Kritik an Selbstoptimierung

Wie die Melancholie uns stärker macht

Tomo Pavlovic
Lesezeit 8 Minuten
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16. Mai 2024
Man muss nicht andauernd lachen, um einen Gipfel zu erklimmen. Mit ein bisschen Schwermut geht es auch.

Man muss nicht andauernd lachen, um einen Gipfel zu erklimmen. Mit ein bisschen Schwermut geht es auch. ©Foto: Unsplash/Denys Nevozhai

Viele schauen pessimistisch in die Zukunft, das Leiden an der Welt hat angesichts der vielen Krisen zugenommen. Doch die Rückkehr der Schwermut birgt Chancen. Ein Lob der Melancholie und des kritischen Denkens.

„Dumm sein und arbeiten, das ist das Glück“, dichtete einst Gottfried Benn in einem resignativen, ja beleidigten Ton, der für diesen meisterhaften Sprachsezierer nicht ungewöhnlich war. Immerhin soll der Berliner Arzt und Lyriker ein „Melancholiker im Meere des Entsetzens“ gewesen sein, so poetisch wie drastisch wird Benns Wesen und Temperament von einem seiner zahllosen Biografen beschrieben.

Melancholiker sein, das war mal was. Ein Standardwerk zur Melancholie stammt von dem deutschen Soziologen Wolf Lepenies, es trägt den Titel „Melancholie und Gesellschaft“ und erschien in studentenbewegten Zeiten, im Jahre 1969, als an den hiesigen Universitäten sich Unmut über die herrschenden Verhältnisse schon breitgemacht hatte, eine bis dahin in dieser Dimension unbekannte Protestkultur, die ihre Dynamik der Fähigkeit einer intellektuellen Elite zur Reflexion verdankte.

Gefährliches Denken

„Der Intellektuelle klagt über die Welt, und aus dieser Klage entsteht das utopische Denken, das eine bessere Welt entwirft und damit die Melancholie vertreiben soll“, schreibt der Soziologe Lepenies im Vorwort. Die Klage, das Jammern, die Skepsis – all diese eigentlich unangenehmen Aggregatzustände der Verzweiflung sind nur Vorstufen einer Selbstentäußerung, aus der heraus im günstigen Fall ein Anderssein gedacht werden kann. Erst dieses gefährliche Denken versetzt das Subjekt in jene Sphären des Unbestimmbaren, des „Anderen“.

Eine bewusstseinserweiternde Kontingenzerfahrung. Und genau die findet sich zurzeit im Museum. Es soll ja Kulturmenschen in diesem Land geben, die bei der Nennung seines Namens schon mit den Augen rollen: Caspar David Friedrich. Doch das an Ausstellungen reiche Jubiläumsjahr des Künstlers, er wurde vor 250 Jahren geboren, entwickelt sich zu einem riesigen Erfolg.

Nach dem großen Interesse in Hamburg, wo Werke des bedeutendsten Malers der deutschen Romantik Hunderttausende anlockten, sind die Besuchszeiten in der Alten Nationalgalerie in Berlin bereits ausgeweitet worden. „Caspar David Friedrich. Unendliche Landschaften“ ist bis zum 4. August zu sehen – und die Leute stehen Schlange.

Weshalb so viele in den dämmrigen Seelenlandschaften Friedrichs gerade heute etwas erkennen, was sie an ihr eigenes Denken und Fühlen erinnert? Es scheint eine kollektive Sehnsucht zu sein. Sehnsucht nach Stille, nach Reflexion. Gleichzeitig ahnt der eine oder die andere, dass der Wunsch nach Erlösung von all den Krisen wohl nicht erfüllt werden wird. Der Kunstkritiker Peter Richter bezeichnete Caspar David Friedrich deshalb treffend als den „Mehrzweck-Melancholiker“, der seine Bewunderer nach wie vor mit ästhetisch hochklassiger Melancholie versorgen würde.

Melancholie bedeutet allerdings nicht, dass man untätig bleiben muss, das lässt sich an Caspar David Friedrichs Schaffensdrang studieren, der zeitlebens an schweren Seelenkrisen litt. Von wegen Handlungshemmung.

