Mailand/Riad

Saudis in Mailänder Scala? Ärger um Petrodollar aus Riad

Autor: 
dpa
Lesezeit 5 Minuten
Jetzt Artikel teilen:
12. März 2019
Weltberühmt: die Scala in Mailand.

Weltberühmt: die Scala in Mailand. ©dpa - epa Enrico Oliverio/ANSA

Die Saisoneröffnung der Mailänder Scala gehört zu den wichtigsten kulturellen Ereignissen in Italien. Wer bei dem Spektakel dabei ist, hat im Land meist was zu sagen.

Hin und wieder gibt es einen Skandal oder ein Skandälchen. Diese Saison protestierten Tierschützer gegen den Auftritt eines Pferdes bei Verdis «Attila». Auf den seltenen Gast im Publikum waren die Augen im vergangenen Dezember allerdings noch nicht gerichtet: In den Rängen saß der saudi-arabische Kulturminister Prinz Badr bin Abdullah. Drei Monate später ist der Aufschrei groß. Denn Saudi Arabien will Millionen in eines der berühmtesten Opernhäuser der Welt investieren. Und das Pikante: Im Gegenzug soll Prinz Badr im Aufsichtsrat sitzen.

Ausnahmsweise einig

Seitdem die Nachricht in der Welt ist, sind sich Politiker von links bis rechts in Italien ausnahmsweise einig. Ein ultra-konservativer Staat, der zuletzt mit einem Tötungskommando den Regierungskritiker Jamal Khashoggi ermorden ließ, habe nichts in einer von Italiens obersten Kulturinstitutionen zu suchen. «Wir können es uns absolut nicht erlauben, dass eines der prestigeträchtigsten Symbole Mailands mit einem Land zusammenarbeitet, das täglich die Menschenrechte und die Freiheit mit Füßen tritt», erklärte der sozialdemokratische Europaabgeordnete Antonio Panzeri.

«Pecunia non olet (Geld stinkt nicht), sagte man im alten Rom», erklärte der Senator der konservativen Forza Italia, Maurizio Gasparri, «aber es ist kein Prinzip, das moralisch immer vertretbar ist.» Als größter Skandal gilt, dass sich das ölreiche Königreich mit seinen Petrodollar gleich in den Aufsichtsrat «einkaufen» und so Legitimität verschaffen will.

15 Millionen Euro aus Saudi-Arabien sollen in den kommenden fünf Jahren insgesamt an das Opernhaus fließen. In Riad soll ein Konservatorium für Kinder öffnen. Auch ist im Gespräch, Verdis Oper «La Traviata» in der saudischen Hauptstadt aufzuführen. Der Präsident der Region Lombardei, Attilio Fontana, sprach von einem «fast heiligen» Status der Scala. «Man kann Produkte der Scala verkaufen, aber man kann nicht gleich die Scala selbst verkaufen», sagte er der Zeitung «Corriere della Sera».

Positives Zeichen

Der Intendant der Oper, der Österreicher Alexander Pereira, kann die Aufregung nicht verstehen. Es sei ein positives Zeichen, wenn sich ein Land öffne, das sich 40 Jahre der Kultur verschlossen habe, sagte er der Zeitung «La Repubblica». Er habe den Fall Khashoggi verfolgt und er wisse sehr gut, dass das saudische Regime «despotisch» sei. Er sei aber von der «positiven Kraft der Musik» überzeugt. Und wenn die Scala das Geld nicht nehme, würde es jemand anderes tun - Frankreich nämlich.

- Anzeige -

Mittlerweile ist in den Fall auch die Regierung in Rom eingeschaltet. Am 18. März tagt der Aufsichtsrat in Mailand. Dann soll eine Entscheidung fallen. Der Vorsitzende, Mailands Bürgermeister Giuseppe Sala, übte sich in Zurückhaltung. Es sei richtig, dass Gelder auch außerhalb Italiens gesucht würden, sagte er. Die Frage sei aber, was man dafür im Gegenzug verlange.

