Smetana im Festspielhaus Baden-Baden

Volksmusik auf höchstem Niveau mit Bamberger Symphonikern

Autor: 
Dietrich Mack
Lesezeit 3 Minuten
Jetzt Artikel teilen:
23. Mai 2019
Wurden mit viel Beifall empfangen: Die Bamberger Symphoniker mit ihrem Chefdirigenten Jakub Hruša (Mitte).

Wurden mit viel Beifall empfangen: Die Bamberger Symphoniker mit ihrem Chefdirigenten Jakub Hruša (Mitte). ©Andreas Herzau

Der Zyklus »Mein Vaterland« von Bedrich Smetana ist ein nationaler Schatz der Tschechen. Die Bamberger Symphoniker unter Leitung ihres Chefdirigenten Jakub Hrša präsentierten am Samstagabend alle sechs Sinfonien des Komponisten im Festspielhaus Baden-Baden. 

Früher sagte man, wenn drei Wiener zusammenstehen, sind zwei aus Böhmen. So fühlte es sich an, als die Bamberger Symphoniker im Festspielhaus Baden-Baden das Nationalepos der Tschechen  aufführten: »Mein Vaterland« von Bedrich Smetana. Schon der Auftrittsbeifall für das Orchester und seinen jungen, eleganten Chefdirigenten Jakub Hrša aus Brno (Brünn) war enorm. Publikum und Musiker waren sofort in Empathie vereint. Statt Ehrfurcht vor den großen Meistern, Begeisterung für »Mein Vaterland«. Volksmusik auf höchstem Niveau.

»Má Vlast« schreibt Bedrich Smetana über seinen Zyklus. Nicht »Ein Vaterland«, sondern »Mein Vaterland«.  Ein Bekenntnis zur Schönheit und zum Schicksal seiner böhmischen Heimat. In Deutschland wäre das ganz unmöglich. Nicht einmal Richard Strauss, dem Nationalen nicht abhold, nannte seine Alpen­sinfonie »Meine Alpen«. Smetana aber, durchdrungen von Liebe und Stolz, komponiert in sechs sinfonischen Dichtungen Mythen, Natur und Geschichte der Tschechen. 

Die ersten vier Teile erzählen von der sagenumwobenen Burg Vyšehrad (1) und der Amazone Sárka (3), von der berühmten Moldau (2) und vom Leben in Böhmen (4). Mythische Größe und Grausamkeit wechseln mit der Schönheit der Landschaft. Die letzten Teile, musikalisch vom berühmten alten Hussitenchoral strukturiert, erinnern an die  Freiheitskämpfe der Hussiten (5) und thematisieren eine sieghafte Zukunft (6). Diese politische Botschaft verstanden auch die Nazis und verboten sie 1940. Für die Tschechen aber ist »Má Vlast«  bis heute ein nationaler Schatz. Seit 1946, also von Beginn an, wird damit das Musikfestival »Prager Frühling« eröffnet; immer am 12. Mai, an Smetanas Todestag.

- Anzeige -

Plastische Tonmalerei

Musikalisch findet Smetana eine eigene Sprache. Er gehörte zwar zu den »Jung-Tschechen«, die sich für Liszt und Wagner begeisterten und der »Ausländerei« verdächtigt wurden, aber er verbindet  moderne Stilmittel wie Virtuosität, Leitmotivtechnik oder Klangfarben mit den traditionellen Formen der Volksmusik und modernisiert so die Tradition. Man hört und sieht, was er komponiert hat, die Kämpfe ebenso wie den Lebensstrom der Moldau. Diese plastische Tonmalerei hat die Musik populär gemacht. Doch zeitlos wird sie durch die Gefühle, die sie in uns auslöst, Empfindungen, die an keine Geographie gebunden sind. Schon Beethoven hielt diese Empfindungen für wichtiger als Malerei. »Mein Vaterland« folgt würdig der »Pastorale«. Smetana hat das Werk dem Schicksal abgerungen. 1874 verlor er sein Gehör vollständig. Der Zyklus, drei Opern sowie Streichquartette entstanden nur im Kopf.  

