Wellenbrecher-Kampagne des Landes

Ungewollter Tiefschlag gegen die Kulturszene

Autor: 
Thomas Klingenmaier
Lesezeit 3 Minuten
Jetzt Artikel teilen:
20. November 2020
Der Tänzer Mike studiert nun Medizin – ist das als Aufforderung an alle Kunstschaffenden gemeint, umzusatteln?

Der Tänzer Mike studiert nun Medizin – ist das als Aufforderung an alle Kunstschaffenden gemeint, umzusatteln? ©Foto: Screenshots – Wellenbrecherkampagne BW

Die baden-württembergische Landesregierung will mit einem Video aus ihrer Wellenbrecher-Kampagne in Corona-Zeiten Mut machen. Aber sie bewirkt ein hässliches Missverständnis.

Stuttgart - Hat die grün-schwarze Landesregierung der vom Teil-Lockdown sowieso schon arg mitgenommenen Kulturszene einen Tiefschlag versetzt? Will der grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann Kunstschaffenden zu verstehen geben, sie sollten künftig bitte etwas Nützlicheres arbeiten? Auf Twitter kann man diese Anklage finden – nicht nur von Trollen in der Deckung der Anonymität. Auch Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda zürnt wegen eines – mittlerweile zurückgezogenen – Filmclips: „Das Video, das MP Kretschmann verbreitet, ist auf so vielen Ebenen neben der Spur, dass ich nicht weiß, wo ich anfangen soll. Eine Gesellschaft, die sich nicht um Kunst & Kultur kümmert, verarmt!“

Ein Tänzer wird Mediziner

Der nur eine Minute lange Film, der Brosda ergrimmt, ist von Studierenden der Filmakademie Baden-Württemberg gedreht worden und Teil jener „Wellenbrecher“-Kampagne des Landes, die jüngere Leute zum konstruktiven Umgang mit der Krise ermutigen soll. Vorgestellt wird der 26-jährige Tänzer Mike, der vor seiner Lebensentscheidung fürs Ballett eine Ausbildung zum medizinischen Fachangestellten absolviert hatte. Zwar wurde er am Opernhaus Zürich engagiert, aber dann kam Corona. „Man hat ja so von heute auf morgen gar nichts. Dann verlässt dich die Kunst, dann verlässt dich so eine Stabilität“, sagt er in dem Film, „und die Leute, die jetzt gesucht werden, sind im medizinischen Bereich.“ Mike hat sich noch einmal umentschieden und ein Medizinstudium aufgenommen.

- Anzeige -

Dass der Film als generelle Aufforderung verstanden werden könnte, Kunst endlich sein zu lassen, fiel im Staatsministerium niemandem auf. „Auf diese Deutung wäre ich nie gekommen“, sagt Arne Braun, einer der Pressesprecher des Ministeriums. „Wir führen die Kampagne ja bewusst nicht mit einer Agentur durch, sondern direkt mit jungen Künstlern an der Filmakademie und an der Hochschule für Medien, um auch dort Mut zu machen, dass man gebraucht wird.“

Mit den allerbesten Absichten

Andrea Gern aber, die Geschäftsführerin der Tanzszene BW, dem Zusammenschluss von freier Szene und festen Kompanien im Land, kann bezeugen, wie anders der Spot ankam: „Ich war gerade in einer Zoom-Konferenz, als der Clip bekannt wurde, und konnte mit ansehen, wie da auch gestandene Leute in leitenden Positionen in sich zusammensackten.“ Doch so schmerzhaft Gern und andere den missverständlichen Film empfanden, so sicher ist sie, dass er nicht das Offenbarwerden einer grundsätzlich kunstfeindlichen Haltung der Landesregierung darstellt. „Das haben junge Leute mit den allerbesten Absichten gemacht. Die waren so auf das fixiert, was sie an Ermutigung ausdrücken wollten, dass sie nicht gemerkt haben, wie das auch ankommen kann.“

Reagiert hat man im Staatsministerium trotzdem: „Aufgrund der nun aufgekommenen Missverständnisse haben wir den Film bei Facebook und Twitter heruntergenommen“, lässt man wissen. Viel wichtiger als der Streit um das Video sei es aber, appelliert Arne Braun, zu begreifen, was die ganze Kampagne bezwecke: „Wir wollen Mut machen. Wir wollen zeigen, was in den jungen Menschen steckt und wie sehr sie bereit sind, sich in der Krise einzubringen und Verantwortung zu tragen – obwohl gerade diese Altersgruppe im Moment auch auf viel verzichten muss.“ Bleibt zu raten, dass man auch in Corona-Zeiten auf eine kritische Filmendabnahme durch gleich mehrere Augenpaare nicht verzichten sollte.

