Doku-Festival des SWR

Walforschung, gedrillte Kinder und der Syrienkrieg

Autor: 
Bernd Haasis
Lesezeit 5 Minuten
Jetzt Artikel teilen:
30. Juni 2020
Die Wal-Forscherin Janie Wray an der kanadischen Pazifikküste in „The Whale and the Raven“

(Bild 1/15) Die Wal-Forscherin Janie Wray an der kanadischen Pazifikküste in „The Whale and the Raven“ ©Foto: SWR/busse&halberschmidt

Dokumentarfilme geben tiefe Einblicke in Milieus, sie können für Themen sensibilisieren und Augen öffnen. Das SWR Doku-Festival zeigt vom 1. Juli an Anwärter auf den Deutschen Dokumentarfilmpreis – online und kostenfrei. Eine Vorschau gibt es hier.

Stuttgart - Wo unter Wasser eben noch Stille herrschte bis auf den magischen Gesang der Orcas und der Buckelwale, dominiert plötzlich fürchterliches maschinelles Gedröhn die Unterwasser-Aufzeichnung des Walforschers Hermann Meuter: Ein Riesentanker tuckert durch den Fjord in Gitga’at an der kanadischen Pazifikküste nahe der Grenze zu Alaska. Das Wal-Paradies ist bedroht, ein Flüssiggas-Terminal soll gebaut werden – bald könnten haufenweise Tanker Kommunikation und Orientierung der Tiere empfindlich stören. Die First Nations, wie die indigenen Völker Kanadas heißen, protestieren ebenso wie die Walforscherin Janie Wray. Sie hat eine Datenbank mit Fotos von Fluken angelegt hat und erkennt jeden Meeressäuger an seiner Schwanzflosse. Meuter identifiziert Wal-Familien an ihren unterschiedlichen Dialekten.

Mit ihren atemberaubenden, meditativen Bildern hat die Dokumentarfilmerin Mirjam Leuze es mit „The Whale and the Raven“ in den Wettbewerb um den Deutschen Dokumentarfilmpreis geschafft. Dieser wird in diesem Jahr Online verliehen, wich auch das gesamte Doku-Festival des SWR wegen Corona nicht im Stuttgarter Metropol-Kino stattfindet, sondern im Netz. 13 von 15 Filmen stehen dem Publikum dort vom 1. bis zum 3. Juli zur Verfügung – eintrittsfrei.

Eine tapfere Ärztin

„Es ist unglaublich, dass das gelungen ist“, sagt Irene Klünder, die 2019 die Leitung des Festivals übernommen hat und gleich bei ihrer Premiere mit der Krise umgehen muss. „Ich bin Produktionsfirmen und Verleihern sehr dankbar dafür, die sich ja über bezahlte Abrufe finanzieren. Dafür bieten wir ihnen eine Plattform, die Aufmerksamkeit auf ihre Filme lenkt.“ Zu jedem der 15 Finalisten sind Trailer hinterlegt, „so kann sich jeder sein eigenes kleines Programm zusammenstellen“, sagt Klünder.

Aus 122 eingereichten Filmen haben zwei Jurys die Teilnehmer der Endrunde ausgewählt. Im Oscar-nominierten „The Cave“ zeigt der syrische Filmemacher Feras Fayyad ein Krankenhaus im Kriegsgebiet: Während Kampfjets des Assad-Regimes und Russlands die syrische Stadt Ost-Gouta aus der Luft bombardieren, versuchen eine tapfere Ärztin und ihre Mitstreiter in Gängen unter der Erde den Krankenhausbetrieb aufrechtzuerhalten – bis Giftgas zum Einsatz kommt und sie evakuiert werden müssen. Ganz nah kommt der Film dem Grauen des Krieges, dessen Opfern und den Protagonisten, die nebenbei lebhaft diskutieren über Frauenrechte, Kultur, Religion und Moral.

Das Kino ist nicht zu ersetzen

- Anzeige -

Mittendrin in einem nationalistischen, paramilitärischen Sommerlager für Kinder hat Moritz Schulz gedreht, ein Student der Ludwigsburger Filmakademie. „Sommerkrieg“ heißt sein bestürzender Film, der kein gutes Bild auf Teile der ukrainischen Gesellschaft wirft – und sicher nicht leicht zu realisieren war. „Man hat uns einen Bewacher zur Seite gestellt, mit dem haben wir dann Katz und Maus gespielt“, sagt Schulz in einem kurzen Porträtvideo auf der Seite des Doku-Festivals. Alle 15 nominierten Filmemacher geben dort Einblick in ihre Filme und ihre Arbeit.