Den Bamberger Symphonikern liegt diese Musik im Blut. Sie haben das Stück oft gespielt und programmatisch als erste Aufnahme mit dem neuen Chef Jakub Hrša ediert. Sie können es also. Jakub Hrša dirigiert auswendig und souverän. Die Tempi sind straff, nie langweilig, kraftvoll im Dramatischen, ruhig im Lyrischen. Der berühmte dunkle, böhmische Traditionsklang ist aufgehellt, die Bläser glänzen. Munter entspringen in Klarinette und Flöte die Quellflüsse der Moldau. In den Streichern rauschen die Wälder. Mit Hörnern, Trommeln, Posaunen und dem 
Becken geht es in den Kampf. 

Geheimnisvoll ist der Anfang: Zwei Harfen intonieren wie aus weiter Ferne das Lied dieses Epos. Furios das von Kraft und Zuversicht strotzende Finale mit dem Hussitenchoral: »Krieger, die für Gott ihr streitet… an seiner Seite steht ihr stets als Sieger.« Vergangenheit und Vision überlagern sich auch musikalisch.

Das könnte Sie auch interessieren

Anzeigen
  • 12.06.2019
    Storytelling von Reiff Medien
    Exakt bestimmen, wer meine Werbung sehen will und Produkte mit neuen Erzählformen und einflussreichen Gesichtern bewerben: Online-Marketing ist heute so kraftvoll wie nie – und die Experten von Reiff Medien Digital Natives unterstützen regionale Firmen auf diesem Weg.
  • Die Profis für Werbeanzeigen auf digitalen Plattformen (von links): Sebastian Daniels (Abteilungsleiter Digital Natives), Serkan Nezirov und Andreas Lehmann von Reiff Medien.
    12.06.2019
    Interview mit drei Experten
    Wie können sich Unternehmen in Zeiten der Digitalisierung ihren Kunden präsentieren? Die neue Abteilung »Reiff Medien Digital Natives« bietet maßgeschneiderte Lösungen an und hievt regionale Firmen auf Plattformen wie Facebook und Instagram.
  • 30.05.2019
    Größtes Volksfest der Ortenau
    Vom 30. Mai bis 2. Juni läuft in Kehl wieder der »Messdi«. Das größte Volksfest der Ortenau mit seinen etwa 160.000 Besuchern wartet in diesem Jahr mit einigen Neuerungen auf.
  • 13.05.2019
    »Schöne Zeit« – der zeitlose Weingenuss
    Fruchtig, farbenfroh und voller Lebensfreude – so zeigt sich der neue »Schöne Zeit«-Weißwein der Durbacher WG. Der Name ist Programm und steht für zeitlosen Genuss für jedes Alter – aus dem Herzen des Durbachtals.

