Netflix-Komödie „Isi & Ossi“

Wer küsst besser: Mannheim oder Heidelberg?

Autor: 
Gunther Reinhardt
Lesezeit 6 Minuten
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14. Februar 2020
Mannheim gegen Heidelberg: Ossi (Dennis Mojen) und Isi (Lisa Vicari)

(Bild 1/16) Mannheim gegen Heidelberg: Ossi (Dennis Mojen) und Isi (Lisa Vicari) ©Foto: Netflix/Bettina Mueller

Netflix spricht kurpfälzisch: „Isi & Ossi“, die erste deutsche Spielfilm-Eigenproduktion des Streamingdiensts, lässt Heidelberg auf Mannheim prallen. Oliver Kienle, Absolvent der Ludwigsburger Filmhochschule und Hauptautor der Serie „Bad Banks“, hat die Komödie inszeniert.

Stuttgart - Bisher war er der Experte für die schweren Stoffe: ob beim mit Drogen und Hip-Hop vollgepumpten autobiografisch eingefärbtem Jugenddrama „Bis aufs Blut“, seinem Abschlussfilm an der Filmakademie Ludwigsburg; beim verstörenden Psychothriller „Die Vierhändige“ oder bei der cool-bösen Hochglanz-Serie „Bad Banks“. Doch Oliver Kienle kann auch anders, kann auch lustig. In der schrillen Komödie „Isi & Ossi“, dem ersten deutschen Netflix-Film, lässt er die Städte Heidelberg und Mannheim in Form der Milliardärstochter Isi (Lisa Vicari) und des Möchtegern-Profiboxers Ossi (Dennis Mojen) aufeinander los.

„Wie viel reich seid ihr?“

Weil Isi ihren Eltern einen Denkzettel verpassen will und Ossi dringend Geld für den nächsten Kampf braucht, werden die beiden ganz unromantisch ein Paar. Sie bezahlt und stellt Forderungen („Kannst du mich bitte richtig asozial küssen?“), er pöbelt auf Bestellung. Doch es kommt, wie es kommen muss: Irgendwann schleichen sich echte Gefühle in die Fake-Beziehung.

Dass diese Screwball-Komödie, die vergnügt „Aschenputtel“ und „Romeo und Julia“ durcheinanderbringt, von dem Mann stammt, der einem fast zeitgleich die zweite Staffel des hochkomplexen Investment-Thrillers „Bad Banks“ beschert hat, ist kaum zu glauben. Doch Oliver Kienle selbst sieht Gemeinsamkeiten: „Wir erzählen eine Geschichte, die natürlich wesentlich seichter daherkommt, als die, die ‚Bad Banks‘ erzählt, und die sich an ein anderes, jüngeres Publikum richtet, aber auch diese Geschichte hat etwas Wahrhaftiges.“ Wahrhaftig heißt in dem Fall, dass der Drehbuchautor und Regisseur zwar schrille Kostümierungen und Klamauk liebt, aber selbst, wenn er seinen Protagonisten Sprüche wie „Wie viel reich seid ihr?“ in den Mund lest, diese nicht der Lächerlichkeit preisgibt. „Mit war es wichtig, die Figuren trotz aller Übertreibungen ernst zu nehmen. Sie streben alle nach Anerkennung, nach Wertschätzung.“

Mannheim und Heidelberg müssen einiges aushelten

Hinter der knallbunten Komödie, dem Märchen von Isi, der Thronfolgerin eines Heidelberger Schraubenimperiums und ihrem widerspenstigen Mannheimer Proll-Prinzen lauert etwas, das man Humanismus nennen könnte: „Es geht im Film weniger um Arm und Reich, als um Chancengleichheit“, sagt Kienle, „dass man nicht das werden kann, was man will, und seine Talente nicht entdecken kann, ist genauso ein Problem reicher Kinder, deren Eltern sie in eine Form zu pressen versuchen.“ So wie Ossi eben nicht Astrophysiker sondern Boxer wird, soll Isi nicht Köchin werden, sondern BWL studieren.

