Kultur

Venedigs Kulturschätze in großer Gefahr

Autor: 
dpa
Lesezeit 4 Minuten
Jetzt Artikel teilen:
18. November 2019
Hochwasser in der renommierten venezianischen Buchhandlung «Acqua Alta«.

Hochwasser in der renommierten venezianischen Buchhandlung «Acqua Alta«. ©dpa - Emiliano Crespi/ANSA/AP/dpa

Venedig (dpa) - Die Buchhandlung «Acqua Alta» in Venedig hat dieser Tage nicht nur einen symbolischen Namen, sondern auch schon vorher einiges mitgemacht. Weil Hochwasser hier regelmäßig eindringt, liegen unzählige Bücher zum Schutz in Badewannen oder in einer Gondel. Doch so etwas wie in den vergangenen Tagen haben die Mitarbeiter noch nie erlebt. Die Flut schwappte auch in Wannen und Schiffe, Bücher segelten im Wasser davon. «Wir müssen Hunderte wegwerfen», sagte Mitarbeiterin Chiara am Telefon. Helfer versuchten zu retten, was zu retten ist. «Es sind schwere Tage, aber wir machen weiter.»

Es sind nicht nur Bücher, die ihr Ende in der Mischung aus Meer-, Regen- und Schmutzwasser gefunden haben. Es sind Instrumente, wertvolle Schriften, Mosaiksteine, Karnevalsmasken, Gemälde, Gondeln, historische Möbel und Holzböden, Marmorböden und Gemäuer. Der Verlust lässt sich nicht an einzelnen Kulturgütern festmachen. Es sind nicht die einzelnen Museen, Galerien, Paläste, Kirchen und Handwerksläden, die diese Stadt ausmachen. Venedig ist ein Gesamtkunstwerk, ein von der Unesco geschütztes Kulturerbe der Menschheit. Jedes Haus im historischen Zentrum ist ein Kunstwerk.

Der Kulturbeauftragte des Vatikans, Kardinal Gianfranco Ravasi, verglich nun die Zerstörung mit dem Brand von Notre-Dame in Paris. Es habe nach dem Feuer nicht nur eine «technische Diskussion» gegeben, sagte er laut Nachrichtenagentur Ansa. «Es gab Leute, die weinten, weil sie ein großes Symbol sterben sahen. Ich würde sagen, diese kulturelle Sensibilität müssten wir wiederholen.» 

Natürlich nutzen die Politiker nun symbolisch den Markusplatz mit dem Markusdom für ihre Besuche in Gummistiefeln. Sie machen ernste Minen, posten Bilder von sich selbst in dunkelgrünen Wasserhosen und geloben, alles für den Schutz der «schönsten Stadt der Welt» zu tun. Selbst Spieler der italienische Fußballnationalmannschaft schauten am Wochenende am Markusdom vorbei. Die Krypta wurde komplett geflutet. Die ganze Kathedrale habe Schaden erlitten, aber keine «irreparablen», wie Kulturminister Dario Franceschini erläuterte.

Kirchen beschädigt

Aber auch weniger bekannte Kirchen waren betroffen. «Mindestens 60 bis 70 von insgesamt 120 standen unter Wasser», erklärte die Denkmalschutzbeauftragte der Stadt, Emanuela Carpani. Jede zweite Kirche ist also beschädigt.
In der Basilika dei Santi Maria e Donato auf der Insel Murano putzten freiwillige Helfer das byzantinische Mosaik aus dem 12. Jahrhundert. Denn das Gift ist das Meerwasser. Zieht sich das Wasser zurück, bleibt das Salz und zerfrisst langsam Marmor und Mosaike. «Das Risiko der Zersetzung ist groß», sagte Carpani. Hinzu kommen giftige Schmutzpartikel im Wasser, die von Kreuzfahrtschiffen stammen.

- Anzeige -

«Wenn man sieht, wie Straßen in reißende Flüsse verwandelt werden und Mosaike unter Wasser stehen, dann merkt man, dass das eine viel größere Katastrophe ist, als die Fernsehbilder zeigen», sagte Kulturminister Franceschini. Es sei nun ein «viel breiter gefassterer, kultureller Ansatz» notwendig. Was er damit meint, blieb unklar.

Man kann es aber ahnen. Venedig braucht eine allumfassende Lösung, wie mit den Folgen des Klimawandels und dem steigenenden Meeresspiegel umzugehen ist. Obwohl seit Jahrzehnten um einen Flutschutz gestritten wird, gibt es ihn bisher immer noch nicht. 2021 soll es nun wirklich soweit sein, dass das System namens «Mose» in Betrieb geht. Ausfahrbare Barrieren sollen die Stadt dabei an drei Laguneneingängen schützen.

