„Im Abgang nachtragend“

Satire pur in Kehl: Gerhard Polt und die Well-Brüder

Autor: 
Oscar Sala
Lesezeit 3 Minuten
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26. Oktober 2020

(Bild 1/2) Der Stofferl, der Karli und der Michael Well – das suversive Brüder-Trio gestalteten gemeinsam mit Gerhard Polt (außen r.) einen großarten Abend in Kehl. ©Oscar Sala

Kabarettist Gerhard Polt und die musikalischen Well-Brüder bescherten dem Publikum in Kehl einen Mordsspaß. Subtil und virtuos führen sie Spießbürger und Intolerante vor.

Das Vordergründige hat ihn nie wirklich interessiert: Gerhard Polt (78) ist kein Stand-
up-Comedian oder Entertainer, er ist Satiriker. Diese „feine“ Nuance unterscheidet ihn wohltuend von aktuellen Komikern der seichten Massen-Kultur. Bei seinem Auftritt am Sonntag in Kehl trifft Polt auf eine „maskierte“ Corona-Stadthalle, trotzdem oder deswegen bleiben die ungezügelten Lacher im Publikum auch nach zwei Stunden deutlich hörbar. Der ewige Bayrische Grantler wird begleitet von den Well-Brüdern. Die außergewöhnliche 40-jährige Zusammenarbeit und Freundschaft zwischen dem großen Kabarettisten und dem subversiven Brüder-Trio aus’m Biermoos hat bis heute gehalten  – das spürt man immer wieder.

„Leid san a Gsindl“

„Im Abgang nachtragend“ heißt das Gastspiel. Im Mittelpunkt der Vaterlandsschelte steht erwartungsgemäß der Abgrund deutscher Erregung – der Bayer. Auf der Bühne präsentieren sich vier Männer, vier Stühle und ein reicher Fundus an Blasinstrumenten, Quetschen und Streicher – was der zünftige Bajuwar so mit sich führt. Zugegeben: Es gibt so einige Wörter, die beim besten Willen nicht zu verstehen sind…, doch man muss nicht Muttersprachler sein, um Polts brachiale Seitenhiebe zu spüren. Als Menschenkenner weiß er ohnehin, wo er ansetzen muss. Denn trotz idiomatischer Differenzen sei „der Mensch an sich guat, aber dia Leid san a Gsindl.“ Es gibt allerdings eine Spezies, die Polt recht suspekt ist, nämlich „wenn der Mensch in Form eines Nachbarn auftritt – da hört der Spaß wirklich auf“ – besonders, wenn derjenige sich nicht an die Grill-Verordnung hält. 

Um einen Menschen zu beurteilen, braucht man zudem keine Psychologie: „Muss ich studiert haben, um festzustellen, wer ein Depp ist und wer nicht…?“ Doch „wenn’s koane Deppn mehr geit, bricht da Ladn z’ammn!“. Im Grunde seines Wesens sei der Mensch ein richtiges Biotop, ein „Zwischenwirt“, der Parasiten anzieht: Waffenhändler, Finanzjongleure, Katholiken...

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Wenig Politisches

Zunächst stimmt der Kabarettist etwas ruhigere Töne an, doch es dauert nicht lange… der Polt läuft wie ein alter Diesel zur Bestform auf. Dem ruhig-sachlichem Satire-Magma folgt der Ausbruch des Widersinns. Intolerante, Fremdenfeinde, der bayerische Spießbürger und sein Hang zum Saufen dürfen in diesem „Panoptikum Bavaricum“ nicht fehlen. Mit leichter Hand demaskiert er redselig die bürgerliche Pseudo-Idylle. 
Abgesehen von Corona und gelegentlichen Watschn auf die AfD („Asyl für Deppen“) bleibt die große Politik weitgehend ausgespart. Es sind vielmehr „subtile“ Charakterstudien, die auf der Bühne defilieren. Etwa der indische Missionar, der die vom Glauben abgefallene „Sinners“ in Bayern wieder rekatholisieren will: „Garden Eden is no Beergarden…“.

Die Sprache wird dekonstruktiv-bayerisiert: Muttis „SUV“ wird zu „Suff“ und der modisch-englische Vorname „Jason“ verwandelt sich bei der Helikoptermutter in einem phonetisch-ähnlichen „Schei…ßen“. Bissig wettert Polt wie eh und je, schlüpft virtuos mit variierender Stimmlage in gesellschaftliche Rollenklischees. Sein „Absurdistan“ jongliert zwischen der ewigen Stammtischphilosophie und der moralischen Argumentation eines unschuldigen Sünders.

Zwischendurch erheitern Stofferl, Karli und Michael Well mit Spielfreude und White-Blue-Bavaria-Kolorit, nicht ohne die Lokalmatadoren der Politik aus Kehl und der Ortenau vorgeführt zu haben. Köstlich, wie sie „Händels Große Feuerwehrmusik“ in vier Sätzen unters Publikum bringen. In Höchstform präsentieren sie sich bei den „Zuchtperlen der Volksmusik“ und zeigen beiläufig, wie es richtige Schuhplattler-, Bauch-, und Highland-Dance-Profis machen sollten. Gemeinsam mit Polt erheben sie das von der „Rheinkultur“ veranstaltete Gastspiel zu einem Abend der Läuterung – ein Mordspaß fürs Publikum allemal.

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