Stuttgart

Schorsch Kamerun bespielt «Stuttgart 21»

Autor: 
dpa
Lesezeit 4 Minuten
Jetzt Artikel teilen:
20. September 2019
Regisseur Schorsch Kamerun bei der Generalprobe des Musiktheaterstücks «Motor City Super Stuttgart».

Regisseur Schorsch Kamerun bei der Generalprobe des Musiktheaterstücks «Motor City Super Stuttgart». ©dpa - Bernd Weißbrod

Die Bühne ist ein Loch mitten in der Stadt - ein gewaltiger Schlund, der sich auftut hinter den Bauzäunen zwischen Fußgängerzone, Planetarium und Park. Und für kurze Zeit ist die Bühne auch ein Boulevard, ein Beach, eine Besucherterrasse. 

Als «Stuttgart 21» berühmt und auch berüchtigt geworden, verliert die Baugrube der Nation am Hauptbahnhof der Stadt an den kommenden Abenden ein wenig von der Distanz, die viele in Stuttgart zu ihr aufgebaut haben. Nicht Betonbauer, Eisenbieger und Ingenieure bespielen dann diesen Teil des milliardenschweren Bauprojektes. Vielmehr übernehmen Laienchöre, Streicher und ein bekannter Punk-Musiker die Bühne im Scheinwerferlicht, wenn Regisseur Schorsch Kamerun unter dem Titel «Motor City Super Stuttgart» seine Vision für Stuttgart 21 präsentiert.

Diese Version ist bunt, sie ist ein wenig schrill, mutig und sicherlich in den Augen der meisten gänzlich unrealistisch. Denn für den Regisseur und Sänger der Band Die Goldenen Zitronen hat Stuttgart 21 keine Zukunft. «Mich beeindruckt dieser technische Wirkungs- und Geltungskampf nicht mehr», sagte Kamerun vor der Uraufführung des Stücks am Donnerstagabend (19.30 Uhr). Symbolisch stehe der Bahnhof für das Gegenteil dessen, was derzeit gezeigt werden sollte, «das Unaufgeblähte, das Nichtausgebreitete».

Regisseur präsentiert seine Vision für Stuttgart 21

Deshalb gibt er kein Pro und Contra vor. Vielmehr geht «Motor City Super Stuttgart» davon aus, dass der Mega-Bau bereits gescheitert ist. Kein Vor oder Zurück soll es geben, sondern einen neuen Ansatz. 
Die «Baustellensinfonie» führt der 56-Jährige mit Einverständnis des verantwortlichen Vereins Bahnprojekt StuttgartUlm auf. Durchaus offen sei man, sagt dessen Vertreter David Bösinger, «weil die Leute informiert sein sollen über das Projekt und sich dann auch eine Meinung bilden können».

Das Orchester musiziert direkt unter einer der massiven Kelchstützen an den künftigen Gleisen, das Publikum nimmt mit Kopfhörern ausgestattet Platz unter der zweiten der bislang drei fertiggestellten Stützen, die die spätere Dachkonstruktion tragen sollen. Dort, wo später Fernzüge einfahren werden, zeichnen Kamerun und sein recht bunt zusammengestelltes Team aus Profis und Laien ein Bild von einer Region in Grau: «Wer will wie noch wo erwecken, alles bloße Wiederkehr», singt er - und bietet gleich dabei seine Perspektive für Stuttgart 21 an: ein Laufsteg der Gesellschaft könnte es werden, ein Garten für alle, ein Labor für Mutige und eine Zuflucht für Suchende, eine Art utopischer Lebensmodell-Park. Ein kollektiv genutzter Ort, an dem man weder kaufen noch verwerten kann. 

- Anzeige -

Orchester musiziert unter einer massiven Kelchstütze

Eine Wende also? Nein, das will die musizierende und spielende Motor City-Clique nicht. Sie plädiert nicht für den Kopf- oder für den Durchgangsbahnhof, wie es die Gegner und die Befürworter des Projektes tun. Kamerun tritt voll auf die Bremse - und will am liebsten nichts mehr verändern. «Alles so lassen in seiner scheinbaren Katastrophe», formuliert es Schauspieler Robert Roi, der unter anderem einen Investor mimt. «Wir schaffen das, weil wir es lassen.» Warum nicht denselben Weg gehen wie Detroit Motor City, die gescheiterte US-Autometropole, die auferstanden ist aus den Ruinen der Finanzkrise?