Weitere Artikel aus der Kategorie: Kultur

vor 1 Stunde
Ausstellung im Museum LA8
Das Museum für Technik des 19. Jahrhunderts »LA8« in Baden-Baden hat sich mit seiner aktuellen Ausstellung an ein vielschichtiges und doppelbödiges Thema gewagt: den Bürger des 19. Jahrhunderts und sein Selbstbild im Leben und auf der Bühne. Ein Hingucker.
Henning Krautmacher, Sänger der Band Höhne.
14.06.2019
Köln
Die Kult-Rocker von Metallica haben in Köln den Höhner-Stimmungshit «Viva Colonia» gespielt - jetzt will die Kölner Band sich revanchieren. «Ich denke da an "«Alles andere zählt nit" - die kölsche Übersetzung von "Nothing Else Matters"», sagte Höhner-Sänger Henning Krautmacher am Freitag der...
Oper und Schauspielhaus in Köln. Die Wiedereröffnung war für November 2015 vorgesehen. Weniger als vier Monate vorher wurde sie abgesagt.
14.06.2019
Berlin
Das Projekt wuchs Richard Wagner über den Kopf. Zwischen Grundsteinlegung und Eröffnung seines Festspielhauses in Bayreuth durchlitt der Komponist vier quälende Jahre. Das Geld ging aus, Gönner sprangen ab. 1878 konnte er es endlich einweihen. «Ich habe nicht geglaubt, dass sie es zustande bringen...
Madonna ist «Madame X».
14.06.2019
Berlin
Das Letzte, was Madonna nach einer phänomenalen Karriere mit über 300 Millionen verkauften Tonträgern und sieben Grammys verdient hat, ist Mitleid.
Bruce Springsteen lässt die Sterne leuchten.
14.06.2019
Berlin
Was sollte noch kommen für den populärsten US-Rockstar der Gegenwart? Jahrzehntelang hatte Bruce Springsteen vor riesigen Menschenmassen gespielt, er hat 130 Millionen Tonträger verkauft.
Agentin M (Tessa Thompson) und Agent H (Chris Hemsworth) geben Gas.
14.06.2019
Berlin
Unglaubliche 22 Jahre ist es nun schon wieder her, als es der blutjunge Will Smith an der Seite des etwas reiferen Tommy Lee Jones mit einer bösartigen außerirdischen Schabe zu tun bekam.
Pianist Fazil Say (Bildmitte) spielte mit dem Minetti Quartett eigene Kompositionen sowie Werke von Mozart.
14.06.2019
Pfingstfestspiele Baden-Baden
Sein Klavierspiel ist exzentrisch, seine Kompositionen unorthodox. Bei den Pfingstfestspielen Baden-Baden beeindruckte der türkische Star-Pianist Fazil Say zusammen mit der Mezzo-Sopranistin Marianne Crebassa und dem Minetti Quartett das Publikum im Festspielhaus.
Der Fotograf und Grafiker Manfred Grommelt (rechts) hat die Rothmund-Retrospektive kuratiert. Links Ulla Rothmund, die Ehefrau des 2017 verstorbenen Malers.
14.06.2019
Retrospektive in Oberkirch
Seine Bilder umschließen förmlich den Betrachter. Sie erwecken die reine Lust am Schauen. Mit über 40 Exponaten erinnert die Ausstellung in der Städtischen Galerie Oberkirch an den 2017 verstorbenen Maler Franz Rothmund, der als einer der großen Ortenauer Künstlerpersönlichkeiten gilt.
Entgrenzter Raum in der Ausstellung «Unlimited» auf der Art Basel: Antony Gormleys begehbarer »Breathing Room II«.
13.06.2019
Kunstmesse Art Basel
Kunst lebt davon zu zeigen, was man von ihr nicht zwangsläufig erwartet. Auf solche Überraschungen setzt auch eine Kunstmesse wie die Art Basel, die noch bis Sonntag, 16. Juni, ihre Pforten geöffnet hat. Eine davon ist Antony Gormleys Lichtinstallation »Breathing Room II« 
Blick auf das Haus der Geschichte in Bonn. Das Museum wurde am 14. Juni 1994 von Helmut Kohl eröffnet.
13.06.2019
Bonn
Der Sprechzettel von SED-Politbüro-Mitglied Günter Schabowski aus seiner Pressekonferenz am 9. November 1989 zur Maueröffnung. Die Gebetskette des türkischstämmigen Blumenhändlers Enver Simsek, des ersten Mordopfers der NSU. Der Studioschreibtisch aus der «Harald Schmidt Show».
Die mexikanische Malerin Frida Kahlo.
13.06.2019
Mexiko-Stadt
In Mexiko soll erstmals eine Tonbandaufnahme mit der Stimme der Malerin Frida Kahlo (1907 - 1954) aufgetaucht sein. «Darauf haben wir lange gewartet», sagte der Direktor der Phonothek, Pável Granados, am Mittwoch. Die Stimme der berühmten Künstlerin sei stets ein großes Rätsel gewesen.
Das Kunstwerk "Life Dress" (2018) von Alicia Framis auf der Art Basel.
13.06.2019
Basel
Von Jeff Koons und Georg Baselitz bis hin zu einer Autoreinigungsanlage: Auf der Art Basel werden wieder Werke von Stars der internationalen Szene gezeigt, aber auch Arbeiten junger Talente, außerdem Klassiker der Moderne, von denen in Basel noch so viele zu finden sind wie sonst wohl auf keiner...