Saudi-Arabien dürfte versuchen, mit dem Engagement an der Scala das Image des Königreichs aufzupolieren, das wegen Menschenrechtsverletzungen international am Pranger steht. Bislang sorgten die Nachbarländer mit Kulturprojekten für Aufsehen. So wurde etwa im November 2017 der Louvre Abu Dhabi eröffnet, für dessen Namen und Leihgaben das Golfemirat knapp eine Milliarde Euro nach Frankreich überwies. Auch das dank großer Gasvorkommen reiche Katar hat in der Kunstszene einen Namen. Scheicha Al-Majassa bint Hamad Al Thani gilt als eine der weltweit einflussreichsten und finanzstärksten Kunstsammlerinnen.

Doch selbst das islamisch ultra-konservative Saudi-Arabien erlebt kulturell eine Öffnung, seit Kronprinz Mohammed bin Salman - kurz MbS genannt - zum mächtigsten Mann des Königreichs aufgestiegen ist. Kinos sind nach Jahrzehnten wieder erlaubt. Mit viel Geld werden internationale Stars ins Land geholt. Vergangenes Jahr feierten Tausende in Riad mit den Black Eyed Peas und Enrique Iglesias.

«Neue Ära»

Neuerdings hat das Königreich auch ein Kulturministerium, an dessen Spitze Prinz Badr steht. Der neue Kulturminister solle das Land «in eine globale kulturelle Drehscheibe» verwandeln, hieß es in der offiziellen Propaganda. Saudi-Arabien erlebe eine «neue Ära». Mit der Öffnung schafft es der 33 Jahre alte MbS tatsächlich, die jungen Saudis auf seine Seite zu ziehen, bei denen er sehr beliebt ist.

Im Wettbewerb mit Katar und den Emiraten um Macht und Einfluss wird das Königreich international aktiver. Zuletzt kursierten Gerüchte, MbS wolle den englischen Fußballclub Manchester United übernehmen. In Italien gab es Ärger, weil die Topclubs Juventus Turin und AC Mailand im saudischen Dschidda den Superpokal austrugen. Für das Königreich war auch das eine Chance, sich als offen zu zeigen.

Doch trotz allem: Der Kronprinz geht rücksichtslos gegen Gegner vor. Kritiker sehen hinter der liberalen Fassade des ehrgeizigen Thronfolgers einen brutalen und zu allem bereiten Autokraten, der keinen Widerspruch duldet. Zahlreiche Menschenrechtsaktivisten sitzen in Haft und warten auf ihren Prozess. Daran wird vermutlich auch Musik aus Mailand nichts ändern.

Das könnte Sie auch interessieren

Anzeigen
  • 18.04.2019
    Ab Samstag
    In Kehl startet am Samstag wieder der beliebte Ostermarkt. Bis zum 28. April warten auf Besucher dort zahlreiche Attraktionen und ein vielfältiges Programm.
  • 17.04.2019
    500 Quadratmeter Fläche
    Der Obi Markt in Offenburg hat seine neue 500 Quadratmeter große »BBQ & Grillwelt« eröffnet – und ist damit die Top-Adresse für Grill-Fans. Kunden erwartet ein konkurrenzlos großes Angebot an Grills und Zubehör von Top-Marken. In den kommenden Wochen gibt es dazu ein sehenswertes Showprogramm.
  • 08.04.2019
    Was ist wichtig bei der Planung der perfekten Traumküche? Hier sind die 10 wichtigsten Fragen und Antworten!
  • 01.04.2019
    Lahr
    Wer auf der Suche nach einem Suzuki-Neuwagen oder einem Gebrauchten ist und gleichzeitig eine vertrauensvolle, persönliche Beratung möchte, dem kann geholfen werden: Das Suzuki-Autohaus Baral in Lahr ist genau die richtige Adresse für jegliches Anliegen rund um Suzuki. 

