John Neumeier und Tänzer im Festspielhaus

Tanz um das einsame Licht auf der Bühne

Autor: 
Dietrich Mack
Lesezeit 3 Minuten
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11. Oktober 2020

Berührung ist nur für Partner möglich – wer alleine ist, liegt einsam am Boden. ©Kiran West

John Neumeiers „Ghost Light“ eröffnete die Saison im Festspielhaus. Er und sein Ballett kamen als erste Künstler wieder nach Baden-Baden, wo er vier Vorstellungen gab und gefeiert wurde.

Das Festspielhaus in Baden-Baden und sein Publikum könnten für den Hamburger Choreographen John Neumeier kein besseres Wort finden als es König Marke für Tristan fand: Er ist der treueste aller Treuen. Nach dem ewigen Lockdown kam Neumeier als erster wieder nach Baden-Baden: „Ich habe nie gezweifelt, dass wir herkommen würden“. Er gab mit seinem neuen Ballett „Ghost Light“ vier Vorstellungen für jeweils 500 Besucher,  wurde für die Choreographie und noch mehr für diese Solidarität gefeiert.

Neues Ballett

Neumeier ist ein sehr disziplinierter Mann, hat im Lockdown sein Ensemble im Probensaal warmgehalten. Er hat nicht resigniert, sondern aus einer der Corona-Regeln, aus der Abstandsregel mit all ihren physischen und psychischen Konsequenzen, ein neues Ballett kreiert. Das ist erstaunlich in diesen Monaten der Erstarrung, erhebt den Künstler über alle Manager und Intendanten.

Der Titel dieses Balletts, das vor einem Monat in Hamburg uraufgeführt wurde, stammt aus dem amerikanischen Theater. Ein „Ghost Light“, eine nackte Glühbirne auf einem Stativ, bewacht die leere, dunkle Bühne, beschwört die Geister und ist zugleich ein Zeichen der Hoffnung, dass die Dunkelheit wieder schwindet und Leben auf die Bühne zurückkehrt. Diese Theatertradition, die an die Bedeutung des Lichts in der Dunkelheit in uralten Mythen, in vielen Religionen und Ritualen anknüpft, wurde in diesem Jahr in New York, Sydney, Toronto, Helsinki und an vielen anderen Orten wiederbelebt. Auch Neumeier stellt das Geisterlicht ins Zentrum.

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Lastende Stille

Die Stille lastet schier endlos über der Szene. Wie Schemen treten in einem diffusen Licht die Tänzer auf. Der junge Pianist David Fray beginnt mit den „Moments Musicaux“ von Franz Schubert. Er spielt uneitel und sehr sensibel. Gleich das erste Stück schlägt den Ton des Balletts an: Verinnerlichung und Emotionalität. Später folgen „Vier Impromptus“ und weitere Werke von Schubert. 
Es wird keine Geschichte erzählt. Erzählt werden die Befindlichkeiten, Gefühle, Ängste, Hoffnungen, Sehnsüchte der Menschen in Corona-Zeiten. Aber auch derbe Empörung (großartig Alexandre Riabko im Scherzo Nr. 5) und frustriertes Herumlungern auf Plastikstühlen. Neumeier nennt es „Fragmente“ in Corona-Zeiten.

So werden wir das ganze Ensemble erleben, insgesamt 55 Tänzer. Die meisten von ihnen müssen Abstand halten, dürfen sich nicht stützen, heben, helfen, wie es Menschen tun und Tänzer es tun müssen; sie werfen sich verzweifelt auf den Boden, verkrümmen, quälen sich, huschen wie Geister über die Bühne. Hin- und hergerissen in ihren Gefühlen, fragil bis in die Zehenspitzen. Zwanzig von ihnen sind „privilegiert“, dürfen, da sie in Ehen und festen Partnerschaften leben, sich auch auf der Bühne berühren, sich aneinander klammern, die Pas de deux tanzen, die Höhepunkte jedes klassischen Balletts. 
Voller Wehmut werden die Klassiker „Kameliendame“ (Anna Laudere und Edvin Revazov) „Nussknacker“ (Emilie Mazon und Atte Kilpinen) und „Nijinsky“ (Alexandre Riabko und Silvia Azzoni) zitiert. Erinnerungen an glanzvolle Zeiten.

Folter und Hoffnung

„Ghost Light“ ist ein gefühlsbetonter Alptraum, der die Isolation als Folter zeigt, aber auch die Hoffnung auf menschliche Nähe beschwört. Licht in der Finsternis. Kein banaler Theaterabend, eher ein spirituelles Erlebnis. Über dem Anfang lag eine fast sakrale Stille; der herzliche, dankbare Schlussbeifall wurde leider durch schrille Schreie von Groupies empfindlich gestört. Sie hatten nichts verstanden.

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