Comedy in der Schloßfeldhalle

Viel Beifall für Nektarios Vlachopoulus in Achern

Autor: 
Wolfgang Winter
Lesezeit 3 Minuten
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25. Oktober 2020

Slam-Poet und Kabarettist Nektarios Vlachopoulus. ©Daniela Busam

Seine vielen Preise nutzten dem Slam-Poeten Nektarious Vlachopoulus in Achern nicht viel. Die Veranstaltung war nicht ausverkauft, entpuppte sich für die Zuhörer aber als großen Gewinn.

Am Versuch, den Poetry Slam in Achern zu etablieren, sind schon viele gescheitert. Bisher wurden poetische Battles zumeist von Jugendlichen arrangiert, ohne damit ein Echo bei ihren Altersgenossen zu finden. Jetzt unternahm das Acherner Kulturprogramm einen neuen Anlauf, die beliebte Kunstform in der Stadt zu etablieren. Mit Nektarios Vlachopoulus wurde ein deutschlandweit bekanntes Aushängeschild der Szene gewonnen. 2011 gewann er den deutschen Meistertitel, 2012 den rheinland-pfälzischen und 2015 den baden-württembergische Poetry-Slam-Wettbewerb. Dazu sammelte er renommierte Kabarettpreise, wie das Passauer Scharfrichterbeil, fast wie am Fließband. 

Workshop nur wenig gebucht

Dies alles half Nektarios Vlachopoulus in Achern wenig. Zum ersten Mal in der neuen, von Corona arg gebeutelten Kultursaison war die Veranstaltung in der Schloßfeldhalle am Samstag mit 85 Besuchern zwar gut besucht, doch längst nicht ausverkauft. Bedauerlich auch, dass sein Poetry-Slam-Workshop für Jugendliche nur von einer Handvoll Nachwuchspoeten gebucht wurde. 
Zur positiven Bilanz gehört, dass die Besucher seines niveauvollen Auftritts voll auf ihre Kosten kamen. Es ist ein Glücksfall, dass der Sohn griechischer Einwanderer, der sich selbst als „Multikulti-Musterkind“ bezeichnet, die angestrebte Lehrerlaufbahn an den Nagel hängte und dafür mit seinem Sprach- und Humortalent Jung und Alt gleichermaßen begeistert. In Großweier war Vlachopoulus mit seinem zweiten Comedy-Programm „Ein ganz klares Jein“ zu erleben. 

Keine Leitkultur mehr

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Die für den gesamten Auftritt angeordnete Maskenpflicht konnte Vlachopoulus mit einem Dutzend Bonmots gekonnt versüßen. So habe die Maske den Vorteil, dass Mundgeruch nur von dem gerochen wird, der ihn fabriziert. Wer sich beruflich verändern will, könne problemlos Bauchredner werden, schließlich sei es, dank der Maske, so einfach wie noch nie, mit dieser Profession zu glänzen. Allein die Leitkulturdebatte sei in Zeiten von Corona auf den Hund gekommen. Dass es früher zu Deutschland gehörte, sein Gesicht zu zeigen und die Hand zur Begrüßung zu geben, habe sich zu einer Volksweisheit von vorgestern entpuppt. 

Zum Nachdenken regte Vlachopoulus auch mit seiner Botschaft an, dass Japaner glauben, dass jeder Mensch mit drei Gesichtern unterwegs sei. Das bekannte, vertraute präsentiert er die Welt, das zweite zeige er nur seinen engsten Freunden und der Familie, während er das dritte stets verborgen hält.
Daraus schließt der Komödiant, dass in jeden Menschen ein kleines Stückchen Ballermann steckt und er das Grundbedürfnis habe, unzivilisiert zu sein. Deshalb eröffne die Maske den Menschen die Möglichkeit „mit seinem Gesicht ein wenig Gassi gehen und dem inneren Höhlenmenschen ein Ventil zu geben.“ 

Lustige Beobachtungen

Nach dieser gelungenen Einführung zündete Vlachopoulus eines wahres Feuerwerk lustiger, aus dem Leben gegriffener Beobachtungen und Sketche, die das Publikum zum schmunzeln, kichern und schallenden Gelächter reizte. Dazu gehört die Beschreibung eines blendend aussehenden Kellners, der ihm ein Date vermieste. Oder der köstliche Ausflug in die Welt der„50 Shades of Grey“, in der ein Schwabe seine Geliebte mit dem „Dirty Talk“ „Komm her, Spätzle“, auf Touren zu bringen versucht. 
In der kräftig erklatschten Zugabe begeistert Vlachopoulus mit einer „Vokaltragödie“, die sogar den „Otto mopst“-Poeten Ernst Jandl gut gefallen hätte.

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