Architektur: Haus Schminke

Viel mehr als ein „Nudeldampfer“

Autor: 
dpa/red
Lesezeit 5 Minuten
Jetzt Artikel teilen:
04. Mai 2021
Das Haus Schminke im sächsischen Löbau wurde von Hans Scharoun entworfen und zählt zu den wichtigsten Wohnhäusern der klassischen Moderne.

Das Haus Schminke im sächsischen Löbau wurde von Hans Scharoun entworfen und zählt zu den wichtigsten Wohnhäusern der klassischen Moderne. ©Foto: dpa/Matthias Hiekel

Die Geschichte des Löbauer „Nudeldampfers“ ist eng mit der Unternehmerfamilie Schminke verbunden. Ein neues Buch und eine Ausstellung fügen weitere Puzzleteile hinzu - und Deutschlands bekanntester Meisterfälscher.

Löbau - Schabernack am Kaffeetisch: Lächelnd füttert ein kleines Mädchen auf der Schwarz-Weiß-Fotografie einen fröhlichen Herrn. Aus der Szene spricht Vertrautheit. Das Bild aus der Zeit um 1935 ist im Haus Schminke aufgenommen. Das 1933 im sächsischen Löbau errichtete Ensemble nach Plänen von Hans Scharoun (1893-1972) zählt zu den weltweit wichtigsten Wohnhäusern der klassischen Moderne. Der Schnappschuss zeigt den Architekten mit Helga, der jüngsten Schminke-Tochter. Die Architekten Julia Jamrozik und Coryn Kempster haben sie für ihr Buchprojekt „Kinder der Moderne“ besucht. Mit einem Wohnmobil reisten sie im Sommer 2015 durch Europa, um berühmte Wohnorte aufzusuchen und Eindrücke jener Kinder einzusammeln, die in avantgardistischen Häusern aufgewachsen sind. Neben der Schminke-Tochter kommt beispielsweise der Philosoph Ernst Tugendhat zu Wort. Seine Erinnerungen führen in die 1930er Jahre in die Villa Tugendhat von Ludwig Mies van der Rohe ins tschechische Brno.

Die Autoren gingen nicht nur der Frage nach, wie man im einem Bau der Moderne aufwächst, sondern auch, wie diese oft andere Umgebung die Menschen prägte. „Die hier vorgelegten Geschichten sollen es Architekturinteressierten ermöglichen, die Einzigartigkeit dieser Gebäude aus einem ganz anderen Blickwinkel zu würdigen“, schreiben sie im Vorwort der jüngst im Birkhäuser-Verlag erschienenen Publikation mit zahlreichen neuen Fotos neben historischem Bildmaterial, Lageplänen und detailreichen Beschreibungen.

Helga Zumpfe, als Unternehmertochter in der Villa Schminke aufgewachsen, nimmt die Leser mit auf eine Reise in eine Zeit, wo sie zu „Professor Scharoun“ - weil sie es nicht aussprechen konnte - „Pfeffer Huhuhun“ sagte. Die Erinnerungen lassen sie schwärmen. „Alles in allem ist es das Leben in dieser Weiträumigkeit, wie wir es in diesem Haus, aber auch dem Garten hatten, was sich besonders tief in meinem Gedächtnis festgesetzt hat.“ 

Der Korpus des Hauses erinnert an ein Schiff

Vater Fritz, Kunstliebhaber und Nudelfabrikant aus der Kleinstadt knapp 100 Kilometer östlich von Dresden, beauftragt 1930 „ein modernes Haus für zwei Eltern, vier Kinder und gelegentlich ein bis zwei Gäste“. Dessen gebogener Korpus mit Terrassen, Außentreppe und runden Bullaugenfenstern erinnert an ein Schiff – und prägt im Volksmund den Begriff „Nudeldampfer“. Jenes Schiff verlässt Helga Zumpfe 1948 erst Richtung Dresden und dann nach Bochum (Nordrhein-Westfalen). Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges war ihr einstiges Zuhause russische Militärkommandantur, Erholungsheim für Kinder aus kriegsgeschädigten Dresdner Familien, Klubhaus der FDJ, Kreispionierhaus, Jugend- und Freizeitzentrum, zählt Merte Stork, Mitarbeiterin der Stiftung „Haus Schminke“, auf.

- Anzeige -

In deren Besitz befindet sich der Löbauer Komplex seit 2009. 1993 verzichteten die Erben der Familie Schminke auf die Rückgabe ihres Elternhauses und ebneten damit den Weg, es als öffentliches Architekturdenkmal nutzbar zu machen. Auch diese Geschichte soll nun im Scharoun-Bau ausgestellt werden.

