"Willkommen bei den Hartmanns"

Tolles Theater in Oberkirch

Autor: 
Johanna Graupe
Lesezeit 3 Minuten
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22. September 2020

Dank des Einsatzes der Familie Hartmann (Antje Lewald und Steffen Gräbner) darf Diallo (Derek Nowak) in Deutschland bleiben. ©Johanna Graupe

Willkommenseuphorie und Überfremdungspanik: „Willkommen bei den Hartmanns“ in Oberkirch. In einem raffinierten Bühnenbild agierte ein großartiges homogenes Ensemble.

Funktioniert ein Integrationsthema als Komödie? Mit einer Mischung aus Humor und Tiefgang hielt auch die Bühnenfassung von „Willkommen bei den Hartmanns“ am Montag in Oberkirch die Zuschauer in Atem, ließ sie schmunzeln und nachdenklich werden. 

Die Freundin sieht sie als spießige Wohlstandsbürgerin, Sohn Philipp (Marc-Andree Bartelt) ist ein Workaholic, in Scheidung lebend und auf ein Burnout in Shanghai zustrebend; Tochter Sophie (Caroline Klütsch) ist Langzeitstudentin mit Männerproblemen, und der Arzt-Gemahl Richard (Steffen Gräbner) befindet sich in einer späten Midlife-Crisis, lässt sich Botox spitzen und denkt über eine Haartransplantation nach. Angelika Hartmann, ehemalige Rektorin mit kleinem Weinproblem (großartig als frustrierte Ehefrau: Antje Lewald) hat das alles satt. Sie will ein Projekt: Einen Flüchtling aufnehmen, was ihre Familie nur mäßig begeistert. 

Anderer Blick auf die Probleme

Doch Diallo aus Nigeria schleicht sich beim Kennenlern-Gespräch im Flüchtlingsheim („Deutschland sucht den Super-Flüchtling“) schnell in die Herzen der Familie und wird zum unfreiwilligen Therapeuten. Diallo wirkt wie ein „Vorzeige-Flüchtling“: sympathisch, arbeitseifrig, moralisch. Sogar der skeptische Richard lässt sich schnell von seinem Charme einfangen. Und die fixe Idee von Frau Hartmann hat durchaus positive Konsequenzen. 
Diallo beobachtet die Hartmanns und misst sie mit seinem nigerianischen Kulturmaß, hat einen besonderen Blick auf deren Probleme. Letztendlich gibt er viel von der ihm entgegengebrachten Zuwendung zurück. Flüchtling und Familie helfen sich gegenseitig, ohne es zu bemerken. Das Zusammenleben könnte deshalb eigentlich ganz harmonisch verlaufen, wären da nicht die innerfamiliären Spannungen, die Einmischung durchgeknallter Alt-68er und verrückter Fremdenhasser aus der Nachbarschaft, rechte Protestdemos, Missverständnisse und kritische Begegnungen mit der Polizei, eine Vielzahl von zum Teil witzig-überzogenen oder auch beklemmenden Nebenschauplätzen. 

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An einem Strang

In dem ganzen Trubel gibt es einen leisen, dafür aber sehr eindringlichen Moment, als Diallo in einem Monolog auf der Bühne von seinem Leben in Nigeria erzählt: wie die islamistischen Gruppe Boko Haram, die einen Gottesstaat will, in die Dörfer kommt, Menschen umbringt, Kinder entführt, um sie als Soldaten einzusetzen, seine Familie ermordet. Regisseur Bleiziffer bringt die Komödie, in die er kurz auch den Großbrand im Flüchtlingslager Moria einbringt, ziemlich abrupt zu einem positiven Ende. Als Diallos Asyl-Antrag abgelehnt wird, zieht die Familie Hartmann für die entscheidende Gerichtsverhandlung an einem Strang und Diallo darf bleiben. Strahlend sagt er: „Jetzt sage ich meiner ganzen Familie Bescheid, dass sie nach Deutschland kommen kann.“ Dann haut er dem entgeistert dreinschauenden Richard auf die Schulter: „Nur ein Scherz.“ Ein gelungener Schluss-Gag des Regisseurs Bleiziffer.

Raffiniertes Bühnenbild

In einem raffinierten, variablen  Bühnenbild – einer Mini-Bauhaus-Villa – agierte ein großartiges homogenes Ensemble: allesamt bekannte Fernseh- und Filmschauspieler, die dem Theater treu geblieben sind. Peter Clös und Juliane Ledwoch punkteten durch ihre bewundernswerte Wandlungsfähigkeit in zahlreichen Rollen. „Social distancing“ zeigte sich im Spiel, drückte aber auch auf das Applausverhalten: erst am Schluss, dann aber lang anhaltend.
Aufgrund der geltenden Abstandsregelung reichte der Platz gerade für die Hälfte der Abonnenten, zwei Aufführungen wären deshalb ideal gewesen. Diese Lösung ging aber zeitlich bei „Thespiskarren“ nicht. Die Abonnenten, die beim Losverfahren nicht zum Zuge kamen, erhielten einen Kulturgutschein.

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