Berlinale

Tragik und Leichtigkeit

Patrick Heidmann
Lesezeit 5 Minuten
Jetzt Artikel teilen:
18. Februar 2024
Jetzt in einer neuen historischen Rolle: Liv Lisa Fries

Jetzt in einer neuen historischen Rolle: Liv Lisa Fries ©Foto: AFP/John MacDougall

Das deutsche Kino bestimmt das erste Festivalwochenende – mit Andreas Dresens „In Liebe, Eure Hilde“ über eine NS-Widerstandskämpferin und „Sterben“ von Matthias Glasner.

Großes Hollywoodkino mag man in diesem Jahr im Wettbewerb der Berlinale vergeblich suchen, doch der eine oder andere prominente Star gab sich in den ersten Festivaltagen trotzdem die Ehre auf dem roten Teppich. Rooney Mara etwa, bekannt aus „Carol“ oder „Verblendung“, kam zur Weltpremiere von „La Cocina“, einem etwas inhaltsarmen, aber bedeutungsschwangeren und in Schwarz-Weiß gedrehten Restaurantküchen-Drama des Mexikaners Alonso Ruizpalacios, in dem sie eine ungewollt schwangere Kellnerin spielt. Und der Marvel-Star Sebastian Stan stellte mit Regisseur Aaron Schimberg und Co-Star Adam Pearson „A Different Man“ vor, eine abgründige Mischung aus Satire und Bodyhorror über einen Schauspieler, dessen Gesicht von Geschwüren gezeichnet ist.

Doch eigentlich stand das erste Berlinale-Wochenende im Zeichen des deutschen Kinos, gingen doch die beiden einzigen hiesigen Wettbewerbsbeiträge an direkt aufeinanderfolgenden Tagen ins Rennen um die Bären. Berlinale-Dauergast Andreas Dresen machte den Anfang mit „In Liebe, Eure Hilde“, in dem er – abermals nach einem Drehbuch von Laila Stieler – von Hilde Coppi erzählt, die mit ihrem Mann Hans in den frühen 1940er Jahren zur Widerstandsgruppe Rote Kapelle gehörte.

Liv Lisa Fries – bemerkenswert gut

Auf geschickte Weise erzählen Dresen und Stieler zwei Geschichten parallel: „In Liebe, Eure Hilde“ beginnt damit, wie die Titelheldin (Liv Lisa Fries) 1942 verhaftet und zu den Tätigkeiten ihres Mannes (Johannes Hegemann) befragt wird, der mit ihr und Gleichgesinnten unter anderem kommunistische Flugblätter druckte und Funksprüche nach Russland schickte. Coppi ist schwanger, ihr Sohn wird einige Monate später im Gefängnis geboren, keine vier Wochen später ihr Mann hingerichtet. Auch sie selbst wird wegen Vorbereitung zum Hochverrat zum Tode verurteilt, Hitler selbst lehnt ein Gnadengesuch ab, und die Vollstreckung wird nur so lange aufgeschoben, bis sie ihr Kind nicht mehr stillen muss.

Verwoben wird das Jahr im Gefängnis in Rückblenden und chronologisch rückwärts erzählt mit der Liebesgeschichte zwischen Hilde und Hans, sodass die große Tragik ganz selbstverständlich neben sommerlicher Leichtigkeit steht. „Babylon Berlin“-Star Liv Lisa Fries ist in der Hauptrolle bemerkenswert gut, ganz still und doch unerschütterlich. Aber Dresens Film über Anstand und Zivilcourage beeindruckt auch durch das Bild, das er von den jungen Widerstandskämpfern zeichnet, deren Alltag im Dritten Reich kaum weniger modern scheint als das Gleichaltriger heute. Und Nazideutschland hat man selten so auf der Leinwand dargestellt gesehen, ganz ohne Hakenkreuze und Uniformen, was die gnadenlose, durchorganisierte Menschenfeindlichkeit noch erschütternder macht.

Drei Stunden Konfrontation mit dem Tod

- Anzeige -

Schonungslosigkeit ist auch bei Matthias Glasner angesagt, der zum dritten Mal im Wettbewerb vertreten ist. In „Sterben“ konfrontiert er, dezidiert autobiografisch inspiriert, das Publikum drei Stunden lang mit dem Tod und rückt eine Familie ins Zentrum, die längst auseinandergedriftet ist. Lissy Lunies (Corinna Harfouch) ist kaum mehr in der Lage, sich um ihren fortschreitend dementen Mann Gerd zu kümmern, zumal sich ihr eigener Gesundheitszustand rapide verschlechtert. Ihr Sohn Tom (Lars Eidinger), ein Dirigent, arbeitet mit seinem depressiven besten Komponisten-Freund an einem neuen Orchesterstück, das mit dem Film den Titel teilt, und gibt für das frisch geborene Baby der Ex-Freundin den Wahl-Papa. Und Tochter Ellen (Lilith Stangenberg) bekämpft ihre Dämonen mit Unmengen von Alkohol.

