Oberkirch

Als ein Artistenkind Stadtkapellmeister in Oberkirch wurde

Autor: 
Von Irmgard Schwanke und Michael Seidler
Lesezeit 3 Minuten
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29. Juni 2016
Rudolf Blondin an der Fasent auf einem Pferd, Ecke Hauptstraße/Renchener Straße. Kleines Bild: Laut mündlicher Überlieferung übernachteten Artisten der Familie Knie im 19. Jahrhundert in dem Haus, in dem sich heute die Glasmalerei Bijanfar befindet. Im Dachgeschoss wurden naive Fresken gefunden, die teilweise Zirkusmotive zeigen.

(Bild 1/2) Rudolf Blondin an der Fasent auf einem Pferd, Ecke Hauptstraße/Renchener Straße. Kleines Bild: Laut mündlicher Überlieferung übernachteten Artisten der Familie Knie im 19. Jahrhundert in dem Haus, in dem sich heute die Glasmalerei Bijanfar befindet. Im Dachgeschoss wurden naive Fresken gefunden, die teilweise Zirkusmotive zeigen. © Stadtarchiv/Irmgard Schwanke

Rudolf Blondin bestimmte von 1891 an 35 Jahre lang die Geschicke der Oberkircher Stadtkapelle. Unterstützt von Stadtarchivarin Irmgard Schwanke hat Vorstandsmitglied Michael
Seidler die spannende Lebensgeschichte Blondins aufgearbeitet. Seine Recherchen haben ergeben, dass der Stadtkapellmeister aus den berühmten Seiltänzerdynastien Blondin und Knie stammte.

Den Oberkircher Zeitgenossen waren Rudolf Blondins akrobatische Fähigkeiten be-kannt. Im »Nationallied vom Loh« heißt es: »Im Loh, im Loh es Künstler hat. / Sie spielen alle von dem Blatt: / Klavier und Geig, Baßrumpel, Flöt; / Auch gern auf’s Seil Herr Blondin geht.«

Der Vater Rudolf Blondins war der um 1830 in Nancy geborene Artist Eugen Blondin. Er unterzeichnete 1851 einen Kontrakt mit der »Seiltänzergesellschaft Knie« und heiratete noch im gleichen Jahr die junge Clara Knie. Da die Familie fast ständig mit der Artistentruppe unterwegs war, wurden die Kinder des Paares in verschiedenen Städten in Deutschland, der Schweiz und Frankreich geboren.

Der Nachwuchs war von klein auf in das Programm eingebunden. So zeigt ein Plakat aus den 1860er Jahren, dass nicht nur Rudolf Blondins Eltern, Onkel und Tanten, sondern auch er selbst und seine Geschwister als »Die Kleinen« in »Knie’s Arena« auftraten. Üblicherweise fanden tagsüber auf Plätzen im Freien Vorführungen auf dem Hochseil statt. Am Abend wurden in gemieteten Sälen artistische Kunststücke, Tänze und Pantomimen gezeigt. Es wurde jongliert,  und Rudolf Blondins Vater lief auf einer Kugel.

Laut verschiedener Veröffentlichungen war die Familie von Rudolf Blondin mit dem in Frankreich geborenen Hochseilakrobaten Charles Blondin verwandt. Dieser war zu seiner Zeit ein weltberühmter Star, nachdem er 1859 auf einem Seil die Niagarafälle überquert hatte. Gegen direkte verwandtschaftliche Verhältnisse spricht jedoch, dass »Blondin«  nur der Künstlername des Seilläufers war. Sehr viel glaubwürdiger ist eine andere These, wonach Charles Blondin seinen Namen vom Besitzer des ersten Zirkus übernahm, in dem er arbeitete. Dieser Besitzer könnte ein naher Verwandter von Rudolf Blondin gewesen sein.

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Um 1870 löste sich die »Seiltänzergesellschaft Knie« auf. Rudolf Blondins Eltern machten sich selbständig. Ein Teil  der Knie-Verwandtschaft gründete ein neues Unternehmen, aus dem der Schweizer Nationalzirkus Knie hervorging.

Trotz der beruflichen Trennung pflegten die Familien Blondin und Knie über Jahr-zehnte Kontakte. Als 1899 ein Seiltänzer namens Knie auf dem Oberkircher Kirchplatz seine Künste zeigte, wurde die Vorstellung von der Stadtkapelle begleitet. Rudolf Blondins Bruder, der Dekorationsmaler Eugen Blondin, ließ sich im Alter von gut 50 Jahren in Rapperswil nieder. Am Ort des Winterquartiers wurde er als Kassierer an der Kasse des Zirkus Knie eingestellt. Eugen Blondin war vielfältig interessiert und stand in brieflichem Kontakt mit Hermann Hesse. Diesen hatte er in der Zeit von dessen Buchhändlerlehre in Tübingen kennengelernt.

Inhaftierung drohte

Während des 1. Weltkriegs wurde Rudolf Blondin die unstete Vergangenheit der Familie beinahe zum Verhängnis. Nachdem er schon über 25 Jahre in Oberkirch gewohnt hatte und als Dirigent der Stadtkapelle Anerkennung genoss, erfuhr er 1915 bei der Beantragung eines Reisepasses, dass er nicht – wie angenommen – die schweizerische, sondern die französische Staatsangehörigkeit besaß.

Blondin bemühte sich nun um »Aufnahme in den badischen Staatsverband«. Dies wurde ihm jedoch als Staatsangehörigem des französischen Kriegsgegners verwehrt. Kurzzeitig drohte Blondin sogar die Inhaftierung in einem Kriegsgefangenenlager in Holzminden. Erst 1919 erhielt er die deutsche Staatsbürgerschaft. Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten wurden 1933 Überlegungen an-gestellt, die Einbürgerung zu widerrufen. Diese Bestrebungen verliefen jedoch im Sande.

Zur Person

Rudolf Blondin

Rudolf Blondin (geb. 1859 in Aarau/Schweiz, gest. 1944 in Oberkirch)
◼ Ausbildung am Musikkonservatorium in Straßburg
◼ Ab 1882 Musiklehrer in Straßburg
◼ 1884 Eheschließung mit Anna Katharina Hansmetzger
◼ 1884–88 Musiklehrer in Kork
◼ 1888 Zuzug nach Oberkirch, obere Hauptstraße, später Inselbadweg
◼ 1891–1926 Stadt­kapellmeister in Oberkirch
◼ 1892–1922 Dirigent des Kirchenorchesters in Oberkirch
◼ 1921–1924 Dirigent des Orchestervereins in Oberkirch
Stadtkapelle und Stadtarchiv suchen historische Fotografien zum Thema Musik. Kontakt: Irmgard Schwanke, • 07802/82-109, i.schwanke@oberkirch.de

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