„Das Denken ist das eigentliche Handeln, wenn Handeln heißt, dem Wesen des Seins an die Hand gehen“, schreibt Martin Heidegger in „Die Technik und die Kehre“. Am So-Sein rühren, dem Wesen des Seins „an die Hand gehen“, alles in ein Anders-Sein zu verwandeln, daran arbeitet und leidet der Melancholiker, selbst wenn er in den Augen der anderen scheitert.

Kranke und ansteckende Andersdenker

Hamlet, Brutus oder Antonio, der Kaufmann von Venedig: Sind nicht die berühmtesten Melancholiker der Weltliteratur, die tragischen Helden des Shakespeare-Kosmos die wahrhaft großen Andersdenker? Die Figuren des englischen Dramatikers heben sich, weil sie das Andere zu denken vermögen und den Zweifel zulassen, von der selbstgenügsamen Welt ab wie ein Fleck auf einem blütenweißen Hemd, wie ein ekelhaftes Mal auf der Haut. Melancholiker sind schmutzig, sie gelten vielen als krank und ansteckend.

Und doch ist der Literat ganz beim Prinzen von Dänemark. Selbst das selbstzerstörerischste Denken adelt. In diesem Sinne war William Shakespeare der Alten Griechen Geistes Kind, die nicht nur für die Herkunft des Begriffs verantwortlich zeichnen (,Melancholia‘ steht im Griechischen für die ,Schwarzgalligkeit‘); vielmehr war es der griechische Philosoph und Naturforscher Theophrastos von Eresos, der die schöpferische Kraft der Melancholie lobpreiste. Schließlich sei sie, so Theophrast, das charakteristische Leiden herausragender Persönlichkeiten.

Melancholie adelt

Cicero, Seneca, Plutarch, alle werden fortan die Melancholie als Signatur des Besonderen, ja des Auserwählten betrachten. Nach Theophrast wird der Melancholiker beherrscht vom Körpersaft der schwarzen Galle. Und weil selbige extreme Temperaturunterschiede annehmen kann, ist auch der Melancholiker zu den unterschiedlichsten Stimmungslagen fähig. Innerhalb des breiten Spektrums möglicher Temperamentsausprägungen ist es aber nur ein kleiner Bereich, der die Genialität gewährleistet.

Doch die Zeiten, in denen das Prädikat nicht nur im schöngeistigen Fach durchaus positiv besetzt war, sind längst vorbei. Heute hätte ein schwermütiger Zauderer und Grübler wie Hamlet als leitender Angestellter in einem Dax-Konzern die Aufstiegschance einer Eintagsfliege.

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Wen wundert es, dass Soziologen den modernen Arbeitnehmer in düsteren Worten als „erschöpftes Selbst“ (Alain Ehrenberg) oder auch „getriebenen Menschen“ (Richard Sennett) titulieren. Das Problem dabei: Der Einzelne nimmt die Schuld für seine psychosomatischen Krankheiten infolge der Zustände auf sich, anstatt sie zu externalisieren.

Während Gewerkschaften seit Jahren über Mitgliederschwund klagen, und Ärzte vor einer Massenhysterie zum Thema Burnout warnen, hinter dem sich bei eingehender Diagnostik ein ganzes Bündel von psychosomatischen Erkrankungen verbergen können, rennt das „erschöpfte Selbst“ zum Coaching, um noch effizienter zu werden. Dafür schlucken die Deutschen immer mehr Psychopharmaka, lassen die Coaching- und Helptainment-Branche wachsen.

Anfällig für Schweigeseminare in Klöstern, Biohacking-Webinare für krawattenbefreite Manager und Wellness-Wochenenden mit Rocket-Yoga und anschließender Riechtherapie im Rosengarten sind besonders die Kreativen, die Individualisten, die Achtsamen, denen im Büro schnell Grenzen aufgezeigt werden und welche die eine oder andere Träne in ihren Grünkohl-Smoothie tropfen lassen.

