Nachbetrachtung zum Deutschen Buchpreis 2019

Wie viel Strategien gehen dem Autoren-Glück voran?

Autor: 
José F.A. Oliver
Lesezeit 4 Minuten
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20. Oktober 2019
Saša Stanišics Roman „Herkunft“ im Buchregal.

Saša Stanišics Roman „Herkunft“ im Buchregal. ©dpa

Saša Stanišic hat für seinen Roman „Herkunft“ den Deutschen Buchpreis 2019 erhalten. Was bedeutet ein solcher Preis für einen Schriftsteller? Und was muss er mitbringen, um in die Endauswahl eines solchen Wettbewerbs zu kommen? 

Bingo! And the winner is... Saša Stanišic. Sein Roman „Herkunft“ wurde gekürt. Obwohl manche gar nicht von einem Roman sprechen. Die Begründung der Jury zum Deutschen Buchpreis 2019 könnte pointierter nicht ausfallen: „Mit viel Witz setzt er den Narrativen der Geschichtsklitterer seine eigenen Geschichten entgegen.“ Ein klares und visionäres Argument.

An einer Stelle seines Buches „Herkunft“ schreibt Stanišic: „Dreißig Jahre später, im März 2008, musste ich zum Erlangen der Deutschen Staatsbürgerschaft unter anderem einen handgeschriebenen Lebenslauf bei der Ausländerbehörde einreichen (...) Die Deutschen mögen Tabellen. Ich legte eine Tabelle an. Trug auch ein paar Daten und Infos ein – Besuch der Grundschule in Višegrad, Studium der Slawistik in Heidelberg –, es kam mir jedoch vor, als hätte es nichts mit mir zu tun. Ich wusste, die Angaben waren korrekt, konnte sie aber unmöglich stehen lassen. Ich vertraute so einem Leben nicht.“ Das Buch, möchte ich dem Preisträger zurufen, ist ein Geschenk, um dem Leben zu vertrauen. Denn in der Literatur gilt es anderen Dimensionen zu trauen, nicht den Auflistungen. 

Die einen mögen von der Bekanntgabe begeistert sein. Andere tun sich schwer. Eine Auswahl ist immer erratisch. Birgt aber Chancen. Gerade weil sie markiert. Auch ein mögliches Vertun offenbart. Jede Haltung schließt ein und schließt aus. Was auf den ersten Blick wie eine Binsenweisheit daherkommt, meint indes mehr als nur die Erkenntnis, dass Entscheidungen auch ganz anders hätten ausfallen können. Dieser Preis ist, wie alle Preise, für eine ganze Reihe von Büchern und deren Autoren ein Katapult: Plötzliche Aufmerksamkeit, Medien-Rummel, Kurzparkzeit. Im guten Fall künftige Wahrnehmung. Als Idee und Auszeichnung ist der Buchpreis phänomenal. Als Konsequenz hingegen ein Tribunal: Wer ist die oder der Beste zwischen Entdeckerwohlwollen und Buchhandels-Marketing?

Schullektüre

Doch zunächst: Herzlichen Glückwunsch! Das Buch und die Prämierung erreicht uns in wesentlichen Augenblicken unserer Identitätsfindung. Stanišics „Herkunft“ ist Gegenwart. Eine Antwort auf unsere Zeitenbrüche. Ein Buch, das persönlich ist, poetisch, politisch, gesellschaftsrelevant. Auch heiter, mit Witz. „Herkunft“ sollte als Schullektüre empfohlen werden. Wirklichkeiten, die autobiographisch Wahrheiten bergen und benennen.

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Mir stellte sich bei der Bekanntgabe des Siegertitels auch die Frage, ob die Entscheidung gar eine ausgezeichnete Antwort auf den diesjährigen Literaturnobelpreisträger Peter Handke sein könnte. Über Handkes politische Haltung zu Serbien ist ja eine sehr scharf geführte Debatte im Gange. Nicht erst seit Saša Stanišic in seiner Dankesrede in Frankfurt Bemerkenswertes sagte: „Ich hatte das Glück, dem zu entkommen, was Peter Handke nicht beschreibt.“

Doch zurück zum Wesen des Buchpreises. Er hat schon irgendwie ein wenig Literatur-Oscar-Charme. Die Trophäe: 25 000 Euro für das „Buch des Jahres“ – eigentlich, der „Roman des Jahres“. Auch die „Unterlegenen“, die den zweit- dritt, viert- und fünftbesten Roman geschrieben haben, erhalten einen finanziellen Obulus. Jeweils 2500 Euro.

Die Absicht des Preises ist lese-orientiert angelegt, bedeutet Ehre und Verkauf: „In den vergangenen anderthalb Jahrzehnten hat der Deutsche Buchpreis wie kaum eine andere Auszeichnung neue deutschsprachige Literatur ins Gespräch gebracht“. Eigentlich müsste es ja heißen „neue deutschsprachige Romane“. Denn andere literarischen Gattungen blieben außen vor.

Wie viel Glück gehört dazu, um in die Endauswahl zu kommen? Wie viel Zeitgeschmack steht Pate? Vielleicht ist es eine Mischung aus Allem. Man hatte im Vorfeld viel gelesen. Dass die Jury, ihrer Aufgabe nicht gewachsen gewesen sei. Dass sich die Kritik vor den Karren des Buchhandels habe spannen lasse. Erst werden 20 Bücher für die Longlist nominiert, davon verbleiben sechs Titel auf der Shortlist. Insofern hat es die Jury, die von hunderten von Neuerscheinungen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz einen ersten Vorschlag unterbreiten muss, dann einen zweiten, schließlich die Preisentscheidung selber, nicht einfach. Warum er? Weshalb nicht sie? Wie kommt dieser Titel in die engere Auswahl?

Anstoß zu Debatten

Mit diesen Reaktionen ist sicherlich eins erreicht: Es wird debattiert. Ob rentabel verkäufliche Unterhaltungsliteratur oder literaturkritisch „relevante Bücher“, die sich nicht verkaufen, weil „schwer lesbar“. Ja, Literatur und der Büchermarkt. Wer auch immer in der Jury das Sagen hat. Es wird wohl dauern, bis ein eindeutigerer Kompass gefunden ist. Solange bleibt die Erkenntnis, dass Preisentscheidungen bewegen. Manchmal, wie heuer, sogar in eine Auseinandersetzung um Grundsätzliches führen: Wie umgehen mit dem Spannungs-Verhältnis zwischen Werk und dem, was Autoren außerhalb ihrer Bücher von sich geben?

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