Fast punkig begleiten die Stuttgarter Philharmoniker diesen Weg an einigen Stellen, schräg bisweilen. Passende Punk-Klassiker wie «Zurück zum Beton» von S.Y.P.H. dürfen als Anspielungen an einem Abend mit Kamerun ebenso wenig fehlen wie «Wir bauen eine neue Stadt», das eigentlich aus der Kinderoper von Paul Hindemith stammt, in der Baugrube aber in einer Version der Hamburger Gruppe Palais Schaumburg gespielt wird. Und selbst Händel hat einen Auftritt: Seine Arie «Ombra mai fiu» singt Sopranistin Josefin Feiler vor der Kulisse von Baukränen und Stahlgerüsten.

Bunter und kurzweiliger Abend

Ein bunter, ein kurzweiliger Abend, von dem neben Anregungen für eine vielleicht ja bessere Welt vor allem die Bilder bleiben: die überdimensionale aufgeblasene Giraffe, die ihren Hals aus dem Bauloch reckt; die joggende Schauspielerin auf der Bau-Bühne; die Hobby-Gärtner der Urban Gardening Initiative, die Topfpflanzen in Schubkarren vorbeiziehen und die graue Betonszene mit grünen Tupfern versehen; ein Hochzeitspaar, das sich unter einem aufgeblasenen Regenbogen das Ja-Wort gibt in einer perfekten Welt; Liegestühle und breite Sonnenhüte, ein Astronaut und das Märchen von den Elefanten beim Baustellenbesuch.