Der Aufruf nach Geschichten und Exponaten war schon für viele Menschen Anlass, auf Dachböden und in Fotoalben zu kramen. So erreichten es jüngst auch spannende Bilder aus der Zeit von 1951 bis 1963. 1959 leitete ein Mann namens Konrad Kujau (1938-2000) die Einrichtung der Freien Deutschen Jugend (FDJ) - der spätere „Fälscher der Hitlertagebücher“. Mit dem Verkauf der vermeintlich echten Notizen des Führers an das Nachrichtenmagazin „Stern“ landete der gebürtige Löbauer in den 1980er Jahren einen Millionencoup. Der bescherte dem Maler und Kunstfälscher Kujau viel Rampenlicht – und eine Haftstrafe. 

Spannende Einblicke in die Welt der Nachkriegsjahre

Der Fund aus dem Kujau-Nachlass sorgt für Freude bei den Kuratoren. „Die Fotos geben spannende Einblicke in den Zustand des Hauses in den frühen Nachkriegsjahren. Das Interieur war zu dieser Zeit noch so gut wie komplett erhalten. Neben rauschenden Feten mit Live-Kapelle in der Eingangshalle findet sich auf den Bildern auch die Büste von Wilhelm Pieck auf dem später zerstörten Kamin im Wohnzimmer des Hauses“, sagt Stork. Ebenfalls erreicht hat das Haus Schminke auch schon eine Figur, die 1978 zum 15-jährigen Bestehen des „Hauses der Pioniere“ gefertigt wurde.

„Durch seine bewegte Nutzungsgeschichte ist das Haus Schminke nicht nur als Architekturikone zu verstehen, sondern spielt auch in den persönlichen Erinnerungen und Biografien vieler Menschen eine zentrale Rolle“, sagt die Stiftungsmitarbeiterin. Mit Hilfe der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen wurde im Sommer 2020 begonnen, Geschichten, Fotos, Postkarten, Briefe und andere Erinnerungsstücke im unmittelbaren Zusammenhang mit dem Haus zusammenzutragen - sie sollen künftig Platz im sogenannten Kofferkeller finden.

Der Umbau des neuen Sonderausstellungsbereichs ist fast abgeschlossen. „Dazu wurden die originalen Schränke ohne Eingriffe in die Substanz zu Vitrinen umgebaut und werden nun in den nächsten Jahren immer wieder neue Einblick in die bewegte Nutzungsgeschichte des Hauses von 1933 bis heute geben„, sagt Stork. Die feierliche Eröffnung lässt aber noch auf sich warten - coronabedingt.

Weitere Artikel aus der Kategorie: Kultur

Richard Dubures Stadt- und Wasserlandschaften regen die Fantasie an.
vor 14 Stunden
Kultur
Der französische Maler Richard Dubure zeigt eine Auswahl seiner Arbeiten in der Galerie Messmer. Seine Bilder regen die Fantasie an.
Marko Letonja.
vor 18 Stunden
Kultur
Die angekündigten Corona-Lockerungen in Frankreich machen es möglich: Die Straßburger Philharmoniker können die Live-Konzerte mit ihrem scheidenden Chefdirigenten Marko Letonja vorziehen.
Duette aus dem „Figaro“: Cornelia Lanz, Mezzosopranistin und Kulturamtsleiterin, und der Lahrer Bariton Menno Koller präsentieren im Film für die Klassik.
05.05.2021
Lahr
In der zehnten Ausgabe des Onlinefestivals „We Live“ treffen ganz unterschiedliche musikalische Felder aufeinander. Bei „Classic meets Electro“ wirkt auch die neue Lahrer Kulturchefin Cornelia Lanz als Opernsängerin mit.
Dietrich Mack
05.05.2021
Kulturkolumne
Es gibt weise Sprüche, die flüchtig sind, andere sind hartnäckiger, haften fest. Man trägt sie mit sich herum und nervt mit ihnen gelegentlich sein persönliches Umfeld („schon wieder!“). Jeder kennt das.
Intendant Edzard Schoppmann und Theaterpädagogin Florence Hermann vom Theater Eurodistrict Baden Alsace mit ihrem neuen Telefon-Livehörspiel „Kaschmirgefühl“.
04.05.2021
Altenheim
„Kaschmirgefühl“ heißt das Telefon-Livehörspiel des Theaters Eurodistrict Baden Alsace, das im Mai seinen Zuhörern präsentiert wird. Ein neues Format, wie Edzard Schoppmann verrät.
Jörg Schöneboom, Kulturbürgermeister Lahr, und Cornelia Lanz, die neue Kulturamtsleiterin, stellten im Stadtpark das Programm der kommenden Kultursaison vor. 
03.05.2021
Lahr
Bürgermeister Guido Schöneboom und Kulturamtschefin Cornelia Lanz hoffen auf einen Start des Lahrer Kulturprogramms. Verschiedenste Aufführungen sollen im kommenden Herbst umgesetzt werden.
Die Oberkircher Künstlerin Gabi Streile und Galerist Werner Tammen in der Ausstellung "40 Jahre Malerei".
03.05.2021
Oberkirch
Arbeiten der Künstlerin Gabi Streile aus Oberkirch werden derzeit in der Galerie Tammen in Berlin ausgestellt. Das mit einer Milliarde Fördergelder ins Leben gerufene Projekt „Neustart Kultur“ ist eine Initiative des Galeristen und der Künstlerin.
„Wie alle Veranstalter hoffen wir auf klare Ansagen“, sagt Kulturamtsleiterin Stefanie Bade im Gespräch mit der Mittelbadischen Presse.
03.05.2021
Kehl
Auch im Kulturamt Kehl macht man sich Gedanken, wie man Kultur und Corona unter einen Hut bringen kann. Wichtig ist Kulturamtsleiterin Stefanie Bade, auch lokalen Künstlern und Vereinen Auftrittsmöglichkeiten zu bieten.
Zeuge einer jahrhundertealten glanzvollen Kulturszene: das coronabedingt geschlossene Theater in Baden-Baden. 
03.05.2021
Kultur
Wie geht es eigentlich dem Theater Baden-Baden? Das alte Haus mit seiner ausnahmslos schönen Fassade wirkt völlig unberührt von Corona und seinen Folgen. Wie immer strahlt es seine Betrachter an und bleibt Zeuge der jahrhundertealten glanzvollen Kulturszene Baden-Badens.
Marco Letonja dirigiert die Straßburger Philharmoniker. 
30.04.2021
Interview
Nach neun Jahren als Chef der Philharmoniker wird Dirigent Marco Letonja Straßburg verlassen. Ein Abschied für immer ist es nicht: Der Slowene hat bereits in der neuen Saison Termine im Musikpalais und in der Rheinoper.

