäftszeiten geschlossen: an seinem Hochzeitstag. In diesem Jahr hat der Geschäftsführer des Karlsruher Rock Shops vor allem auf dem Veranstaltungssektor mit den Folgen der Pandemie zu kämpfen. 
16.11.2020
Spurensuche Kunst im Raum
Fotograf Ulrich Marx hält Kunstwerke im öffentlichten Raum fest. In Kehl fand er „Begegnungen“.
13.11.2020
Literatur-Kolumne
In seiner neuen Kolumne setzt sich Jose F. A. Oliver mit der Frage nach Sprache und Wortschöpfungen auseinander und der sich ändernden Bedeutung.
Dietrich Mack.
12.11.2020
Kulturkolumne
Der berühmt-berüchtigte Satz „You’re fired“, mit dem Donald Trump viele Jahre jede Folge der TV Reality-Show „The Apprentice“ (Der Lehrling) beendete und der dann seine Personalpolitik im Weißen Haus prägte, fällt nun auf ihn selbst zurück: Er ist gefeuert
10.11.2020
Gespräch in der Kunstschule Offenburg
Welche Bedeutung haben Kunstschulen, wenn der Kultur die kalte Schulter gezeigt wird? Für die Pädagogen der Offenburger Schule ist die Antwort klar: „Grundbedürfnis befriedigen.“
09.11.2020
"Rheinpassagen": Der Maler Friedrich Geiler aus Kehl
„Rheinpassagen“ stellt den Kehler Maler Friedrich Geiler vor. Sein Markenzeichen sind die konstruktivistischen Landschaften der  geometrischen Formen, inspiriert durch den Fluss und die Rhein-Landschaften.