„Ein Publikum in ganz Deutschland bekommt bei uns die Chance, die Filmemacher ein bisschen kennenzulernen“, sagt Irene Klünder. „Das ist sonst den Zuschauern im Kino vorbehalten, wenn sie die Filmemacher nach der Vorstellung befragen können.“ Und sie fügt gleich an: „Wir machen hier aus der Not eine Tugend, aber das Kinoerlebnis ist einfach etwas ganz besonderes. Ich mag das Metropol unheimlich und die Leute dort, die uns sehr entgegenkommen – dieses Kino ist unersetzlich für die Festivals der Stadt.“

Aktivistin mit Kamera

Auch die Mitglieder der Jury erklären sich in kurzen Clips. „Filme müssen eine Relevanz haben“, sagt etwa der Stuttgarter Dokumentarfilmer Valentin Thurn. Er höre öfter Leute sagen: „Ich habe einen Film gesehen, der hat mein Leben verändert. Das ist das, was Dokumentarfilm leisten kann.“

Shaheen Dill-Riaz zeigt in „Bamboo Stories“ das harte Leben der Holzfäller und Flößer in Bangladesch, Elke Margarete Lehrenkrauss hat für „Lovemobil“ drei Jahre mit Prostituierten verbracht, die ihre Dienst in Wohnwagen anbieten. John Seidler widmet sich in „Das Wunder von Taipeh“ der ersten Frauen-Fußball WM im Jahr 1981 und dem Umstand, dass Deutschland eigentlich kein Nationalteam hatte, aber trotzdem den Titel gewann. Alexander Kühne erzählt in „Lugau City Lights“ von einem Dorf in Brandenburg, das einst eine Party-Hochburg der DDR war, weil die Staatsmacht es weniger im Blick hatte als Ostberlin. Und Ulrike Ottinger reist zurück in ihre eigene Vergangenheit und porträtiert in „Paris Caligrammes“ die Pariser Avantgarde der 60er Jahre.

„Ich verstehe mich als Aktivistin mit einer Filmkamera in der Hand“, bekennt die Regisseurin Mirjam Leuze – und man kann sie verstehen, wenn man ihren Film gesehen hat. „Unter den Walen gibt es keinerlei Aggression, null“, sagt der Walforscher Meuter. „Sie sind uns in sozialer Hinsicht voraus.“