Glasner widmet sich diesen Familienmitgliedern der Reihe nach, und der besonders trostlose Erzählstrang um die Eltern ist dabei der wahrhaftigste, schmerzhafteste – und stärkste. In erstaunlichen Nuancen macht Harfouch Jahrzehnte unaufgearbeiteter Emotionen greifbar, und ein Dialog zwischen ihr und Eidinger am Kaffeetisch gehört zu den erschütterndsten, die es im deutschen Kino seit Langem zu sehen gab. Doch die anderen Geschichten in „Sterben“ können da nicht mithalten. Je mehr es um Eidingers und vor allem Stangenbergs Figuren geht, desto dicker tragen alle Beteiligten auf, was „Sterben“ zusehends zu einer anstrengenden Angelegenheit macht.

Drama um den Kampf gegen die Sucht

Parallel präsentierten in Sektionen jenseits des Wettbewerbs auch zwei deutsche Regisseurinnen ihre neuen Filme. „The Outrun“ von Nora Fingscheidt hatte Weltpremiere vor einigen Wochen in Sundance gefeiert und zeigte in Berlin nun im Panorama, wie viel vielschichtiger und eindringlicher man von Alkoholismus erzählen kann, als es Glasner in „Sterben“ tut. Fingscheidt („Systemsprenger“) hat sich dieses Mal mit der mehrfach Oscar-nominierten irischen Schauspielerin Saoirse Ronan zusammengetan und erzählt – basierend auf einer wahren Geschichte – von der jungen Rona, die nach einem tragischen Vorfall versucht, trocken zu werden und dazu in die raue Natur ihrer schottischen Heimat zurückkehrt. Ein fantastisch gespieltes, aufwühlend und fragmentiert erzähltes Drama darüber, dass der Kampf gegen die Sucht nie leicht, aber immer ein bisschen einfacher wird.

International aufgestellt hat sich mit „Treasure“ auch Julia von Heinz, die für die Verfilmung von Lily Bretts Roman „Zu viele Männer“ erstmals auf Englisch gedreht hat. Anfang der Neunziger begleitet ein Holocaustüberlebender (Stephen Fry) seine Tochter (Lena Dunham) auf eine Reise nach Polen, die auch nach Auschwitz führt. Eine bewegende Geschichte und interessante Besetzung. Im Vergleich mit der Vorlage als auch mit ähnlichen Filmen hätte von Heinz’ Arbeit allerdings ein bisschen mehr Subtilität und auch Humor gutgetan.