Kampf der Angestellten

Doch statt sich zu organisieren und das System zu verändern, verbiegt man sich lieber selbst bis zur Unkenntlichkeit. Diejenigen, die lautstark für Arbeitszeitverkürzungen auf die Straße gehen – wie kürzlich bei der Deutschen Bahn – oder sich für die Einführung der Vier-Tage-Woche ins Zeug legen, ernten mindestens kollektives Kopfschütteln oder werden gar als Faulpelze beschimpft und ausgegrenzt, lustigerweise auch gern mal von denen, die selbst schon auf der letzten Rille durchs Angestelltendasein eiern.

Der Rest flüchtet sich in die Welt von Schein und Sein und liest Ratgeber-Literatur mit seltsamen Titeln wie „Mein Chef ist irre, Ihrer auch?“ oder „Mehr Schaffen ohne geschafft zu sein. Mit der Powerstrategie zu mehr Ausgeglichenheit und Erfolg.“

Der Begriff der Melancholie ist aus dem Jargon der Psychotherapie fast verschwunden. Mit der Melancholie befassen sich Literaturkritiker oder Dramaturgen an Stadttheatern, selten Mediziner. Und erst recht nicht Personalabteilungen und Manager. Ein Fehler. Denn der bereits in der Antike erkannte Zusammenhang zwischen Kreativität, kritischem Bewusstsein, Reflexion und der Fähigkeit zu utopischem Denken, wird weder erkannt noch gefördert.

Firmen sollten im eigenen Interesse Melancholiker einstellen, nicht ausgrenzen. Ihre Verhaltensauffälligkeit innerhalb der Gruppe oder Abteilung, ihr beginnender Rückzug, die hartnäckige Kritik an den Routinen, wären mögliche Indikatoren für eine Systemstörung, die eine Reform nach sich ziehen müsste.

Melancholie, Depression, Antikapitalismus

Wenn aber im mittleren Management eines Konzerns Veränderungen und kreative Melancholiker entgegen anders lautender Behauptungen nicht gefragt sind, so lautet die Schlussfolgerung: Die Melancholie, die heutzutage zumeist und falsch unter Depression subsumiert wird, ist ihrem Wesen nach antikapitalistisch. Diese These ist nicht neu, sie wurde bereits von dem 2002 verstorbenen marxistischen Psychoanalytiker Pierre Fédida in seinem „Lob der Depression“ formuliert. Für den Franzosen ist die Depression und damit die Melancholie etwas Positives, im Grunde antikapitalistisches.

Auch Wolf Lepenies betont den problematischen Zusammenhang von Herrschaft und Melancholie. Lepenies interpretiert den bürgerlichen Eskapismus im Deutschland des 18. und 19. Jahrhunderts als „permanente Verspätung der Bourgeoisie“, auch weil der Bürger zunächst vom Adel und bald auch vom Proletariat in die Zange genommen worden sei.

Statt sich zu emanzipieren und für die eigenen Rechte einzustehen, ergab er sich dem Weltschmerz, wurde empfindsam, tröstete sich mit Kant und Schiller, was Friedrich Engels als „Deutschen Sozialismus in Versen und Prosa“ verhöhnte. Zeitgenössischen marxistischen Theoretikern ist die Volkskrankheit Depression ein Ausdruck des gegenwärtigen Neoliberalismus und letztlich im Kapitalismus essenziell angelegt.

Ohne diesen Furor plädiert der in Berlin lehrende Philosoph und Autor Byung-Chul Han ähnlich wie Pierre Fédida für das Tolerieren der Depression in Form einer „Müdigkeitsgesellschaft“, als zulässige Reaktion auf das allgegenwärtige „Yes, you can“: „Die Depression ist die Erkrankung einer Gesellschaft, die unter dem Übermaß an Positivität leidet“, schreibt Byung-Chul Han. „Sie spiegelt jene Menschheit wider, die mit sich selbst Krieg führt.“

So betrachtet hätte die Melancholie nichts mehr von einem Rückzugsgefecht des Individuums ins Innere. Sie wäre eine Kriegserklärung an eine kapitalistische Welt, die Angst vor dem Denken hat.

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