Festival »Musica« in Straßburg

Schräg und wild: »200 Motels Suiten« von Frank Zappa

Autor: 
Jürgen Haberer
Lesezeit 3 Minuten
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24. September 2018
150 Mitwirkende standen bei Frank Zappas »200 Motels« auf der Bühne im Straßburger Zénith. Rund 2000 Zuschauer erlebten eine denkwürdige Vorstellung.

150 Mitwirkende standen bei Frank Zappas »200 Motels« auf der Bühne im Straßburger Zénith. Rund 2000 Zuschauer erlebten eine denkwürdige Vorstellung. ©Jürgen Haberer

Frank Zappas »200 Motels Suiten« markierten am Freitagabend den Auftakt der 35. Auflage des Festivals »Musica«. Knapp 150 Akteure boten im Straßburger Zénith ein überbordendes Musikspektakel im Spannungsfeld zwischen Popkultur und zeitgenössischer Klassik.  

Im Jahr 1971 von Frank Zappa mit den Mothers of Invention und dem Londoner Royal Philharmonic Orchestra erstmals realisiert, haftete »200 Motels« lange der Nimbus eines chaotischen und bizarren, vielleicht auch unfertigen Musiktheaters an. Das zuerst als Film, dann auch als Langspielplatte veröffentlichte Werk wurde von Frank Zappa selbst aus unvollständigen Filmsequenzen zusammengeschnitten und vom Publikum kaum verstanden. 

»200 Motels« taucht ein in den Tourneealltag einer Rockband, reiht mehr oder weniger unzusammenhängende Fragmente aneinander, die von den surrealen, manchmal fragwürdigen Auswüchsen des Showgeschäfts, von Sex, Drugs & Rock ’n’ Roll“ erzählen. Aber auch vom Zusammenbruch eines umjubelten Stars, von der Diskrepanz zwischen dem Glanz der Bühnenshow und dem Alptraum billiger Hotelzimmer und schäbiger Künstlergarderoben. 

»200 Motels« reiht sich aber auch ein in die lange Liste der überwiegend klassisch geprägter Kompositionen Frank Zappas, zu denen er bereits in den späten 1950er-Jahren durch die Musik von Edgar Varèse inspiriert wurde. Der ausgewiesene Bürgerschreck und Meister gesellschaftskritischer, oft obszöner Rockshows hat sich mit Werken wie »200 Motels«, »The Perfect Stranger«, »The Adventures of Greggery Peccary« und dem kurz vor seinem Tod mit dem Ensemble Modern eingespielten »The Yellow Shark« auf dem Feld der E-Musik einen Namen gemacht. 

Es sind ausgefeilte, hochkomplexe Klangschöpfungen mit einer stark perkussiven Prägung. Kompositionen, die sich klar abgrenzen gegen den oft bombastisch überfrachteten Symphonic Rock und die heiße Luft orchestral aufgeblasener Popsongs.

Energiegeladen

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»200 Motels« fällt dabei durchaus etwas aus dem Rahmen. Das Original aus dem Jahr 1971 kommt rau und energiegeladen daher, ist stark geprägt durch die Band Mothers of Invention. Esa-Pekka Salonen und die Los Angeles Philharmonic haben 20 Jahre nach Zappas Tod das überarbeitete »200 Motels – The Suites« vorgelegt, dass nun auch als Vorlage für die französische Erstaufführung am Freitagabend zum Auftakt der diesjährigen Ausgabe des Festivals »Musica« gedient hat.

 Knapp 150 Akteure wurden dafür aufgeboten: Die Straßburger Philharmonie unter der Leitung von Léo Warynski, das Ensemble Les Percussions de Strasbourg und das Vokalensemble Les Métaboles. Dazu ein halbes Dutzend Solisten und die Rockband The Head Shakers. Das vom französischen Radiosender France Musique aufgezeichnete Spektakel, dass am Mittwoch, 26. September, ab 20 Uhr ausgestrahlt wird, hat die Rolle der Rockband zugunsten klassischer Feinkost zurückgedrängt. 

Das szenische Spiel konzentriert sich weitgehend auf eine in das Orchester eingebettete Bühne. Seine Wirkung wird durch die auf eine Leinwand über der Bühne projektierten Livebilder und zusätzliche Einspielungen verstärkt. 

Auf dem Feld der E-Musik

Die rund 2000 Zuhörer in der Straßburger Konzerthalle Zénith erlebten eine durchaus denkwürdige Melange aus 
wildem Musikkabarett, surrealer Comedy und klassischer Moderne. Gezeigt wurde eine musikalisch weit in das Feld 
der E-Musik vordringende Inszenierung. Sie untermauerte den Anspruch des Orchesters und der beteiligten Ensembles ebenso, wie den Ruf Frank 
Zappas als ein Schöpfer anspruchsvoller Klangkost. Gewürzt war sie mit den Zutaten einer wilden und schrägen, aus heutiger Sicht nur noch ein bisschen obszönen Bühnenshow von großem Unterhaltungswert.  

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