Ähnlich überzeichnet wie die Figuren inszeniert Kienle auch die Schauplätze seiner Geschichte. Heidelberg wird zur Hochburg der Snobs, Mannheim zur Unterschichtsmetropole. „Die beiden Städte müssen das aushalten“, sagt Kienle. Besonders unsympathisch und dekadent kommt Heidelberg in dem Film herüber, auch wenn Kienle es eigentlich besser weiß: „Als Teenager war Heidelberg für mich vor allem Subkultur, der Geburtsort des deutschen Hip-Hops – damals mit ­Advanced Chemistry.“ Und obwohl es Leute geben soll, die ihm geraten haben, sich nach dem Filmstart nicht mehr in Mannheim blicken zu lassen, versteht er ihn als eine Liebeserklärung an Mannheim: „Ich mag die Stadt sehr. Ich mag diesen Charme der Arbeiterstadt.“

„Gar nicht mal so Scheiße die Kacke hier!“

„Isi & Ossi“ ist deshalb nicht nur der erste Netflix-Film, in dem kurpfälzisch geredet wird, sondern auch einer, der eine ziemlich deftige Sprache liebt: „Ossi, du bist so deutsch!“, findet zum Beispiel Ossis Kumpel (Walid Al-Atiyat), „wenn eine Kartoffel einen Lauch fickt, kommst du bei raus.“ Und dann ist da noch Ossis Opa (Ernst Stötzner), der gerade aus dem Knast kommt, dort das Rappen gelernt hat („Ich ficke alle eure Superhelden!“) und keinen Satz ohne Vulgärausdrücke fertig bekommt („Gar nicht mal so Scheiße die Kacke hier!). Wäre so ein Vokabular auch möglich gewesen, wenn nicht Netflix den Film ins Programm genommen hätte, sondern das Öffentlich-Rechtliche ? „Ich weiß nicht, ob ich damit durchgekommen wäre“, sagt Kienle, „wahrscheinlich nicht. Meine Mutter mag so was nicht hören. Und die schaut halt eher ZDF als Netflix.“

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Zwar hat Kienle mit „Bad Banks“ gute Erfahrungen mit dem ZDF gemacht, dennoch glaubt er, dass Netflix ihm als Autor und Regisseur mehr Freiheiten gelassen hat. „Andere hätten mir mehr reingeredet, etwa bei der Besetzung. Weil man immer die gleichen Gesichter haben will“, sagt er. „Toll ist auch , dass es bei Netflix unfassbar klare und schnelle Entscheidungsprozesse gibt“, sagt er. An einem Freitag stellte er die Filmidee bei Netflix vor, am Montag hatte er die Zusage, und eine Woche später stand die Finanzierung.

Deutsch ist die Angst vor dem Scheitern

Was Netflix als Gegenleistung will, sind Geschichten, die zwar international funktionieren sollen – „Isi & Ossi“ wird zeitgleich in 190 Ländern veröffentlicht –, die gleichzeitig aber nicht austauschbar sind, die so etwas wie eine nationale Identität erkennen lassen: „Deutsch ist an dieser Geschichte, dass hier alle Angst vor dem Scheitern haben“, sagt Kienle.

Und während sich gerade alle seine Kollegen über den Boom der Qualitätsserien freuen, genießt es Kienle nach „Bad Banks“ auch mal wieder einen Film zu machen: „Natürlich ist es toll, Serien zu machen. Aber es ist auch toll, was zu machen, das ein Ende hat.“ Und dass sagt er, obwohl er weiß, welchen Preis man bezahlen muss, wenn eine Geschichte in anderthalb Stunden fertig erzählt sein muss: „Filme wirken heute ja oft irgendwie banal, weil sie in fünf Minuten einen Handlungsbogen erzählen, der bei ‚Game of Thrones‘ die ganze dritte Staffel in Anspruch genommen hätte.“

Person Der Drehbuchautor und Regisseur Oliver Kienle wird 1982 in Unterfranken geboren. Er studierte zunächst in Würzburg Germanistik, wechselt allerdings 2004 an die Filmakademie Baden-Württemberg. Sein Abschlussfilm, das Jugenddrama „Bis aufs Blut – Brüder auf Bewährung“ (2010), wird mehrfach ausgezeichnet.

Filme und Serien Kienle führt 2013 beim Stuttgarter „Tatort“ „Happy Birthday, Sarah“ Regie, von ihm stammt das Buch für den TV-Film „Auf kurze Distanz“ (2016), er schreibt und inszeniert den Kinofilm „Die Vierhändige“ (2017) und ist seit 2018 Hauptautor der Serie „Bad Banks“.

Termin „Isi & Ossi“ ist von diesem Freitag an bei Netflix abrufbar; die aktuelle zweite „Bad Banks“-Staffel gibt es in der ZDF-Mediathek.

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