Weitere Artikel aus der Kategorie: Kultur

27.11.2020
Rückblick auf ein reiches Künstlerleben
Die Künstlerin Ilse Teipelke ist immer noch eine bekennende Streiterin für die Rechte der Frauen. „Ich wollte, dass man meine Stimme hört“, sagt sie im Gespräch. Ihre künstlerische Biografie trägt deswegen auch den Titel „systemrelevant“.
Rembrandts Porträt „Brustbild eines Mannes in orientalischer Kleidung“.
26.11.2020
Ausstellung „Rembrandts Orient“ im Kunstmuseum Basel
Das Kunstmuseum Basel widmet sich in einer opulenten Schau der Orientbegeisterung von Rembrandt und seinen Zeitgenossen. Sie veranschaulicht zugleich Einflüsse orientalischer Kunst auf das Goldene Zeitalter. Am Mittwochabend ist der Eintritt frei.            
Dietrich Mack.
26.11.2020
Kulturkolumne
Sportstars können auch in Zeiten der Pandemie ihren Beruf ausüben, in dem sie in einer Blase leben. Sie verdienen Millionen, ohne mit dem Publikum in Kontakt zu treten. Doch wie lässt sich die schützende Blase auf das ganz normale Lleben übertragen?       
23.11.2020
Eine Ära in der Städtischen Galerie Offenburg geht zu Ende
„Es waren immer schöne Begegnungen“: Gerlinde Brandenburger-Eisele, promovierte Kunsthistorikerin, hat knapp 30 Jahre lang Museum und Städtische Galerie der Stadt Offenburg betreut.  Nun geht sie in den Ruhestand und freut sich auf die Dinge, die da kommen werden.
Temperamentvoll wie ihre ausdrucksstarke Malerei: Künstlerin Gabi Streile.
20.11.2020
Oberkircher Künstlerin Gabi Streile 70 Jahre alt
Die Oberkircher Malerin Gabi Streile wird am 20. November 70 Jahre alt und wirft im Gespräch einen Blick auf ihre Arbeit. Zwei süße Babys und eine Ausstellung in ihrer Karlsruher Galerie bereiten der Künstlerin Freude in schwierigen Zeiten.
Buchcover der Textsammlung „Corona Decamerone“.
20.11.2020
Autorennetzwerk Ortenau-Elsass führte Tagebuch
„Katzen brauchen keinen Mundschutz“ oder „Vom Niesen und Genießen“ sind Geschichten von 38 Mitgliedern des Autorennetzwerks Ortenau-Elsass überschrieben, die dessen Leiterin Karin Jäckel unter dem Titel „Corona Decamerone“ als Buch herausgegeben hat.       
Jürgen Stark.
19.11.2020
Kulturkolumne
Vor Corona hielt Gerd Gruss sein Geschäft nur einmal während der Geschäftszeiten geschlossen: an seinem Hochzeitstag. In diesem Jahr hat der Geschäftsführer des Karlsruher Rock Shops vor allem auf dem Veranstaltungssektor mit den Folgen der Pandemie zu kämpfen. 
16.11.2020
Spurensuche Kunst im Raum
Fotograf Ulrich Marx hält Kunstwerke im öffentlichten Raum fest. In Kehl fand er „Begegnungen“.
13.11.2020
Literatur-Kolumne
In seiner neuen Kolumne setzt sich Jose F. A. Oliver mit der Frage nach Sprache und Wortschöpfungen auseinander und der sich ändernden Bedeutung.
Dietrich Mack.
12.11.2020
Kulturkolumne
Der berühmt-berüchtigte Satz „You’re fired“, mit dem Donald Trump viele Jahre jede Folge der TV Reality-Show „The Apprentice“ (Der Lehrling) beendete und der dann seine Personalpolitik im Weißen Haus prägte, fällt nun auf ihn selbst zurück: Er ist gefeuert
10.11.2020
Gespräch in der Kunstschule Offenburg
Welche Bedeutung haben Kunstschulen, wenn der Kultur die kalte Schulter gezeigt wird? Für die Pädagogen der Offenburger Schule ist die Antwort klar: „Grundbedürfnis befriedigen.“
09.11.2020
"Rheinpassagen": Der Maler Friedrich Geiler aus Kehl
„Rheinpassagen“ stellt den Kehler Maler Friedrich Geiler vor. Sein Markenzeichen sind die konstruktivistischen Landschaften der  geometrischen Formen, inspiriert durch den Fluss und die Rhein-Landschaften.