Viele sind skeptisch. «Es geht nicht um dieses Hochwasser. Es geht nicht nur um den Markusdom», sagte der italienische Kunsthistoriker Salvatore Settis, der das Buch «Wenn Venedig stirbt» geschrieben hat, der Deutschen Presse-Agentur. «Ganz Venedig sackt ab. Es ist eine tragische, dramatische Lage. Weder die Regierung in Rom, noch die lokale Regierung, noch die Kommune tut was dagegen.»

Lösung finden

Venedig muss auch eine Lösung für den Massentourismus finden, an dem die Stadt wie an einer Droge hängt. Für Settis gibt es nur radikale Maßnahmen. Erstens müssten sofort alle großen Kreuzfahrtschiffe aus der Lagune verbannt werden. «Aber für den Bürgermeister ist die Lösung, einen weiteren Kanal für die großen Schiffe zu graben», kritisierte er. Doch die Geschichte habe gezeigt, was solch ein Eingriff in das Ökosystem bedeute: 1966 überschwemmte die bisher schlimmste Flut Venedig. Kurz davor wurde der «Canale Pretrolio» ausgehoben, damit die Tanker in den Industriehafen von Marghera fahren können.

Zweitens müsse endlich Klarheit geschafft werden, ob das Flutschutzprojekt «Mose» überhaupt noch zeitgemäß und fertigzustellen sei - nach all den Skandalen der vergangenen Jahre, so Settis. Aber: «Wenn sich der Berliner Pannen-Flughafen zehn Jahre verzögert, geht Berlin nicht unter. Wenn sich "Mose" zehn Jahre verzögert, geht Venedig unter.»