Weitere Artikel aus der Kategorie: Kultur

Besucher im norwegischen Pavillon.
vor 3 Stunden
Frankfurt/Main
Mit einem Plus bei Lesepublikum und Fachbesuchern ist die Frankfurter Buchmesse am Sonntag zu Ende gegangen. 302.267 Besucher (2018: 285.024) kamen auf das Messegelände, das waren 5,5 Prozent Zuwachs im Vorjahresvergleich, wie es am Abend in einer Mitteilung der Buchmesse hieß.
Tim Otto Roth in seinem neuen Studio. An den Wänden hängen Teppiche, die bei einem Projekt in Indien gefertigt wurden.
vor 8 Stunden
Installationskünstler Tim Otto Roth hat sein neues Atelier bezogen
Es blinkt, es tickt und zischt: Die ersten Besucher des Oppenauer „Schlössles“ erlebten eine geheimnisvolle Symphonie aus Klang und Licht. Im imposanten Bau des ehemaligen Postgebäudes kann Konzeptkünstler und Komponist Tim Otto Roth nun seiner Kreativität freien Lauf lassen.  
Saša Stanišics Roman „Herkunft“ im Buchregal.
20.10.2019
Nachbetrachtung zum Deutschen Buchpreis 2019
Saša Stanišic hat für seinen Roman „Herkunft“ den Deutschen Buchpreis 2019 erhalten. Was bedeutet ein solcher Preis für einen Schriftsteller? Und was muss er mitbringen, um in die Endauswahl eines solchen Wettbewerbs zu kommen? 
Hiroyuki Masuyama mit einer rotglühenden Sonne.
20.10.2019
Ausstellung in der Städtischen Galerie Offenburg
Der japanische Fotograf Hiroyuki Masuyama blickt auf Mikro- und Makrokosmos. Seine Ausstellung in der Städtischen Galerie Offenburg zeigt weitläufige, am Computer komponierte Panoramen auf den Spuren der Landschaftsmaler des 19. Jahrhunderts.  
Nebulöse Handlung in einer Ruine: „Warten auf Godot“ überlässt es dem Zuschauer, die Botschaft des Stücks zu deuten.
18.10.2019
Landestheater Tübingen gastierte in Lahr
Samuel Becketts „Warten auf Godot“ zählt zu den Paradebeispielen des absurden Theaters. Das Stück gibt Rätsel auf, erschließt sich auch auf den zweiten oder dritten Blick nicht. Erfolgreich inszeniert und gespielt wird es trotzdem, wie das Gastspiel des Landestheater Tübingen (LTT) in Lahr gezeigt...
Wolf Hogekamp sowas wie der Pate des Poetry Slam.
18.10.2019
Berlin
Es geht um fünf, vielleicht sechs Minuten. Eine Art Kampf auf der Bühne. Mit eigenen Worten, Text gegen Text. Thema? Egal. In den Anfängen wurde schon mal das Kleingedruckte auf einer Chipstüte vorgelesen, erinnert sich Wolf Hogekamp.
Mit Regenschirmen beteiligen sich zahlreiche Menschen auf der Buchmesse an einer Mahnwache für die Meinungsfreiheit.
18.10.2019
Frankfurt/Main
Die Frankfurter Buchmesse ist am Freitag zum letzten Mal für Fachbesucher - das sind Verleger, Buchhändler, Autoren, Agenten, Übersetzer oder Journalisten - reserviert.
Wilhelm Sasnal, Angela Merkel, blau, 2017.
17.10.2019
Paris
Georg Baselitz, Damien Hirst, David Hockney, Pierre Alechinsky, Yayoi Kusama, Marlene Dumas und Wolfgang Tillmans: Künstler, die auf der Pariser Branchenmesse FIAC (Foire international dart contemporain) präsentiert werden.
Patti Smith, wie man sie noch nicht gesehen hat: «Before Easter After».
17.10.2019
Berlin
In ihrer Autobiografie «Just Kids» erzählt Patti Smith die Geschichte einer Freundschaft. Die Geschichte ihrer Freundschaft mit dem Fotografen Robert Mapplethorpe, die beide nach bescheidenen Anfängen schließlich Ikonen werden sollten.
Die Wahl zum «Jugendwort des Jahres» fällt aus.
17.10.2019
München/Stuttgart
Es ist das Ende einer kleinen Ära: Die Wahl zum «Jugendwort des Jahres» fällt in diesem Jahr aus. Kein «Babo» mehr, kein «Smombie», kein «Yolo» und kein «I bims». Das bestätigt der Leiter des Pons-Verlags, Erhard Schmidt, der Deutschen Presse-Agentur.
Wird es diesmal gelingen?.
17.10.2019
Cleveland
Die Düsseldorfer Elektronikband Kraftwerk ist für die Aufnahme in die «Rock & Roll Hall of Fame» nominiert worden.
Ursula Haeusgen hat das Lyrik Kabinett aufgebaut.
17.10.2019
München
Es ist ein verwunschener Ort mitten in München, wie gemacht, um dem Brausen der Großstadt zu entfliehen: Nur wenige Schritte vom verkehrsumtosten Siegestor entfernt versteckt sich in einem Hinterhof ein von Efeu und Bäumen umrahmtes Gebäude mit einladenden Glasfronten.

Das könnte Sie auch interessieren

- Anzeige -
  • 18.10.2019
    Mediterrane Atmosphäre
    Der verführerische Duft von frisch gebrühtem Espresso, leckeren Antipasti oder frischer Pasta – das CASAMORE in Hohberg versetzt seine Gäste auf eine genussvolle Reise durch die mediterrane Küche. Unter Palmen und Olivenbäumen darf man sich ein bisschen wie im Urlaub fühlen.
  • 16.10.2019
    Schaurigschöne Attraktionen in Kappel-Grafenhausen
    Was unternimmt man am besten mit den Kindern wenn es draußen kalt ist und regnet? Diese Frage müssen sich Eltern jetzt nicht mehr stellen. Denn im Freizeitpark Funny World in Kappel-Grafenhausen können Familien bei vielen Indoor- und Outdoorattraktionen den perfekten Tag erleben! Und pünktlich zur...
  • 11.10.2019
    Offenburg
    Sorgenfrei zur Traumküche, von der Planung bis zur Montage, begleitet von erfahrenen Profis – das bietet die Streb-Küchenwelt in Offenburg. Der verkaufsoffene Sonntag am 13. Oktober ist die ideale Gelegenheit für eine entspannte Beratung vor Ort.
  • 08.10.2019
    Entspannung ist im hektischen Alltag immer wichtiger. Die volle Entspannung finden Sie im Nationalpark-Hotel Schliffkopf auf den Höhen der Schwarzwaldhochstraße. Mit der Kombination aus hochwertigen Pflegeprodukten und einer einzigartigen Landschaft, können Kunden voll vom Alltag abschalten.