Weitere Artikel aus der Kategorie: Kultur

Martina Geist zu Gast im Künstlerkreis Ortenau: "Augenlust".
vor 8 Stunden
Offenburg
Die Galerie im Artforum in Offenburg präsentiert Werke von Martina Geist. Ihre Bilder sind angesiedelt zwischen Druck, Zeichnung und Malerei.
Margret Koell und Stefan Temmingh verfügten bei ihrem Konzert über ein Instrumentarium, das über fünf Oktaven hinauswuchs.
vor 8 Stunden
Achern - Fautenbach
Mit ihren "Sound Stories" präsentierten Stefan Temmingh und Margret Koell in der Alten Kirche Fautenbach Werke aus fünf Jahrhunderten europäischer Musikgeschichte.
Dietrich Mack
vor 8 Stunden
Kulturkolumne
Musik ist nicht nur eine Himmelsmacht, sondern auch eine Macht auf Erden, die vielen Menschen hilft und einigen schadet.
Kam rockig daher: Musiker Alastair Greene beim Blues Caravan.
16.04.2024
Offenburg
Starke Stimmen und epische Gitarrenläufe: Blues Caravan in der Offenburger Reithalle mit Katarina Pejak, Eric Johanson und Alastair Greene.
Beliban zu Stolberg gastiert am Donnerstag bei "Wortspiel" und liest aus "Zweistromland".
16.04.2024
Literaturtage Wortspiel
Um die kurdische Bürgerrechtsbewegung und eine mutige Frau geht es in "Zweistromland" von Beliban zu Stolberg. Sie liest am Donnerstag, 18. April, in Offenburg in der Stadtbibliothek.
Charlotte Gneuß schaffte es mit ihrem Erstling auf die Longlist des Deutschen Buchpreises – heute liest sie in Offenburg.
15.04.2024
Literaturtage Wortspiel
Mit ihrem Romandebüt "Gittersee" hat die Autorin Charlotte Gneuß eine heftige Debatte entfacht. Zugleich erhielt sie mehrere Literaturpreise. Am Dienstagabend liest sie bei "Wortspiel" in Offenburg.
Dirigent Rolf Schilli (von links), Komponist Leonard Küßner und Musikschulleiter Peter Stöhr bei der Übergabe der Partitur von "Zeitenwende".
15.04.2024
Offenburg
Die Partitur ist übergeben: Nun probt die "Philharmonie am Forum" für die Uraufführung des Konzerts für Altsaxofon und Orchester des Komponisten Leonard Küßner am 5. Mai in Offenburg.
José F.A. Oliver.
15.04.2024
Kulturkolumne
So wie „spring“ im Englischen Frühling „m:eint“, lade ich Sie ein, hineinzuspringen – mitten in diesen Kolumnentext! In die Zeilen. Zwischen die Zeilen.
Barbara Ehrmann und Dieter Konsek stellen gemeinsam beim Kunstverein Offenburg/Mittelbaden aus. 
12.04.2024
Kunstverein Offenburg/Mittelbaden
Barbara Ehrmann zieht es ins Wasser, Dieter Konsek in den Wald. Die Bilderwelt der beiden Künstler zeigt eine gemeinsame Ausstellung beim Kunstverein Offenburg/Mittelbaden.
Die schweizerisch-österreichische Malerin Angelika Kauffmann vollendete das Ölgemälde "Klio, Muse der Geschichtsschreibung" um 1775. 
10.04.2024
Ausstellung in Basel
In der Ausstellung „Geniale Künstlerinnen“ zeigt das Kunstmuseum Basel Gemälde und Druckgrafik von Frauen von der Renaissance bis zum 18. Jahrhundert.
Hotel Rimini macht Popmusik, hält die Tür aber in alle Richtungen offen.
09.04.2024
Konzert
Das junge Sextett Hotel Rimini sucht noch nach der unverwechselbaren Handschrift. Das Konzert im Foyer der Offenburger Reithalle hatte trotzdem eine positive Resonanz des Publikums.
Der holländische Gitarrist und Songschreiber Bertolf Lentink bringt seine hochkarätige Tourband mit nach Bühl.
09.04.2024
Bluegrass-Festival
Bei der 20. Ausgabe des Bühler Bluegrass-Festivals am ersten Mai-Wochenende gibt es erstmals eine Matinee. Stargast beim Hauptkonzert ist die John Jorgenson Bluegrass Band.

Das könnte Sie auch interessieren

- Anzeige -
  • Alles andere als ein Glücksspiel: die Geldanlage in Aktien. Den Beweis dafür tritt azemos in Offenburg seit mehr als 20 Jahren erfolgreich an.
    17.04.2024
    Mit den azemos-Anlagestrategien auf der sicheren Seite
    Die azemos Vermögensmanagement GmbH in Offenburg gewährt einen Einblick in die Arbeit der Analysten und die seit mehr als 20 Jahren erfolgreichen Anlagestrategien für Privat- sowie Geschäftskunden.
  • Auch das Handwerk zeigt bei der Berufsinfomesse (BIM), was es alles kann. Hier wird beispielsweise präsentiert, wie Pflaster fachmännisch verlegt wird. 
    13.04.2024
    432 Aussteller informieren bei der Berufsinfomesse Offenburg
    Die 23. Berufsinfomesse in der Messe Offenburg-Ortenau wird ein Event der Superlative. Am 19. und 20. April präsentieren 432 Aussteller Schulabsolventen und Fortbildungswilligen einen Querschnitt durch die Ortenauer Berufswelt. Rund 24.000 Besucher werden erwartet.
  • Der Frühling steht vor der Tür und die After-Work-Events starten auf dem Quartiersplatz des Offenburger Rée Carrés.
    12.04.2024
    Ab 8. Mai: Zum After Work ins Rée Carré Offenburg
    In gemütlicher Runde chillen, dazu etwas Leckeres essen und den Tag mit einem Drink ausklingen lassen? Das ist bei den After-Work-Events im Rée Carré in Offenburg möglich. Sie finden von Mai bis Oktober jeweils von 17 bis 21 Uhr auf dem Quartiersplatz statt.
  • Mit der Kraft der Sonne bringt das Unternehmen Richard Neumayer in Hausach den Stahl zum Glühen. Einige der Solarmodule befinden sich auf den Produktionshallen.
    09.04.2024
    Richard Neumayer GmbH als Klimaschutz-Pionier ausgezeichnet
    Das Hausacher Unternehmen Richard Neumayer GmbH wurde erneut für seine richtungsweisende Pionierarbeit für mehr Klimaschutz und Nachhaltigkeit ausgezeichnet. Die familiengeführte Stahlschmiede ist "Top Innovator 2024".