Weitere Artikel aus der Kategorie: Kultur

Ein erfolgreiches Team: Songwriter, Rapper, Produzent und Grafikdesigner Sascha Hummel (links) und Marketingfachmann Markus Schneider.
vor 13 Stunden
25 Jahre Koka Muzik
Koka, das Imperium des Offenburger Musikers Sascha Hummel, feiert das 25-jährige Bestehen. Seit fünf Jahren ist Markus Schneider an seiner Seite. Zusammen haben die beiden noch viel vor.
Dietrich Mack.
vor 13 Stunden
Kulturkolumne
„Das alte Jahr gar schnell entwich/es konnt‘ sich kaum gedulden/und ließ mit Freuden hinter sich/ den dicken Sack voll (Schulden)“ mit Gedenktagen, Jubiläen, Ereignissen (frei nach Wilhelm Busch).
Das Organisationsteam der Puppenparade Ortenau präsentiert den Kalender des Festivals.
09.12.2019
Auf dem Programm für 2020 stehen 35 Stücke
Die Puppenparade Ortenau hat erneut Zuwachs bekommen. Neuried und Friesenheim machen das Dutzend der teilnehmenden Städte und Gemeinden voll. Vom 4. März bis zum 5. April 2020 stehen 34 Stücke und fast 80 Aufführungen für Kinder und Erwachsene auf dem Programm. Alle Infos hier.
Colin Hodgkinson (von links), Neuzugang Marcus Bonfanti sowie die Gründungsmitglieder Ric Lee und Chick Churchill begeisterten als „Ten Years After“ in Kehl.
09.12.2019
Verein Rheinkultur feierte mit Kultband
Der Kehler Verein Rheinkultur feierte 40-jähriges Jubiläum als umtriebigster Veranstalter der Region. Hierfür holte man nach 1992 zum zweiten Mal die legendären „Ten Years After“ in die Kehler Stadthalle. 
Jürgen Stark.
06.12.2019
Kulturkolumne
Der britische Underground galt immer schon als extrem fruchtbar, denn seit den 1960er-Jahren schiessen hier die Bands wie Pilze aus dem Boden. Was jetzt aber The Heavy  mit dem neuen Album „Sons“ abliefern, ist zukunftsweisend.      
Boten Entertainment pur (von links): Djamel Laroussi, Tobias Reisige und Markus Conrads beim Konzert im Kehler Kulturhaus.
06.12.2019
Konzert im Kulturhaus Kehl
Vergessen Sie alles, was Sie über Blockflöte gehört haben! Dieses vermeintlich infantile Instrument wird zu Unrecht völlig unterschätzt. Diese Lehre konnte der Musikfreund vom Konzert des Trios Wildes Holz am Dienstagabend im vollbesetzten Kehler Kulturhaus mitnehmen.  
Brachte ihre eigene Brotzeit mit: die Kabarettistin Simone Solga.
05.12.2019
Kabarett im Lahrer Schlachthof
Simone Solga katapultiert sich vom Kanzleramt direkt auf die Bühne des Lahrer Schlachthofs und beantragt erst einmal politisches Asyl. Die Kanzlersouffleuse hat die Nase gestrichen voll und rechnet noch einmal gnadenlos ab, bevor sie 2020 mit einem neuen Programm an den Start geht.
Oma Dora (Heidi Mahler, Mitte) erlebt einen turbulenten 90. Geburtstag, Links Enkelin Gisela (Eyleen Weidel), rechts Ex-Schwiegertochter Selma (Marina Zimmermann
04.12.2019
Nostalgischer Schwank im Lahrer Parktheater
Heidi Mahler sagt „Servus“! Die Tochter der legendären Heidi Kabel ist zum letzten Mal mit dem Hamburger Ohnsorg Theater auf Tournee. In Lahr wurde am Freitagabend „Ein Mann mit Charakter“ gezeigt, ein wunderbar nostalgisch aufbereiteter Schwank aus dem Jahr 1969.  
„Grande Dame“ des Klaviers: Elisabeth Leonskaja.
04.12.2019
Beethovens fünftes Klavierkonzert im Festspielhaus Baden-Baden
Kontrastprogramm im Festpielhaus Baden-Baden: Pianistin Elisabeth Leonskaja, die am Sonntag mit dem Budapest Festival Orchestra Beethovens fünftes Klavierkonzert spielte, ist keine Tastenlöwin. Mit ihren Konzerten will sie zu geistigen Erkenntnissen verhelfen.
So sieht die Künstlerin Valeria Docampo den gezähmten Fuchs des „kleinen Prinzen“.
03.12.2019
Ausstellung "Der kleine Prinz" in Gengenbach
Bei der Vernissage der Ausstellung „Der kleine Prinz“ in Gengenbach konnte Kurator Reinhard End mit Valeria Docampo die Malerin von zwölf Bildern des Adventskalenders vorstellen. Schauspieler Arno Kempf verkörperte sehr authentisch den 1944 abgestürzten Piloten und Autor Antoine de Saint Exupéry.  
Zwei Seelen und vier Hände: die Klaviervirtuosen Carles & Sofia.
03.12.2019
Carles & Sofia bei Oberrhein-Konzertreihe in Offenburg
Vier Hände, viel Gefühl: Wohlklang und Leidenschaft prägten am Samstagabend die Musik des katalanischen Klavierduos Carles & Sofia in der gut besuchten Oberrheinhalle. Zum zweiten Konzert der Oberrhein-Reihe hatten die beiden Pianisten eine breite musikalische Palette mitgebracht. 
Triosence: Bernhard Schüler (von links), Omar Rodriguez Calvo und Tobias Schulte.
02.12.2019
Erstes Konzert Im Offenburger Salmen
Musikalischer Drive und sorgsam verwobene Melodien, ein elegantes, aus unterschiedlichen Einflüssen schöpfendes Spiel der Jazzharmonien. So hat sich das 1999 von Bernhard Schüler gegründete Triosence am Donnerstagabend bei seiner Premiere in Offenburg präsentiert.  

Das könnte Sie auch interessieren

- Anzeige -
  • vor 23 Stunden
    KF Kinzigtaler Fenster GmbH - Der Experte in Gengenbach
    Winter – die Tage werden wieder kürzer und dunkler, die beste Saison für Einbrecher. Gut, wer da sichere Türen und Fenster hat. Die KF Kinzigtaler Fenster GmbH in Gengenbach hat sich genau darauf spezialisiert und ist in der Region Experte für die Sicherheit zu Hause.
  • 10.12.2019
    Triberger Weihnachtszauber 2019
    Wenn die Weihnachtsmärkte schon abgebaut sind, lädt der „Triberger Weihnachtszauber“ vom 25. bis 30. Dezember zu einem romantischen Weihnachtsspektakel ein. Mehr als eine Million Lichter verwandeln den Schwarzwald an Deutschlands höchsten Wasserfällen in ein funkelndes Wintermärchen!
  • 09.12.2019
    Gravuren, Reparaturen, Anfertigungen
    Bei Juwelier Spinner dreht sich alles um Schmuck und Uhren. Aber nicht nur edle Accessoires lassen sich hier finden – es gibt auch einen ausgezeichneten Service mit vielen weiteren Dienstleistungen.
  • 06.12.2019
    Durbach
    Vorspeise, Hauptspeise, Dessert – das kann jeder. Das Hotel Ritter in Durbach geht dagegen andere Wege. Mit [maki:‘dan] haben die Hoteleigentümer Ilka und Dominic Müller nichts anderes als die Revolution im Ritter eingeleitet. Was dahintersteckt.