Weitere Artikel aus der Kategorie: Kultur

Freut sich, bald wieder auf der Bühne stehen zu dürfen: Christina Lux.
vor 39 Minuten
Interview mit Liedermacherin Christina Lux
Die Kölner Liedermacherin spricht im Interview über die Tücken der staatlichen Corona-Hilfen für Soloselbständige und die finanzielle Unterstützung durch ihre treuen Fans. Ab Ende Juli will sie wieder auf der Bühne stehen. Und am 4. September ist ein Konzert in Offenburg geplant. 
Dietrich Mack.
09.07.2020
Kulturkolumne
Von Experten, selbst von Virologen, kann man viel lernen. Aber anregender können Gespräche mit Menschen sein, die über den Tellerrand hinaus auf die Welt schauen. Zum Beispiel  Automechaniker. Von ihm erfuhr ich, was es mit dem Begriff  Obsoleszens auf sich hat. 
Dietrich Mack.
08.07.2020
Kulturkolumne
Kurze Stücke, viele Pausen zum Durchlüften des Saals und am besten draußen: bei den Empfehlungen für Konzerte gibt es für den Konzertbetrieb viele Risikobewertungen und Empfehlungen. Wer ist gefährlicher? Ein stimmgewaltiger Chor oder ein Bläser?
Der vielseitige Musiker Savvas Zilelidis hat sich als Shabba Pan neu erfunden.
07.07.2020
Freiburger Künstler Savvas Zilelidis und sein Projekt Shabba Pan
Savvas Zilelidis steht für eine neue Generation von Musikern. Er beherrscht zahlreiche Instrumente und bewegt sich spielerisch zwischen akustischen und synthetischen Klängen. Er bringt experimentelle Bands in die Clubs und unterrichtet Kinder und Jugendliche. 
06.07.2020
"Musica" Straßburg 2020
„Musica“ Straßburg trotzt Corona mit einem etwas abgespeckten Programm. Der Chor des Offenburger Schiller-Gymnasiums tritt am zweiten Eröffnungsabend im September auf.
05.07.2020
Eröffnung des Literaturfestes "Hausacher Leselenz" mit Ilija Trojanow
Zur Eröffnung des „LeseLenz 2.0“ in Hausach las Ilija Trojanow aus seinem Roman „Doppelte Spur“. Die Vorstellung wurde aus der Stadthalle ins Autokino übertragen. 
04.07.2020
Passerelles-Konzerte
Ab sofort gibt es Karten für die Kehler Passerelle-Reihe. Im Oktober geht es los. 
03.07.2020
Hitradio Ohr CD-Tipp
Die Holländerin Ilse DeLange präsentiert ihre neue CD: Changes. In Deutschland ist es bereits in den Top 20.
03.07.2020
Werkschau der Studenten Vorstudium der Kunstschule
24 junge Menschen beenden jetzt mit einer Werkschau ihr Vorstudium Bildende Kunst an der  Kunstschule Offenburg. Los geht es am Dienstag in der Galerie des Kunstvereins.
Wird zur Theaterkulisse: das Stadtmuseum Tonofenfabrik in Lahr.
03.07.2020
Theater Baden Alsace
8500 Euro hat das Theater Baden Alsace (Baal novo) im Rahmen des Förderprogramms „Kultur Sommer 2020“ des Landes Baden-Württemberg erhalten. Damit ist das Freiluft-Projekt „Badischer Sommer – Theater Baden Alsace“ gesichert. 
Geiger Emmanuel Tjekna­vorian.
03.07.2020
Festspiele Baden-Baden in anderer Form
Die Festspiele Baden-Baden sind in diesem Sommer in Hotels und im Museum Frieder Burda zu erleben. Unter dem Motto „En suite“ gibt es vom 18. Juli bis 30. August ein Konzert-Programm mit internationalen Künstlerinnen und Künstlern
Abstand auf der Bühne und im Saal: Den Musikgenuss im Straßburger Musikpalais trübten die strengen Hygieneauflagen nicht.
03.07.2020
Philharmoniker spielten wieder vor Publikum
Geradezu  feierlich zumute war es vielen Musikfreunden, die am Dienstag erstmals seit dem Beginn der Coronakrise die Straßburger Philharmoniker wieder live erleben durften. Das Programm erfreute Klassikliebhaber, Anhänger des Atonalen und Queen-Fans.  

Das könnte Sie auch interessieren

- Anzeige -
  • Das edel-graue Parkett schafft eine klare Raumstuktur.
    06.07.2020
    Im grenznahen Neuried werden Wohnträume wahr
    Holz ist ein wunderbarer Werkstoff für den Innenausbau: Er ist durch und durch natürlich und passt sich den Anforderungen an. Dabei ist er genauso individuell wie die Menschen, die in den vier Wänden leben. Wer seinen Wohntraum in Holz verwirklichen will, ist bei marx Design in Holz in Neuried an...
  • Willkommen zu Hause: Stressless® steht für Komfort und Entspannung. Modell: Tokyo Linden Sand.
    02.07.2020
    Stressless®: Raus aus dem Alltag, rein ins Zuhause
    Möbel RiVo ist eine der führenden Adressen für anspruchsvolles Einrichten und Wohnen in Baden. Das Möbelhaus in Achern-Fautenbach ist Partner ausgewählter Marken und präsentiert mit Stressless® norwegischen Komfort. Die Welt des exklusiven Möbelherstellers wartet im Stressless®-Studio darauf,...
  • Kai Wissmann präsentiert am Donnerstag, 16. Juli, die Gewinner der Shorts 2020.
    25.06.2020
    Trinationales Event: Großes Finale am 16. Juli
    Die Shorts lassen sich nicht ausbremsen, auch nicht von einer weltweiten Pandemie: Das trinationale Filmfestival der Medienfakultät der Hochschule Offenburg wird diesmal komplett online ausgerichtet. Die Filme sind donnerstags und sonntags ab 19 Uhr im Live-Stream hier abrufbar. Das große Finale...
  • Eine reduzierte Formensprache, robuste Materialien und eine seriöse Optik zeichnen Möbel von Musterring aus.
    25.06.2020
    Möbel RiVo in Achern: Wohnwelt auf 8000 Quadratmetern
    Bei der Einrichtung zählt einzig und allein der persönliche Geschmack. Und Geschmack ist bekanntlich vielseitig. Gerade deshalb bietet das Einrichtungshaus Möbel RiVo in Achern-Fautenbach eine riesige Auswahl an Markenkollektionen von Top-Designern und -Herstellern wie Musterring.