Biennale Venedig: Tesfaye Urgessa

„Wenn das Glück kommt, muss man bereit sein“

Adrienne Braun
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09. Juni 2024
Tesfaye Urgessa stellt gerade auf der Kunstbiennale von Venedig im äthiopischen Pavillon aus.

Tesfaye Urgessa stellt gerade auf der Kunstbiennale von Venedig im äthiopischen Pavillon aus. ©Foto: Andrea Pattaro/Vision

Tesfaye Urgessa kam von Äthiopien an die Stuttgarter Kunstakademie. Er hat rasant Karriere gemacht und erreicht, wovon die meisten Künstler nur träumen können.

Tesfaye Urgessa kam von Äthiopien an die Stuttgarter Kunstakademie. Er hat rasant Karriere gemacht und jetzt erreicht, wovon die meisten Künstler ihr Leben lang nur träumen können: Er stellt auf der Kunstbiennale von Venedig aus.

Herr Urgessa, Gratulation, Sie sind auf der Biennale in Venedig vertreten. Glück – oder kann man als Künstler nachhelfen?

Man muss bereit sein. Glück ist wichtig, aber wenn es eintrifft, muss man auch etwas in der Hand haben. Wenn sich eine Ausstellungsmöglichkeit ergibt oder eine wichtige Person ins Atelier kommt, aber man keine Arbeiten vorweisen kann, dann ist es dumm gelaufen. Deshalb muss das Atelier immer lebendig bleiben.

Das heißt, Sie verkaufen nicht alles, obwohl Ihre Werke inzwischen begehrt sind?

Das stimmt, der Markt ist richtig gut für mich und ich habe eine sehr lange Warteliste, aber ich versuchen, nicht unter Druck zu kommen, sondern in meinem Rhythmus weiterzuarbeiten.

Sie kamen vor 13 Jahren durch ein DAAD-Stipendium nach Deutschland. Warum sind Sie an die Stuttgarter Kunstakademie gegangen?

Um ein Stipendium zu bekommen, braucht man ein Gutachten und die Zusage für einen Studienplatz. Ich hatte einen Brief aus Düsseldorf und einen zweiten von Cordula Güdemann von der Stuttgarter Kunstakademie bekommen – und habe mich für sie entschieden.

Wer als Künstler etwas auf sich hält, geht nach Berlin. Sie sind nach dem Studium nach Nürtingen gezogen – warum?

Ich war eineinhalb Jahre in Stuttgart und mir wurde die Stadt zu groß. Ich mag eine ruhige Gegend. Da ich damals meine heutige Frau kennengelernt habe, die in Nürtingen wohnte, bin ich einfach zu ihr gezogen. Nürtingen gefällt mir gut, aber wir wohnen seit zwei Jahren wieder in Äthiopien in der Hauptstadt Addis Abeba und die Kinder gehen dort in die Schule, sodass wir nur noch im Sommer und an Weihnachten nach Nürtingen kommen.

Sie stellen in Venedig im äthiopischen Pavillon aus. Welche Rolle spielt Ihre Herkunft für Sie?

Der Kurator hatte den Wunsch, einen Künstler zu zeigen, der die Erfahrung gemacht hat, als Ausländer im Ausland gelebt zu haben. Dadurch habe ich Glück gehabt.

Sie haben in Ihren Bildern Gewalt gegen Migranten verarbeitet. Haben Sie selbst Diskriminierung erlebt?

Nicht in Nürtingen, aber in Stuttgart, wo ich immer wieder ohne Grund kontrolliert wurde. Ich bin groß geworden in einer Welt, in der Hautfarbe nie ein Thema war. Erst in Deutschland habe ich diesen Unterschied gemerkt und war zum ersten Mal der Schwarze. Meine Kunst ist auch ein Versuch, den Menschen in all seinen Facetten abzubilden, ohne Schubladen und Kategorien. Das hat vielleicht damit zu tun.

In der Kunstszene hatten Sie in jedem Fall schnell Erfolg, woran lag das?

Es gibt in der Bundeskunsthalle Bonn eine Ausstellung, zu der die Kunstakademien jeweils zwei Studierende schicken – und ich wurde ausgewählt. Eike Schmidt, der damals der Direktor der Uffizien in Florenz war, hat die Ausstellung zufällig gesehen und sich dann an meinen damaligen Stuttgarter Galeristen Marko Schacher gewandt und mich nach Florenz eingeladen. Das war wie ein Traum für mich.

Inzwischen werden sie von der Londoner Galerie Saatchi Yates ausgestellt. Was bedeutet jetzt die Biennale für Ihren Weg?

Es ist alles sehr gut gelaufen, viele Museen sind interessiert, vor allem in den USA – wirklich große Museen. Jetzt muss ich mit meiner Galerie besprechen, welche Ausstellungen wir machen wollen, aber es sind wirklich viele Angebote.

Dann steht dem Jetset ja nichts mehr im Weg…

Das ist mit ein Grund, warum ich zurück nach Addis Abeba bin, um nicht immer abgehoben in diesen Wolken zu leben, sondern ganz real auf dem Boden zu bleiben. Ich habe dort meine Mutter, meine Schwester und wir haben ganz reale Themen. Ohnehin war für mich der größte Erfolg, als ich es irgendwann geschafft hatte, von meiner Kunst leben zu können und keinen zweiten Job mehr brauchte. Das war für mich als Durchbruch das Wichtigste.

Soloschau in der Lagunenstadt

Person
Tesfaye Urgessa wurde 1983 in Addis Abeba geboren, wo er technisches Zeichnen und Kunsterziehung studiert hat. 2009 wechselte er an die Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart und wurde zunächst von der Stuttgarter Galerie Schacher vertreten. Inzwischen ist er Künstler der Saatchi Yates Gallery in London, die derzeit ebenfalls seine Malerei ausstellt.

Info
60. Biennale Venedig bis 24. November, Äthiopischer Pavillon: Palazzo Bollani, Castello 2647. adr

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