Große Retrospektive zum 75. Geburtstag

ZKM Karlsruhe feiert Chef Peter Weigel mit einer Jubelshow

Autor: 
Adrienne Braun
Lesezeit 3 Minuten
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09. Oktober 2019
Peter Weibel mit seinem Werk „Video Lumina“ aus dem Jahr 1977.

Peter Weibel mit seinem Werk „Video Lumina“ aus dem Jahr 1977. ©Uli Deck/dpa

Auch wenn ein Beigeschmack bleibt, dass das ZKM Karlsruhe für seinen Chef eine Jubelshow auf die Beine stellte: Das Werk des Museumsdirektors und Künstlers Peter Weibel lässt sich dabei doch auch auf den Prüfstand stellen. 

 Man kennt ihn als Professor, als Kurator, Theoretiker, Medien-Experte und vor allem als Direktor des ZKM Karlsruhe. Aber Peter Weibel als aktiver Künstler, der neben Vorlesungen in Wien oder Halifax, ambitionierten Ausstellungsprojekten und wissenschaftlichen Publikationen immer noch im Atelier mit der Kunst gerungen hat? Nun hat er den Beweis erbracht: Zu seinem 75. Geburtstag hat sich der ZKM-Chef eine Ausstellung geschenkt. Schließlich habe er, wie es in der Retrospektive heißt, „entscheidende Entwicklungen in der Kunst des ausgehenden 20. und des 21. Jahrhunderts geleistet.“

Tatsächlich kann man bei einigen frühen Werken Weibels von Ikonen der Medienkunst sprechen, vor allem bei jenen, die gemeinsam mit seiner einstigen Partnerin Valie Export entstanden sind. Für ein Video ließ sich Weibel auf allen vieren am Halsband durch die Straßen führen – ein bissiger Kommentar zum Geschlechterkampf. Ein Meilenstein wurde auch das „Tapp- und Tastkino“, bei dem sich Valie Export 1968 eine Kiste vor den Oberkörper schnallte und die Herren durch einen Vorhang ihre Brüste betatschen ließ. Weibel begleitete die Aktion mit dem Megafon.

In den Sechziger- und Siebzigerjahren nutzen Künstler Fotografie und Video, um Körper und Raum zu erforschen. Auch Peter Weibel filmt damals ein Ohr, das sich beim Stirnrunzeln bewegt, oder Augen in Bewegung. Er integriert häufig die Sprache, schreibt sich auf die Stirn „Hass“ und in den offenen Mund „Zunge“, „Magen“, „Gedärme“. Er führt auch mit dem Kassettenrekorder Dialoge. Zu den klügsten Arbeiten gehört jene, in der er „an“ und das Gerät „aus“ im Wechsel sagt.

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Gängige Strömungen

Über zwei Lichthöfe zieht sich die stattliche Retrospektive hin, in der sich interessante Arbeiten finden lassen. Und doch ist unverkennbar, dass Weibel immer wieder gängige Strömungen aufgegriffen und sich anverwandelt hat. Es gibt Texte im Stil der Konkreten Poesie, Op-Art, Installationen, Konzeptkunst und Skulpturen. In einer jüngeren Wandarbeit blinken in Leuchtschrift die Wörter „Kunst“, „Bild“ und „Begriff“ in verschiedenen Zusammensetzungen wie „Kunstbegriff“ oder „Begriffskunst“. 

Weibel hat auch lustige Objekte gemacht, bei denen er ein Kruzifix zersägt und die Schichten luftiger angeordnet hat. Ob er historische Fotografien durch Nebel projiziert oder die Besucher in Installationen einbindet und sie Bodensensoren aktivieren lässt: Letztlich handelt es sich oft um Arbeiten, die man im Design als „Me-too-Produkte“ bezeichnen würde – Nachahmerprodukte.
Peter Weibel, der kluge Theoretiker, unterfüttert vieles zwar mit Gedanken zu Sprachtheorie, Mathematik und logischer Philosophie, doch die Botschaften sind oft plakativ: „Das Alphabet ist noch immer die beste Krücke der Welt“ nennt sich eine Arbeit, für die er Buchstaben auf Spazierstöcke geklebt hat. Er hat in Marmor „Es ist verboten zu verbieten“ (1974) graviert, auf das Foto einer Ruine „Bankers do it better“ (2009) geschrieben oder auf rostige Bilder „Ich glaube an den Untergang der Welt, aber nicht an den Untergang des Kapitalismus“.

Peter Weibel hat immer schon seine Funktion und seine Macht als Kurator genutzt, um den Rang seines künstlerischen Werkes zu verfestigen. Auch wenn ein unangenehmer Beigeschmack bleibt, dass die ZKM-Mitarbeiter ihrem Chef diese Jubelshow ausgerichtet haben, so lässt sich Weibels künstlerisches Werk dabei doch auch auf den Prüfstand stellen. Und muss selbst beweisen, ob es wirklich „entscheidende Entwicklungen in der Kunst des ausgehendem 20. und des 21. Jahrhunderts geleistet“ hat.
 

Info

Öffnungszeiten

Ausstellung „respektive Peter Weibel“, ZKM Karlsruhe, bis 8. März, Mittwoch bis Freitag 10 bis 13 Uhr, Samstag, Sonntag 11 bis 13 Uhr

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