Frankfurt

Wenn der Algorithmus Gedichte schreibt

Autor: 
dpa
Lesezeit 4 Minuten
Jetzt Artikel teilen:
16. August 2019
Was kommt heraus, wenn Künstliche Intelligenz Texte verfasst? Zum Beispiel ein Gedicht.

Was kommt heraus, wenn Künstliche Intelligenz Texte verfasst? Zum Beispiel ein Gedicht. ©dpa - Patrick Pleul

«Auf der Flucht gezimmert in einer Sommernacht. Schleier auf dem Mahle. Säumung Nahrung, dieses Leben.» So lauten die ersten Zeilen von «Sonnenblicke auf der Flucht».

Die Brentano-Gesellschaft nahm das Gedicht 2018 in ihren renommierten Jahresband «Frankfurter Bibliothek» auf. Eingeschickt hatte das Werk die Wiener Agentur Tunnel23, ohne zu erwähnen, wer der Verfasser ist. Denn geschaffen wurde «Sonnenblicke auf der Flucht» nicht von einem Menschen, sondern von einer Maschine.

Die Wiener hatten den Algorithmus mit zahlreichen Gedichten gefüttert. «Wir haben uns an die alten Meister Goethe und Schiller gehalten und alle Werke eingepflegt, die wir von den beiden finden konnten», erzählt Agentur-Chef Michael Katzlberger. «Wichtig ist, dass die Texte vom Stil her ähnlich sind.» Die Künstliche Intelligenz habe Vokabular, Semantik und Rhythmik gelernt und nach einigen Wochen das Gedicht ausgespuckt. Er könne sich noch genau an den Moment erinnern, berichtet der Österreicher. «Wir haben ein Fünkchen Kreativität in der Maschine entdeckt.»

Künstliche Intelligenz schreibt lyrische Texte

Inzwischen verfassen Algorithmen also nicht nur standardisierte Presseartikel, wie beispielsweise Börsenmeldungen oder Spielberichte von Fußballpartien, sondern auch literarische oder lyrische Texte. In Japan schrieb eine Software bereits vor einigen Jahren einen Kurzgeschichten-Band mit dem passenden Titel «The Day a Computer writes a Novel». Hier war eine der Geschichten in die nähere Auswahl für einen Literaturpreis gekommen. Und 2017 hatte ein maschinell verfasstes Harry-Potter-Kapitel für Erstaunen gesorgt. Daran hatte sich die Firma Botnik versucht, indem sie eine KI mit den vorhandenen Bänden fütterte und den Auftrag erteilte: Schreibe wie J.K. Rowling.

Aber wie gut sind die KI-Texte? Anruf bei Holger Volland, Autor des Buchs «Die kreative Macht der Maschinen» und Vizepräsident der Frankfurter Buchmesse. «Generell kann man sagen: Stilistisch ist das schon ziemlich gut, inhaltlich gibt es noch große Schwächen.» Das Harry-Potter-Beispiel sei sicher eines der ausgefeiltesten und zeige, wie gut das Maschinenlernen funktioniere, wenn es um Stil, Sprache und Syntax gehe. Es werde mit direkter und indirekter Rede sowie Relativsätzen gearbeitet und auch der sprachliche Rhythmus von Rowling werde kopiert. «Das sind alles stilistische Merkmale, die den Text sehr richtig und authentisch erscheinen lassen.» Wenn man jedoch inhaltlich tiefer einsteige, dann sei das ziemlicher Mist. «Bei einem Gedicht sieht man solche inhaltlichen Schwächen eher nach, weil Lyrik nicht auf große Sinneszusammenhänge angewiesen ist.»

Stilistisch gut - inhaltlich schlecht

- Anzeige -

Um beispielsweise Manipulationen zu verhindern, sprechen sich inzwischen viele Experten für eine Regulierung und Kennzeichnung von Künstlicher Intelligenz aus. Und auch Katzlberger sagt: «Die KI ist nicht böse, sondern der Mensch, der sie missbraucht».