Weitere Artikel aus der Kategorie: Kultur

Rami Malek will als Bösewicht James Bond das Leben schwer machen.
vor 3 Stunden
Oracabessa
Noch immer hat der 25. James-Bond-Film keinen Titel. Immerhin stellten die Produzenten jetzt die hochkarätige Besetzung vor und verrieten erste Details der Handlung: Agent 007 hat den Dienst quittiert.
Uwe Kockisch in einer Szene des Fernsehfilm »So weit das Meer«.
vor 10 Stunden
Uwe Kockisch
Uwe Kockisch spielte in der ZDF-Tragödie »Soweit das Meer« einen Vater, der den vermeintlichen Vergewaltiger seiner Tochter tötet und verurteilt wird. Mit der Mittelbadischen Presse sprach der Schauspieler zum ersten Mal über seine eigene Erfahrung in einem DDR-Zuchthaus.  
Donald Trumps Stern auf dem Hollywood Walk of Fame.
vor 10 Stunden
Los Angeles
Donald Trumps Stern auf dem berühmten «Walk of Fame» in Hollywood ist erneut beschädigt worden. Diesmal ging ein Unbekannter mit Sprühfarbe zur Sache, wie US-Medien berichteten.
Robert De Niro kommt zur Vorführung der Dokumentation «The Apollo», mit der das Tribeca-Filmfestival eröffnet wurde.
vor 11 Stunden
New York
Mit mehr als 100 Produktionen im Programm hat am Mittwoch in New York das renommierte Tribeca-Filmfestival begonnen. Gezeigt wurde im Stadtteil Harlem eine Dokumentation über den berühmten Konzertsaal Apollo.
Jürgen Stark.
vor 15 Stunden
Kulturkolumne
Nach dem Rapper-Skandal bei der Echo-Verleihung hat der Bundesverband Musikindustrie (BVMI) den einst drittgrößten Musikpreis der Welt im letzten Jahr kurzerhand eingestellt. Jetzt wird über einen neuen Preis diskutiert. Aber es sieht nicht gut aus.   
24.04.2019
Festspielhaus: Rückblick und Ausblick
Die »klassischen« Töne der Osterfestspiele im Festspielhaus klingen noch nach, da hört man bereits »poppige« Klänge: Das Erfolgs-Musical »Mamma Mia!« kommt mit den Hits von Abba vom 26. April bis 2. Mai nach Baden-Baden.
24.04.2019
Künstler-Tagebuch
Der Oppenauer Künstler Tim Otto Roth arbeitet derzeit in Indien, genauer in Varanasi, zusammen mit heimischen Künstlern an einem neuen Projekt. In einem "Tagebuch" gibt er Impressionen. 
24.04.2019
"Beat It!" in der Oberrheinhalle
Martialische Gestalten marschieren im wummernden Bass-Takt auf die Bühne. Blendende Lichtstrahlen, ein Knall – und da ist er: Michael Jackson leibhaftig. Der Eingangssong »They don’t care about us« sorgt für einen furioser Auftakt. In der restlos ausverkauften Oberrheinhalle bejubelten am...
Scarlett Johansson in einer Szene von «Avengers: Endgame».
24.04.2019
Berlin
Wohl noch nie in der Historie der US-Superheldenfilme hat ein Werk im Publikum so viele offene Münder hinterlassen wie zuletzt «Avengers: Infinity War». Der Film, der vor einem Jahr in die deutschen Kinos kam, überraschte mit einem so melancholischen wie brutalen Ende: Mit einem Fingerstreich hatte...
Verena Lafferentz-Wagner und der damalige Festspielleiter Wolfgang Wagner 2008 in bayreuth.
23.04.2019
Bayreuth/Überlingen
Sie war die letzte Enkelin des Komponisten Richard Wagner (1813-1883): Nun ist Verena Lafferentz-Wagner am vergangenen Freitag im Alter von 98 Jahren in Nußdorf, einem Ortsteil von Überlingen am Bodensee, gestorben. Das teilte das Präsidiumsmitglied im Richard-Wagner-Verband International, Rainer...
Cervantes-Preisträgerin Ida Vitale (m) mit König Felipe und Königin Letizia von Spanien nach einer Zeremonie.
23.04.2019
Madrid
Die uruguayische Dichterin Ida Vitale (95) hat den Premio Cervantes, die bedeutendste Literaturauszeichnung der spanischsprachigen Welt, in Empfang genommen.
Blick in die Ausstellung «Mantegna und Bellini. Meister der Renaissance».
23.04.2019
Berlin
Zwei Legenden der Renaissance locken weiter kräftig Besucher: Die Ausstellung «Mantegna und Bellini. Meister der Renaissance» in Berlin erfreut sich anhaltend großer Nachfrage.