Bitches, Beats, Feminismus

Wie Frauen den Deutschrap erobern

Autor: 
red/ dpa
Lesezeit 4 Minuten
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30. Juni 2020
„Supersize“ von Shirin David landete 2019 auf Platz eins der Charts.

„Supersize“ von Shirin David landete 2019 auf Platz eins der Charts. ©Foto: imago images/Photopress Müller/Ralf Müller

Eine „Bitch“ schreibt Bücher, eine YouTuberin stürmt mit Hip-Hop die Charts, eine Trap-Queen begeistert die Kritiker. Alle drei zeigen: Deutschrap ist mehr als Mackertum und frauenfeindliche Texte.

Berlin - Sexismus, Gewaltverherrlichung und protzige Typen in dicken Autos: Deutscher Hip-Hop hat nicht unbedingt den Ruf, ein Hort feministischer Ideen und der Gleichberechtigung zu sein. Doch zuletzt hat sich eine Riege von Künstlerinnen in den Vordergrund der Männerdomäne gerappt. Die frühere SXTN-Frontfrau Juju, Feuilleton-Liebling Haiyti oder Chartstürmerin Shirin David gehen dabei den Weg, den Künstlerinnen wie Lady Bitch Ray geebnet haben. Kommt Hip-Hop nun endlich weg vom männlichen Proll-Image?

Reyhan Şahin hatte schon 2007 den Spieß umgedreht. Als Lady Bitch Ray rappte die Bremerin nicht nur als eine der ersten Frauen im deutschen Hip-Hop explizit über Sex, sie tingelte auch durch die Talkshows und hielt der Testosteron-Welt den Spiegel vor. Den von vielen Rappern abwertend benutzten Begriff „Bitch“ („Schlampe“) reklamierte sie auch noch kurzerhand für sich selbst. Heute schreibt die promovierte Linguistin, die am Freitag (3. Juli) 40 Jahre alt wird, Bücher über Feminismus und widmet sich der Rassismusforschung.

Auch Sabrina Setlur oder Schwesta Ewa waren erfolgreich

„Vor 13 Jahren war ich die Einzige, daher bekam ich damals sehr viel Hatespeech, Bitchstorm, Rassismus und Sexismus ab“, erinnert sich Şahin. Zwar sei es schwierig für sie zu bewerten, was sie im Deutschrap bewirkt hat. Jedoch gebe es heute eine steigende Zahl von Rapperinnen - „glücklicherweise auch jene, die über Sex oder emanzipatorische Themen rappen“.

Eine Entwicklung, die auch die Hip-Hop-Journalistin Visa Vie beobachtet. „Als ich vor zehn Jahren angefangen habe, waren da vielleicht fünf Frauen, die irgendwie sichtbar in dieser Welt agiert haben“, erzählt die Szene-Expertin, die bürgerlich Charlotte Mellahn heißt. Auch vor Lady Bitch Ray habe sie großen Respekt: „Sie war damals allein auf weiter Flur.“

Es habe zwar mit Sabrina Setlur oder Schwesta Ewa bereits früher Frauen gegeben, die im Hip-Hop erfolgreich waren, meint Mellahn. Der „endgültige Mittelfinger in Bezug auf all die sexistischen Gedanken“ sei dann aber erst 2015 mit dem Rap-Duo SXTN gekommen: „Da kamen auf einmal zwei Frauen und haben gesagt: „Ich ficke deine Mutter ohne Schwanz“. Und alle dachten sich: „Wow, was passiert jetzt?““ Danach hätten sich viel mehr Frauen getraut, sich in ihrer Musik auszuleben.

Funktioniert es doch nur mit sexistischen Klischees?

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2019 landete mit „Supersize“ von Shirin David dann erstmals ein Soloalbum einer deutschen Rapperin auf Platz 1 der Charts. Auf dem Cover räkelt sich die 25-jährige Youtuberin nackt vor einem Pool. Funktioniert es am Ende also doch nur mit sexistischen Klischees? 

Ex-Gangster-Rapperin Şahin kritisiert die Frauenbilder, die einige Akteurinnen transportieren. Damit würden sexistische und patriarchale Strukturen gestärkt, betont sie: „Ist leider nicht jede Feminist*in, die die deutschen Hip-Hop-Charts stürmt.“ Shirin David selbst begreift sich jedoch auf ihre Weise als Feministin, schon vor der Albumveröffentlichung schrieb sie auf Instagram: „Ist das Recht den eigenen Körper so präsentieren zu dürfen wie man es möchte nicht einer der Aspekte, für den zahllose Generationen von Frauen gekämpft haben?“

Abseits solcher Diskussionen haben sich aber mittlerweile auch Rapperinnen etabliert, denen das Thema relativ egal ist. „Ich bin halt Rapper. Was soll ich machen?“, meint etwa die Hamburgerin Haiyti. 2018 hat sie den Echo-Kritikerpreis gewonnen. Auf ihrem neuen Album „Sui Sui“ (Veröffentlichung: 3. Juli) flowt sie lässig über fette Trap-Beats und gezielt an dem Geschlechterthema vorbei.

Einige Rapperinnen werfen das Handtuch

Von einer neuen Normalität ist Hip-Hop-Deutschland aber noch ein gutes Stück entfernt. Im Dezember etwa warf die Rapperin Sookee desillusioniert das Handtuch, Sie schrieb in einem Facebook-Post: „Feminismus ist ein Business geworden.“ Auch in den Augen von Reyhan Şahin alias Lady Bitch Ray sind die männlich dominierten Strukturen im Rap nicht verschwunden.

Charlotte Mellahn alias Visa Vie hat auch immer noch mit sexistischen Kommentaren zu kämpfen. Zuletzt thematisierte sie ihre Erlebnisse in dem ProSieben-Beitrag „Männerwelten“ des Moderatorenduos Joko & Klaas. Doch im Vergleich zu früher gebe es jetzt immerhin Menschen, die sich mit ihr solidarisierten: „Es ist viel sicherer, viel entspannter und viel aushaltbarer geworden als Frau in dieser Rap-Welt.“

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