Serie "Orts-Namen"

Das Dorf der Weber und Bären

Autor: 
Michael Frammelsberger
Lesezeit 5 Minuten
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16. August 2015
Helmut Ell (links) und Gerhard Bär können vor allem dank der alten Kirchenbücher viel über die Önsbacher Familien und Familiennamen erfahren.

Helmut Ell (links) und Gerhard Bär können vor allem dank der alten Kirchenbücher viel über die Önsbacher Familien und Familiennamen erfahren. ©Michael Frammelsberger

In welcher Ortschaft ist der Name Weber, in welcher Berger oder Bär auffällig häufig vertreten und was hat es damit auf sich? Die Acher-Rench-Zeitung stellt, jeweils montags, die Namenshitlisten im Raum Achern vor und geht die Hintergründe ein. Exklusiv auf bo.de können Sie sich bereits jetzt durch die Namen der Acherner Ortsteile klicken.

Dass Namensforschung im eigenen Ort auch Familienforschung sein kann, zeigt das Beispiel von Gerhard Bär. »Das ist einfach eine Neigung von mir«, erklärt der frühere Ortsvorsteher und langjährige Bürgermeister von Seebach. »Man möchte einfach wissen, was man für Leute in den Genen hat und wo die herkommen«, pflichtet ihm Helmut Ell bei. Die Grundlage für diese »schöne Leidenschaft« bietet in Önsbach das Familienbuch von Eugen Weber. In diesem Werk hat der frühere Ortshistoriker alle zwischen 1700 und 1950 geborenen Önsbacher verzeichnet. Nach seinem Wegzug übergab er 30 Ordner mit Unterlagen an Gerhard Bär, der ihm bei der Arbeit am Buch geholfen hatte.

Zurück ins Jahr 1642

Mit seiner eigenen Sippe hat sich Gerhard Bär intensiv befasst. Die Önsbacher Bären kann man auf den Ringelbacher Johannes Bähr zurückführen, der 1642 die Waldulmerin Maria Berger heiratete. Von diesem Paar stammen auch einige gleichnamige Waldulmer Familien ab. Ihr 1679 geborener Enkel Mathias Bär heiratete die Önsbacherin Albertine Hofmann und begründete die Familie im Ort. Über zwei seiner Söhne kam der Name dann auch nach Fautenbach. Ab den 1770er Jahren verbreitete sich die Familie Bär auch mit einer zweiten Linie in Önsbach, als ein Großneffe des Stammvaters Johannes Bähr aus Waldulm ins Dorf zog.

»Ich hatte mal eine Führung für eine Waldulmer Seniorengruppe, bei denen jemand Bähr hieß«, erzählt Gerhard Bär. Dieser habe nicht an eine mögliche Verwandtschaft geglaubt, schließlich schreibe sich die Familie in Waldulm mit H. Dies ist aber ein historischer Zufall, weiß Bär. So gebe es in den Kirchenbüchern, je nach Pfarrer, Einträge mit »Bahr« oder »Bähr«, im 19. Jahrhundert wurden beide Schreibweisen mit und ohne H auch für die gleichen Personen benutzt. Erst mit der Einführung des staatlichen Standesamts ab 1870 setzte sich die Schreibweise ohne H in Önsbach durch.

Dass die ganzen Hochzeiten und Wohnortwechsel aus früheren Jahrhunderten heute noch nachvollziehbar sind, ist den Kirchenbüchern zu verdanken. In diesen wurden seit dem 17. Jahrhundert Geburten, Taufen, Hochzeiten und Todesfälle vom jeweiligen Pfarrer eingetragen.

Die Önsbacher wurden bis 1791 ins Fautenbacher Kirchenbuch eingetragen, erst danach wurde man eine eigenständige Gemeinde. Ab 1870 übernahm das Standesamt die Dokumentation der Bevölkerungsentwicklung, dessen Unterlagen kann man heute als Mikrofilm im Acherner Archiv finden.  »Ich bin an der ganzen Sache gar nicht so lange dran gesessen«, beschreibt Gerhard Bär seinen Arbeitsaufwand. Rund 30 Geburten gab es früher pro Jahr, das mache die Arbeit überschaubar.

Eine besondere Personengruppe hat Helmut Ell untersucht. Er wollte wissen, wie viele Nachfahren des Barockdichters und ehemaligen Schultheiß von Renchen, Johann Jakob Christoph von Grimmelshausen, in Önsbach wohnen. »Renchen wäre ohne die Önsbacher heute ausgestorben«, schmunzelt Helmut Ell. Aufgrund der kurzen Entfernung hätte es früher viele Heiratsverbindungen zwischen den beiden Orten gegeben.

Grimmelshausens Enkelin Maria Katharina Weiß heiratete den Önsbacher Lorenz Scherbeck, mit dem Familienbuch von Eugen Weber konnte Ell ihre Nachfahren identifizieren.

»Das erschlägt alles, was ich mir vorgestellt habe«, sagt der Ortshistoriker zu deren Anzahl. Heute leben noch 300 Menschen in Önsbach, die zum Teil über mehrere Linien mit der Enkelin des Barockdichters verwandt sind.

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Viele Kinder starben

Helmut Ell erinnert daran, dass hinter jedem Namen auch ein Schicksal steckt. »Da haben sich manchmal große Tragödien abgespielt.« So seien bei einem Paar acht Kinder innerhalb weniger Monate gestorben, allgemein war die Kindersterblichkeit sehr hoch.

Die medizinische Versorgung war bis zum Ende des 19. Jahrhunderts kaum ausgebaut, viele Kinder starben wenige Wochen bis Monate nach der Geburt. Auch die Erwachsenen waren von der schlechten medizinischen Versorgung betroffen, oft starben Mütter im Kindsbett. Witwer und Witwen heirateten meist wieder nach wenigen Monaten, damit die Versorgung der Kinder gewährleistet wurde.

Noch ein Riegelsberger

Einige einst große Familien sind inzwischen aus Önsbach fast verschwunden. »Früher gab es sehr viele Riegelsberger, die aus Stadelhofen hergezogen waren«, erklärt Helmut Ell.

Jetzt lebt nur noch ein Namensträger im Ort. Da sein Sohn im Ausland lebt, wird mit ihm der Name wohl in Önsbach aussterben. Auch die Dolls waren im 19. Jahrhundert sehr zahlreich, doch die Großfamilie wanderte innerhalb kürzester Zeit geschlossen in die USA aus.

Warum sich aber die Webers und die Bärs so gut gehalten haben, können die Ortshistoriker nicht beantworten. »Vielleicht haben sie eine besonders solide Gesundheit«, mutmaßt Helmut Ell. »Aber wahrscheinlich basiert das auf dem Zufalls­prinzip.«

 

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Hintergrund

Der Name Bär

Der Name Bär leitet sich in Önsbach nicht vom gleichnamigen Tier, sondern von einem alten Gegenstand ab. In den Weinbauregionen wie Waldulm musste nach starkem Regen die weggeschwemmte Erde wieder nach oben in die Weinberge getragen werden. Dazu nutze man ein Tragegestell, dass als »Bahr« von der Bahre, »Bähr« oder »Baer« bekannt wurde. Bei der Einführung der Nachnamen im späten Mittelalter wurden oft Begriffe aus dem Arbeitsalltag übernommen, einzelne Weinbauern oder ihre Knechte nannten sich also nach ihrem Arbeitsgerät. Im Waldulmer Dialekt ist das Wort auch heute noch in der Bezeichnung »Schaltbähr« für Schubkarre vorhanden.

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