60er-Jahre-Party im Offenburger Ritterhaus 2012: Joe Neckermann (vorne v.l.), Erwin Busam, Pit Köther; (2. Reihe v. l.), Claus Kaiser, Peter Oehler und "Wendy" Dieter Wendling; Jess Haberer, Peter Heiler, Gerald Gaißer und Marlon Grieshaber (Kulturbüro), sitzend Regina Brischle vom Museum. 
29.04.2021
Offenburg
55 Jahre lang hat Dieter „Wendy“ Wendling Musik gemacht. Jetzt mit 70 Jahren tourt er nicht mehr, aber in seinem Studio ist er weiterhin aktiv und freut sich über Auftritte mit den Musikerkollegen aus der Ortenau.
Jürgen Stark
28.04.2021
Kulturkolumne
Ist die moderne Kommunikation ein Schlagwort, das mehr verspricht als es hält? In Schulen mangelt es an Digitalisierung, im Alltag nerven Warteschleifen der Hotlines. Und wenn unterschiedliche Meinungen aufeinandertreffen, ist es mit der Verständigung schnell vorbei.

Das könnte Sie auch interessieren

- Anzeige -
  • So bleibt Zeit für die Trauer: Das Bestattungshaus Heizmann nimmt den Hinterbliebenen gerne alle Formalitäten ab. 
    05.05.2021
    Bestattungshaus Heizmann ermöglicht digitales Abschiednehmen
    Das Bestattungshaus Heizmann geht mit eigenem Online-Gedenkportal neue Wege in der Trauerkultur. Ziel ist es, den Hinterbliebenen die Möglichkeit zu geben, sich an den Verstorbenen zu erinnern - auch in Zeiten von Corona.
  • Willkommen in der NOVELLUS-Familie! Die 390-köpfige Mannschaft soll weiter wachsen.
    30.04.2021
    Q-FOX® - Gemeinsam erfolgreich!
    Die NOVELLUS-Gruppe ist eine Unternehmensgruppe mit integrierten Services und Solutions für die moderne Arbeitswelt. Sie besteht aus zehn spezialisierten Inhaltsgesellschaften und ist in Baden, dem Elsass und der Pfalz einer der führenden Partner der regionalen Wirtschaft für umfassende IT- und...
  • Die Experten der Azemos vermögensmanagement gmbh verwalten das Kapital der Kunden mit Sorgfalt.
    28.04.2021
    azemos vermögensmanagement gmbh setzt auf Stabilität, Qualität, Wachstum und Werte
    Trotz immenser Pandemie-Belastungen hat sich die Erholungsrallye an den Börsen auch im ersten Quartal 2021 fortgesetzt, allerdings mit einem Paradigmenwechsel. Die Experten der azemos vermögensmanagement gmbh in Offenburg haben den Markt fest im Blick und arbeiten mit Strategie und viel...
  • Ihr Auto ist bei Simon Autoglas in besten Händen: Schäden an der Frontscheibe werden unkompliziert behoben.
    26.04.2021
    Ihr Fachmann aus Schutterwald für Scheibentausch, Reparatur und Folierungen
    Ein Steinschlag – und schon ist es passiert: Im Lack ist ein ärgerlicher Kratzer oder in der Frontscheibe eine Macke, die sich mit jeder Erschütterung zum großen Riss auswachsen kann. In dem Fall kennt der TÜV kein Pardon. Mit Simon Autoglas in Schutterwald gehören solche Malheure der Vergangenheit...