Rückblick auf ein reiches Künstlerleben
Dossier: 

"Systemrelevant": Ilse Teipelke und ihr Werk

Autor: 
Jutta Hagedorn
Lesezeit 6 Minuten
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27. November 2020

(Bild 1/3) Ilse Teipelke am Großen Deich in Offenburg: Die Künstlerin blickt in einer lesens- und sehenswerten Autobiografie in Form eines Katalogs auf ihr Lebenswerk zurück. ©Ulrich Marx

Die Künstlerin Ilse Teipelke ist immer noch eine bekennende Streiterin für die Rechte der Frauen. „Ich wollte, dass man meine Stimme hört“, sagt sie im Gespräch. Ihre künstlerische Biografie trägt deswegen auch den Titel „systemrelevant“.

Es ist einer dieser herrlich klaren Novembertage. Also schlägt die Künstlerin Ilse Teipelke einen Spaziergang am Großen Deich in Offenburg vor. Da können die Gedanken und Erinnerungen fliegen. Ein Gespräch wäre schon längst mal wieder fällig gewesen, nun gibt ihre Biografie, ihre ganz private Retrospektive, den Anstoß. 

„Systemrelevant“ hat sie ihren Katalog, ihren Rückblick genannt, der viel offenbart von dem, wer und was sie ist, war und fühlt. Und selbstverständlich von ihrer Entwicklung als Künstlerin. Ilse Teipelke spricht durch ihre Kunst, ihre Kunst spiegelt ihren Charakter, ihr Engagement und ihre Einstellung. Und die lautet: Ausprobieren, gerade als Frau nicht unterkriegen lassen. Selbst wenn das heißt, mal etwas lauter werden zu müssen. Auch davor hatte sie nie Angst.  
Wie hat es sie berührt, dass neuerliche Kulturverbot? Das Thema und der Begriff „Solo-Selbstständige“ hat sie gestört, und sie habe sich überlegt, wie man da unterstützen kann. Unter anderem über ihre Ilse-Teipelke-Stiftung, eine Zustiftung zur Bürgerstiftung Kehl. Sie habe der Lockdown der Kultur ja nicht so betroffen wie andere Künstler, aber „ich saß da, und habe mir Gedanken gemacht“, sagt Ilse Teipelke. Und da sie auch die Reisen zu Freunden nicht unternehmen konnte, habe sie im Frühjahr begonnen, ihr Archiv zu ordnen und Rückschau zu halten, erzählt sie. „Ich schreibe auch gerne. Das ging mir ganz leicht von der Hand und hat sehr viel Spaß gemacht“.

Was hat sie gefühlt, als sie so zurück durch die Jahrzehnte gereist ist. War sie zufrieden mit dem Erreichten, dem Erschaffenen? Immerhin präsentiert sie ein beachtliches Lebenswerk, auch wenn längst nicht alle Werke für die Ewigkeit gemacht waren. Und nicht nur künstlerisch, sondern auch als Streiterin für die Sache der Frau hat sie einiges geleistet. 2008 – 100 Jahre Frauenwahlrecht: die Ausstellung „Frauen waren dabei“ im Ritterhaus Offenburg, die Arbeit für und mit dem Frauenmuseum Bonn, ihre Beiträge zu „Frauen in der badischen Revolution“. Da fällt Ilse Teipelke so einiges ein. 

Keine Schublade

Also – ist sie zufrieden? Die Antwort erstaunt: „Zufrieden nicht. Es war immer ein Kampf.“ Galerien wollten sie nicht vertreten, weil sie „schwer einschätzbar war“, erzählt Ilse Teipelke. „Das war schon schwierig. Es hieß immer, die macht so viel“. Aber es war auch nicht ihr Ziel, in eine Schublade zu gehören. Aber „nicht einschätzbar“ ist auch nicht richtig. Denn Ilse Teipelke und ihre Kunst steht für eine klare Linie: „Ich war am Leben interessiert. An einer Sprache, die ich selber noch nicht konnte.“ 
Vielleicht misslang die „Einschätzung“ bisweilen auch deswegen, denn Ilse Teipelke probierte immer wieder Neues aus. In ihren Arbeiten ging es um „Verletzungen“, um die Natur und die Stimme der Natur („Der blaue Planet“), um die Stellung der Frau über die Jahrhunderte (Hommage an Olympe de Gouge, 1748-1793; Frauen in der badischen Revolution), und ihr Verhältnis zum Mann. Ilse Teipelke konfrontierte mit Krieg („Bombenteppich“ oder „Gazastreifen Weihnachten 2012, Wüstenkrippe“) und mit Freiheit. Aber gerade das machte ihr Werk so spannend. Denn die gesellschaftskritische Künstlerin konnte auch zart sein, emotional: Die Ausstellung „Glück“ in Haslach war bezaubernd. 

