Joachim Kalka: „Staub“

Staub bist du, und Staub sollst du werden

Autor: 
Julia Schröder
Lesezeit 4 Minuten
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10. Dezember 2019
 

  ©Foto: Veranstalter

Der überaus belesene Joachim Kalka rettet in seinem neuen Essayband die Ehre der grauen Materie.

Stuttgart - Der als Kritiker und Übersetzerbekannte Joachim Kalkafügt der schmucken Reihe seiner Essays im Berenberg-Verlag eine weitere Folge hinzu. Hatte er sich zuletzt den Mond essayistisch vorgeknöpft, einen vergleichsweise großen Himmelskörper mithin, schaut er nun aufs denkbar Winzigste: den Staub, jene zumeist graue Materie, die der moderne Mensch mit allen Mitteln bekämpft und die ihm doch unabweislich die allen und allem gemeinsame Zukunft vor Augen führt. Die Herkunft im Übrigen auch. „Staub bist du, und Staub sollst du wieder werden“, spricht Gott im dritten Kapitel der Genesis, Adam und Eva des Paradieses verweisend.

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Dass man vor diesem Hintergrund den Staub, dies Niedrige, Trocken-Tote, deprimierend Allgegenwärtige, durchaus umdeuten kann in eine Art Ursubstanz, zeigt Kalka an einem frühen Gedicht von Gilbert Keith Chesterton, „The Praise of Dust“. In diesem Lobpreis des Staubs weist der Father-Brown-Erfinder dessen Verächtlichmachung entschieden zurück: Schließlich habe Gott aus Staub nicht nur bunte Blumen und schimmernde Steine, sondern auch das Antlitz der Geliebten geschaffen. Von Chesterton kommt der essayistische Staubfänger schnell auf Conrad Ferdinand Meyer, der für den erotischen Fehltritt das Bild des Im-Staube-Schreitens gefunden hat. Zuvor besichtigt Joachim Kalka die diversen Bedeutungsebenen des sich oder andere In-den-Staub-Werfens von der Proskynese der alten Perser über Kleists Drama „Prinz von Homburg“ bis zur Western-Floskel, jemanden Staub fressen zu lassen. (Bloß den Queen-Klassiker „Another one bites the Dust“ lässt er aus.)

Ähnlich handhabt Kalka andere Aspekte des Themas, etwa den Topos, etwas in den Staub zu schreiben – was ja nicht nur von Jesus überliefert ist, der soeben die Ehebrecherin vor der Steinigung gerettet hat, sondern täglich auf den Windschutzscheiben seit Längerem abgestellter Autos besichtigt werden kann. Kalka würdigt die Rolle des Staubs als Hinweisgeber im Kriminalroman, als Unheimlichkeitsverstärker im Horrorgenre, als Quell der Erkenntnis in T. S. Eliots „Wüstem Land“: „I will show you fear in a handful of dust.“

Der Staub der Jahrhunderte wird gesiebt

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Die Staubwolke, die den nahenden, womöglich rettenden Reiter oder das massenhafte Sterben auf dem Schlachtfeld anzeigt, der Staub im Atelier von Marcel Duchamp, der Staubsauger oder die Staublunge, Sternenstaub, Blütenstaub, Sonnenstäubchen oder die vielen unterschiedlichen Stäube in Dickens’ Müllunternehmerroman „Our mutual Friend“ – was auch immer die Lupe des Essayisten beim Durchmustern von Literatur- und Kunstgeschichte erfasst, es verbindet sich scheinbar zwanglos, allein den Einfällen und Interessen des Verfassers folgend.

Im Vorwort greift der Autor nicht ohne Grund Robert Burtons „Anatomie der Melancholie“ auf; er bezeichnet diese berühmte Stoffsammlung von 1621 als „Schatzhaus kurioser und hilfreich überflüssiger Information“. So könnte man auch Kalkas essayistische Unternehmungen nennen – cum grano salis, versteht sich, denn überflüssig ist das von ihm Zusammengetragene und quasi plaudernd Montierte vielleicht, hilfreich aber ist es in einem ganz emphatischen Sinn. „Sieben des Staubes“, dust-sifting, ist das, was die Archäologie treibt – Kalka siebt den Staub der Jahrhunderte und den unserer eigenen aufgeregten Zeitläufte, indem er mal dieses, mal jenes aus dem Zettelkasten beziehungsweise seinem hochgebildeten und überaus belesenen Oberstübchen zieht. Kalka selbst spricht im Hinblick auf seine unmethodische Methode von „serendipity“, was er definiert als „Prinzip ( . . . ) der ungesuchten Entdeckung, der fruchtbar werdenden Nichthierhergehörigkeit“ oder – kurz – des „von Hölzken auf Stöcksken“.

Dieses Ungesuchte ist es wohl, was Kalkas Entdeckungen von gewöhnlichen motivgeschichtlichen Anthologien unterscheidet. Uns, seinen Lesern, führt es auf unterhaltsamste Weise vor Augen, woraus wir gemacht sind. Oder gemacht sein können, wenn wir uns nur anregen lassen, einfach selbst weiterzulesen. Und was könnte anregender sein als all diese Fundstücke und Fragmente? Dass die Kostbarkeiten, die im Staube glänzen, wie ungesucht auch immer, nicht allein für sich liegen bleiben, sondern in der „Logik der Abschweifung“ mit einem ebenso fundierten wie originellen Kontext angereichert werden, ist an Joachim Kalkas „Montage-Essay“ gerade das besonders Schöne.

Joachim Kalka: Staub. Ein Montage-Essay. Berenberg Verlag. 152 Seiten, 22 Euro.

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