Bleibt die Frage, ob Algorithmen kreativ sein können? «Ich glaube, ja. Und ich glaube, dass wir erst am Anfang stehen», sagt Katzlberger. «Ich denke nicht, dass KI kreativ sein kann, weil zur echten Kreativität Persönlichkeit gehört», entgegnet Volland. «Aber ich glaube, dass es KI sehr schnell schafft, Kreationen zu erzeugen, die von uns allen wahrgenommen werden als etwas Kreatives. Das ist ein feiner Unterschied.»

Welche weiteren Auswirkungen die Technologie auf die Buchbranche haben kann, zeigt das Hamburger Start-up QualiFiction. Dort wurde auf KI-Basis die Software «Lisa» entwickelt, die belletristische Texte analysiert und Bucherfolge vorhersagt. Die Datenbank werde mit Bestsellern und wenig erfolgreichen Büchern gepflegt, erklärt Mitgründerin Gesa Schöning. Innerhalb von 30 Sekunden könne der Algorithmus das Erfolgspotenzial des eingescannten Textes bewerten.

Software analysiert Erfolgspotenzial von Texten

Bereits neun Verlagshäuser sowie 400 Autoren nutzen das Angebot. Birgt das nicht die Gefahr, dass eine Art literarischer Einheitsbrei entsteht? Eine solche Kritik will Schöning nicht stehen lassen. «Wir messen auch die Innovation der Texte und wir verfolgen kein Schema F», erklärt sie. Dafür werde die Datenbank immer aktualisiert und angepasst.

Wie steht es nun bei all den technischen Entwicklungen um die Branche? Muss diese nun bangen? «Ich habe wenig Angst um den Literaturbetrieb», sagt Volland. «Der hat es in den letzten Jahrhunderten immer wieder geschafft, gesellschaftliche Entwicklungen aufzunehmen und daraus etwas Kreatives zu machen.»

