Lahrer Literaturtage

Wladimir Kaminer ­ein Kosmopolit mit Witz und Ironie

Autor: 
Jürgen Stark
Lesezeit 3 Minuten
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27. Mai 2019
Wladimir Kaminer bei seinem Auftritt im Schlachthof in Lahr.

Wladimir Kaminer bei seinem Auftritt im Schlachthof in Lahr. ©Jürgen Stark

Bei den Lahrer Literaturtagen »Orte für Worte« trat Wladimir Kaminer vor vollem Haus an. Der beliebte deutsch-russische Autor gastierte unter dem Slogan »Best of...« erneut mit Lieblingstexten aus seinen Büchern im Schlachthof.

»Man könnte denken, die Russen hätten nicht 70 Jahre lang versucht den Kommunismus aufzubauen, sondern sich mit Speck-Rezepten befasst«, lautet eine der ersten Aussagen Kaminers auf der Bühne. In Russland gäbe es nämlich etwa so viele Speck-Varianten wie in Deutschland Brötchen, erfährt der Besucher. Der lustig-listige Autor zeigt sich als literarischer Bruder im Geiste des großartigen Jaques Tati, der in seinen Filmen zu dem Ergebnis gekommen ist: Alles Wichtige ist komisch. 

Dabei sind Kaminers »Tatorte« die Normalität, zum Beispiel sein Bäcker in Berlin. Dort trifft der 1990 aus Moskau eingewanderte Toningenieur und studierte Dramaturg auch einen, der nicht von hier ist und sich all die vielen Brötchennamen nicht merken kann. Kaminer kommt dem Verkäufer auf seine Weise entgegen: »Ich bestelle immer zwei Brötchen normal und drei abnormal.« 
Mit seinem smarten russischen Akzent kalauert sich Kaminer dynamisch durch die Weltgeschichte, sodass das Publikum vor Lachen kaum noch Zeit zum Atmen hat. Erst wird geplaudert, dann gelesen. Geschichten aus seinen Büchern und solche, die noch gar nicht erschienen sind.

Er würde auch viele Briefe von Lesern seiner Bücher erhalten, berichtet er. Diese würden ihn auch manchmal nachdenklich machen, wie er an einem Beispiel beschreibt: »Herr Kaminer, gehen Sie sofort zum Arzt! Sie sind krank! Bei all ihren Geschichten sind Sie an der Bar, Sie sind Alkoholiker.« Kaminer quittiert diese Aussage mit müdem Lächeln. 

Bereits für nächstes Jahr gebucht

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Interessant für den Beobachter ist die spezielle Mischung dieses frei herumschwebenden Humors. Kaminer ist ein echter Kosmopolit, er erzählt deutsche Witze mit russischem Tiefgang und unterlegt sie mit britischem Humor der schwärzeren Sorte. Das ist im Ergebnis ungewöhnlich und reißt die Leute von den Stühlen. Vor fünf Jahren seien drei, vier Leute zur Kaminer-Lesung gekommen, heute hätte man zusätzliche Stühle holen müssen, berichteten die Veranstalter der Lahrer Rockwerkstatt, um den leicht verspäteten Start zu entschuldigen. Fürs nächste Jahr ist Kaminer bereits wieder gebucht. 

Dann nimmt Kaminer Fahrt auf. Migration erklärt er so: »Vor ein paar Jahren wanderten die Syrer los. Die Völker fragten die Syrer, wo wandert ihr denn hin? Wissen wir nicht, antworteten die Syrer. Da riefen die Völker, oh, dann kommen wir mit.« 

Kaminer stellt auch seine Familie in den Dienst seiner gnadenlosen Ironie. Wie die 23-jährige Tochter, »die studiert eine moderne Wissenschaft von der keiner weiß, was das ist.« Schließlich erfährt das Publikum etwas von »Europäischer Ethnologie und Gender mit Migration«. Der politisch unkorrekte Lästerer übersetzt das so: »Ein Migrant geht hier in einen großen Laden und sucht sich dort ein neues Geschlecht aus.« 

Die Rundumschläge treffen auch die Oma. Etwa wenn die Enkelin mit ihr in ein Konzert der Rolling Stones geht. Die Oma trägt nämlich einen Schrittzähler am Arm, »Da sind nie viele Schritte drauf«, hat Kaminer beobachtet. Doch da die Tochter Omas Arme zum Beat der Stones mitschaukeln lässt, hat diese nach dem Konzert 900 000 Schritte auf der Uhr. Idealer Übergang zur abschließenden Party ohne Stühle: Rumpeldisko oder Russenpolka könnte man diese »Russendisko« frei übersetzen. Kaminer mag ja den Wortwitz.

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