Geschichtsträchtiger Straßburger Konzertsaal wird renoviert

Sängerhaus einst Treffpunkt großer Musiker und Dirigenten

Autor: 
Kurt Witterstätter
Lesezeit 5 Minuten
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22. März 2020

Vor den Baufortschritt haben die Götter Archäologen und Kulturhüter gesetzt. So sollte das Straßburger Sängerhaus in diesem Jahr mit Musik des Jubilars Beethoven und der elsässischen Musikerin­ Marie Jaëll wiedereröffnet werden. Aber daraus wurde nichts.

Weil man über einem Zwischendach des „Palais des Fêtes“, wie das „Sängerhuus an der Vogesestroos“ seit 1918 heißt, neobarocke Deckenfresken des einstigen Straßburger Kunstprofessors Karl Jordan mit Stuck-Roccailen für seine Architekten Richard Kuder und Joseph Müller fand, verzögert sich die 6,6 Millionen Euro teuren Renovierung.  Die Restaurierung dieser Fresken und der Orgel erfordert nun einen weiteren Bauabschnitt.

So benötigt das seit 2007 denkmalgeschützte Sängerhaus mit seiner Kombination von Historismus und Jugendstil weiter Behutsamkeit, Zeit und Geduld. Die hatte man zwischenzeitlich in der Epoche der bauhäuslerischen Sachlichkeit in den Zwischenkriegsjahren weniger. Auch, weil es in den 1930er-Jahren, als man die Stuck-Verzierungen an den Säulen der Seitenemporen und an der Jordan-Decke abklopfte, keine Ausweichräumlichkeiten zu dem 1800-Personen-Saal des ursprünglich dem Straßburger Männergesangverein  gehörenden Gebäudes gab.
Der rührige Gesangverein von 1888 „weiland unter dem Protektorate Seiner Majestät des Kaisers Friedrich“ gegründet, setzte seinen Neubau bald nach seiner Gründung in der damaligen Straßburger Nordweststadt noch freistehend ins neue Quartier allemand, wie man das neue Gründerzeit-Stadtviertel heute nennt. Gebaut wurde im markanten Neo-Renaissance-Gehabe mit Eckturm und Giebelfassaden, die aber bereits schnörkelige Jugendstil-Fenster hatten. Über diesen Stil-Mischmasch mit den neo-barocken Decken-Fresken rümpfte man später lange die Nase. Heute hat man wieder eher Sinn für diesen Stilmix. 

Der 1903 nach nur zwei Jahren Bauzeit vollendete Neubau wurde leider schnell durch benachbarte Wohnhäuser zugebaut und verlor so seine beherrschende städtebauliche Ausstrahlung in Straßburgs Nordwesten. Dafür war die freitragende Konstruktion aus Spann-Stahlbeton bautechnisch der neueste Schrei. Edouard Züblin rühmte seine guten Erfahrungen mit dem „Béton armé“ in der Fachwelt. Bis auf die Säulen in den Seitenemporen kam der Festsaal ohne Bodenstützen aus. Man war stolz. In einem Bericht hieß es: „31 Jahre lang haben in Straßburg die Musiker und das Publikum unter den betrübtesten Saal-Verhältnissen gelitten, so daß ein fast allgemeiner Mißmuth sich unter Künstlern und Publikum bemerkbar machte. Auf einmal aber erwacht man von der bedrückenden Stimmung, nämlich bei der Einweihung des Sängerhauses: Endlich ein schöner und in jeder Beziehung vorzüglicher Konzertsaal“.

Sparsam gewirtschaftet

Dennoch dauerte es ein weiteres Jahr, bis sich die Stadt für die Abonnementskonzerte im Sängerhaus einmietete, da sie erst noch den mit dem Unionshaus am Kellermann-Quai abgeschlossenen Vertrag erfüllte. Wie sparsam man damals wirtschaftete, zeigt ein Protokoll in den Straßburger Stadtrats-Akten: „Es muss eine Entscheidung darüber getroffen werden, ob die Abonnementskonzerte im kommenden Winter im Unionssaal wie bisher oder im Sängerhaus abgehalten werden sollen. Die Verwaltung des Unionshauses fordert für die Abhaltung der acht Konzerte einschließlich Proben 1800 Mark, wobei der Garderobenerlös von 300 Mark in die Stadtkasse fließt. Das Sängerhaus fordert 2000 Mark, wobei die Garderobengebühren dem Pächter der Garderobe zukommen. Trotzdem haben die erste und dritte Kommission, welche die Angelegenheit eingehend geprüft haben, sich mit allen Stimmen bei einer Stimmenthaltung für die Abhaltung der Konzerte im Sängerhaus ausgesprochen. Der Gemeinderat beschließt auf Vorschlag des Beigeordneten Timme im Sinne der Stellungnahme der Kommissionen“.
Franz Stockhausen gestaltete seine erste Konzertsaison 1904/05 im Sängerhaus mit so prominenten Solisten wie dem Pianisten Arthur Schnabel, dem Geiger Jacques Thibaud und dem Cellisten Pablo Casals. 1905/1906 folgten Gastdirigent Eugen d‘Albert, Geiger Fritz Kreisler und Pianist Ernst von Dohnanyi. 1907 begann die Ära unter dem großen Komponisten und Dirigenten Hans Pfitzner.

In die Zeit mit Pfitzner als Straßburger Musikchef – mit einem Engagement des 24jährigen Wilhelm Furtwängler als Kapellmeister 1910/11 – fallen auch einige der vier elsässisch-lothringischen Musikfeste 1905, 1907, 1910 und 1913. Bei ihnen dirigierten neben Pfitzner auch Richard Strauss, Gustav Mahler, der spätere Musikchef der Zwischenkriegsjahre Guy Ropartz und Max Reger, Vincent d‘Indy sowie Edouard Colonne im Sängerhaus. Während Pfitzners Beurlaubng für die Kompositionsarbeit an seiner Oper „Palestrina“ leiteten Otto Klemperer und George Szell das Straßburger Orchester. 1922 ging das Sängerhaus in den Besitz der Stadt Straßburg über.

Deutsches Publikum

Die Festspielzeit erlebte von 1932 an ihre Blüte: Furtwängler und Klemperer, Schuricht und Solti, Karajan und Keilberth, Knappertsbusch und Konwitschny, Rosbaud und Ormandy, Maazel und Masur, Martinon und Mehta, Prêtre und Sawallisch, Rossi und Giulini dirigierten. 
Als Solisten hörten auch viele deutsche Musikfreunde Künstler, die in Deutschland in der NS-Zeit nicht auftreten mochten wie Rubinstein, Stern, Milstein und Serkin oder wegen des Ost-West-Konflikts nicht spielen durften wie David Oistrach, Emil Gilels oder Svjatoslaw Richter. Immer wieder dirigierten Frankreichs große Drei: Charles Münch, Paul Paray und Pierre Monteux. Seit der Eröffnung des neuen Musikpalais an der Place de Bordeaux im Jahr 1975 wird das Sängerhaus seltener für Konzerte genutzt.

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