„Zufrieden bin ich nicht, aber ich bin glücklich, dass ich das alles machen konnte“, erklärt sie. Ein Motivator: „Ich wollte, dass meine Stimme gehört wird.“ Das meint die Frau, die zur ersten Generation der Feministinnen gehört, die immer für Gleichberechtigung der Frau gekämpft hat. Besonders amüsiert sie heute das damalige Entsetzen der Familie bezüglich ihres Wunsches, als Bildhauerin zu arbeiten. „Als Frau?“, hätten sie gefragt, sagt sie. „Wenn schon, dann aber bitte wenigstens was Kleines“, zitiert sie Stimmen von damals. Heute kann sie darüber lachen, damals nicht.

Die Bedingungen der Pandemie sieht sie auch als Möglichkeit für etwas Neues, sagt sie. Und da sie gerne schreibt, hat sie zurückgeblickt, ihr Werk sozusagen textlich und fotografisch gesichert, eine Bilanz gezogen. „Ich habe mich vielleicht zu viel über meine Arbeit definiert“, denkt Ilse Teipelke laut nach, sagt dann aber: „mir war nichts anderes so wichtig“. 

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Besonders gerne denkt sie an „Hotel Sehnsucht“ zurück, die Ausstellung, in der sie alle Räume der leerstehenden Tulla-Realschule in Kehl bespielte. „Da musste ich anfangs ganz dicke Bretter bohren, man hat mich abgewimmelt“. Doch als das Projekt dann einen Namen hatte, erinnert sich Ilse Teipelke, „da lief’s“. 10 000 Euro hat sie selber investiert, und durch die Führungen alles wieder hereinbekommen. „Ich bin mit null Schulden da raus. Das war so eine tolle Stimmung. Endlich mal was Eigenes“, resümiert sie. 

Frauen für Frauen

Was bewegt sie sonst noch, wenn sie zurückblickt – ihr Katalog deckt immerhin 58 Jahre ab von 1962 bis 2020. „Das alles, was wir als Frauen für Frauen erreicht haben, in die nächste Generation getragen wird. Sonst ist es wieder weg“. Dass das Frauenmuseum Bonn, wo sie ihre erste Performance hatte, inzwischen seit 40 Jahren besteht, macht sie zufrieden. Und sie verspürt auch ein bisschen Dankbarkeit für die Möglichkeiten, die sie hatte. 

Geboren wurde Ilse Teipelke 1946 in Preetz, in Holstein, aufgewachsen ist sie jedoch in Offenburg, ist erst durch ihre Heirat nach Kehl übersiedelt. In Offenburg hatte sie auch ihr Atelier, hier entstanden Arbeiten wie der „Bombenteppich. Afghanistan“ oder die Ausstellung „Glück“ für Haslach oder die Installationen und Ausstellungen für Offenburg wie den „Flüsterturm“, in dem die Stimmen unzähliger Bücherhelden und Autoren wispern und tuscheln.  

„Hotel Sehnsucht“

Das Studium führte sie unter anderem nach Stuttgart und San Francisco, ihr Können und Wissen vermittelte sie bei diversen Lehraufträgen. Und wenn Galerien auch zurückhaltend waren, so war Ilse Teipelke national und international eine sehr gefragte Künstlerin, was die Teilnahme an vielen Projekten beweist. Die Liste ihre Preise, Würdigungen und Ausstellungen ist lang. 1983 etwa erhielt sie ein Stipendium der Kunststiftung Baden-Württemberg, 1987 wurde sie zur documenta 8 in Kassel eingeladen; 2002 war sie Preisträgerin des Keramik-wettbewerbs Offenburg. 
Auch in Kehl war Ilse Teipelke aktiv, initiierte den „Kehler-Kunst-Genuss“ zu Weihnachten, gründete 2014 den Club Voltaire, dessen Vorsitz sie 2019 abgab. Das aus ihrer Sicht sehr wichtige Projekt war dann 2013 besagtes „Hotel Sehnsucht“. 

Diese vielen Stationen erzählt Ilse Teipelke anschaulich und ausgesprochen unterhaltsam in ihrem Katalog. Der heißt „systemrelevant“ – auch das ist doppeldeutig. Kunst ist systemrelevant, aber auch die Frauen, die sich als Künstlerinnen behaupten müssen.

„Systemrelevant“ – besser hätte Ilse Teipelke ihr Leben und ihr Werk nicht benennen können. 
 

Zur Person

Ilse Teipelke

Ilse Teipelke wurde 1946 in Preetz/Holstein geboren, studierte von 1968 bis 1971 an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart, hatte diverse Lehraufträge und erhielt etliche Stipendien und Auszeichnungen, 1987 folgte die prestigeträchtige Einladung zur documenta 8 in Kassel. 
Ihre Arbeiten und Performances zeugen von großem gesellschafspolitischem Engagement: 1997 entstand die Installation „Die Frauen in der badischen Revolution 1948“ (Offenburger Ritterhaus), 1998 „Das Freiheitszimmer“ (Bundestag Bonn), sie schuf Kunst für den öffentlichen Raum (Regierungspräsidium Freiburg oder Tullich Farms in Schottland) und war national und international bei Ausstellungen vertreten.

Ilse Teipelke, „systemrelevant. 1962 bis 2020“, fadengebunden, 280 Seiten, Buchhandlung.

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