Weitere Artikel aus der Kategorie: Kultur

Liam Gallagher geht seinen Weg - ohne Bruder Noel.
vor 8 Stunden
Berlin
Liam Gallagher scheint mit sich selbst im Reinen. «Das hier ist ganz einfach, überhaupt keine Bürde.» Nach seinem erfolgreichen Start auf eigenen Beinen vor zwei Jahren empfindet er keinen Druck für die Debüt-Nachfolge. «Nur Freude, kein Stress», sagt der Ex-Oasis-Sänger über die Platte «Why Me?...
Die Bierkrüge stehen bereit - es kann losgehen.
vor 8 Stunden
München
Die Bierzelte stehen, Fahrgeschäfte drehen Proberunden, für die Sicherheit ist alles getan - und die Wetterprognose zum Wiesnstart in München an diesem Samstag ist perfekt: Oberbürgermeister, Festleitung, Wirte und Schausteller sehen dem größten Volksfest der Welt entspannt entgegen. Gut sechs...
Regisseur Schorsch Kamerun bei der Generalprobe des Musiktheaterstücks «Motor City Super Stuttgart».
vor 8 Stunden
Stuttgart
Die Bühne ist ein Loch mitten in der Stadt - ein gewaltiger Schlund, der sich auftut hinter den Bauzäunen zwischen Fußgängerzone, Planetarium und Park. Und für kurze Zeit ist die Bühne auch ein Boulevard, ein Beach, eine Besucherterrasse. 
David Schwimmer (l-r), Lisa Kudrow, Mathew Perry, Courtney Cox Arquette, Jennifer Aniston und Matt LeBlanc bei der Emmys-Verleihung 2002.
vor 9 Stunden
New York
Die Fernseh-Geschichte schrieb den 22. September 1994: Die Tür des New Yorker Cafés «Central Perk» ging auf, und herein kam eine junge Frau im Brautkleid, etwas verloren und hilfesuchend. Sie setzte sich zu fünf anderen jungen Leuten auf ein orangefarbenes Sofa - und das Schicksal nahm seinen Lauf.
Wirkt wie eine Fotografie, ist aber ein Gemälde. Künstlerin Stefanie Krüger vor ihrer Autobahn-Tankstelle.
vor 15 Stunden
Neue Ausstellung beim Künstlerkreis Ortenau in Offenburg
Spiegelnde Wasserflächen und menschenleere Landschaften zeigt Stefanie­ Krüger in der Galerie im Artforum. Mit den realistisch wirkenden und doch nicht realen Gemälden eröffnet die Malerin am Sonntag, 22. September, 11 Uhr, die Saison beim Künstlerkreis Ortenau.
Die Theaterregisseurin Karen Breece hat sich intensiv mit Rechtsextremismus beschäftigt und ein Stück darüber geschrieben
19.09.2019
Berlin
Die Theaterregisseurin Karen Breece macht etwas Ungewöhnliches, wenn sie ein neues Stück schreibt. Sie greift zum Telefon, liest Studien und spricht mit Menschen.
Die kanadische Sängerin Feist beim Auftakt des Reeperbahn Festivals.
19.09.2019
Hamburg
Das Hamburger Reeperbahn-Festival ist am Mittwochabend mit einer großen Show im Stage Operettenhaus offiziell eröffnet worden. Durch den Abend führten die Autorin und Moderatorin Charlotte Roche sowie der britische Fernsehmoderator Ray Cokes.
Die Vorwürfe von Frauen wegen sexueller Belästigung gegen Placido Domingo haben Folgen für den Sänger.
19.09.2019
Wien
Der mit Belästigungsvorwürfen konfrontierte spanische Opernsänger Placido Domingo wird den Europäischen Kulturpreis dieses Jahr noch nicht erhalten.
Die Opera national du Rhin im Elsass.
19.09.2019
Berlin
Die Opéra national du Rhin im Elsass ist von Kritikern zum «Opernhaus des Jahres» gewählt worden.
Der britische Singer-Songwriter Sam Smith will nicht mehr mit einem männlichen Pronomen bezeichnet werden.
19.09.2019
London
Der britische Musiker und Oscarpreisträger Sam Smith will nicht mehr mit einem männlichen Pronomen bezeichnet werden. Statt «he» (er) soll im Englischen für ihn «they» beziehungsweise «them» benutzt werden, wie der 27-Jährige auf Instagram mitteilte.
Jürgen Stark.
19.09.2019
Kulturkolumne
Wer schreit, hat Unrecht. Wer auf einer Bühne politische Schreie von sich gibt, sowieso. Leider haben viele Deutsche ein ungenügendes historisches Bewusstsein, was sich jetzt auch beim umstrittenen Auftritt des Sängers Herbert Grönemeyer in Wien widerspiegelte.  
Im Kunstpalast werden mehr als 80 Kleidungssstücke und Accessoiress sowie Fotos und Filmmaterial gezeigt.
18.09.2019
Düsseldorf
Die Models trugen Minikleider, dazu hohe Stiefel und Handschuhe aus schwarzem Lackleder und auf dem Kopf eine schwarze Haube in Form eines Heiligenscheins: Mit diesem futuristischen Look machte der Pariser Modeschöpfer Pierre Cardin 1968 Furore.

Das könnte Sie auch interessieren

- Anzeige -
  • 10.09.2019
    Feiern in Dirndl und Lederhose
    Fürs Oktoberfest nach München fahren? Das muss nicht sein! Denn die »Wunderbar« in Neuried-Altenheim holt das Event am 2. und 5. Oktober stilecht in die Ortenau – im beheizten Zelt mit Maßbier, Haxn und Live-Band.
  • 06.09.2019
    Die Edelbrennerei Wurth in Neuried-Altenheim feiert Mitte September ihr 100-jähriges Bestehen. 
  • Auch eine neue Brennerei wird am 14. September eingeweiht und vorgestellt.
    30.08.2019
    Am 14. und 15. September
    Die Edelbrennerei Wurth in Neuried-Altenheim feiert Mitte September ihr 100-jähriges Bestehen. Dafür öffnet Inhaber Markus Wurth ein Wochenende lang seine Tore und bietet außerdem exklusive Editionen seiner Kreationen an. 
  • 28.08.2019
    Relaxen und Genießen im Renchtal
    Das Ringhotel Sonnenhof in Lautenbach im Renchtal begrüßt seine Gäste mit einer einzigartigen Kulisse am Fuße des Schwarzwaldes. Ob im Restaurant, bei den Spa-Angeboten, für Tagungen oder Hochzeiten – der Sonnenhof ist die ideale Adresse zum Relaxen und Genießen.