Achern / Oberkirch

Der Geistliche und das Bengele

Wolfgang Winter
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31. Mai 2013
Foto: Stadtarchiv/Repro: Busam - Anton Grumann (1881-1937).

Foto: Stadtarchiv/Repro: Busam - Anton Grumann (1881-1937).

Der italienische Kinderbuchklassiker Pinocchio wurde in Deutschland unter dem Titel »Geschichte vom hölzernen Bengele« zum Bestseller. Von der 1913 im Freiburger Herder Verlag herausgegebenen Übersetzung wurden bis in die 90er mehr als 400 000 Exemplare in 102 Auflagen verbreitet. Vergessen wurde, dass der Autor des »Bengele«, Anton Grumann, rund 20 Jahre in der Illenau als katholischer Anstaltspfarrer wirkte.

Allein Gerhard Lötsch notierte, dass der Geistliche gegen die Zwangssterilisierungen der Nationalsozialisten Widerstand leistete. 1935 unterrichtete Grumann das Erzbischöfliche Ordinariat in Freiburg über seine Amtsenthebung und »ein förmliches Dienststrafverfahren, eingeleitet wegen Entgegenarbeiten gegen das Gesetz der Unfruchtbarmachung«.

In der von Gerhard Lötsch hinterlassenen Quellensammlung findet sich ein bisher unbeachtet gebliebener, neunseitiger Brief an das Ordinariat, in dem Grumann über die »Seelsorge in der Anstalt Illenau« Bericht erstattete. In diesem für die Psychiatriegeschichte äußerst wertvollen Schriftstück vom 9. September 1933 erweist sich Grumann als hellsichtiger Warner in der Wüste. In seinem Gutachten sagt er voraus, dass die Nationalsozialisten mit der Zwangssterilisierung nach Wegen suche, »die Geisteskranken aus dem Volksorganismus auszumerzen« (siehe Bericht unten).

Anton Grumann kam am 26. September 1881 in Zimmern (bei Immendingen) zur Welt. 1906 in St. Peter zum Priester geweiht, führten ihn die Vikarsjahre 1907 zur Kirche St. Stephan in Karlsruhe. Dort erkrankte Grumann schwer. Seine Ärzte empfahlen eine Versetzung in wärmere Gefilde. 1909 übernahm der Geistliche die Seelsorge der deutschen Gemeinde in Florenz. Dort entfaltete er eine umfangreiche schriftstellerische Tätigkeit und vertiefte sich in breit angelegte Studien, zum Beispiel über den heiligen Antoninus von Florenz.

Um italienisch zu lernen, wurde ihm die Lektüre des Pinocchio empfohlen, den er ins Deutsche übersetzte. Als ihn einmal der Zentrumspolitiker und Lender-Gefährte Joseph Schofer in Florenz besuchte und Grumann bat, »Geben Sie mir etwas zum Lesen, das gar nicht aktuell ist, sondern nur ausspannen und beruhigen hilft«, bekam er das Pinocchio-Manuskript. Schofer war begeistert: »Das müssen sie drucken lassen für unsere Kinder in Deutschland. Ich verschaffe ihnen einen Verleger«. Der Bühlertaler hielt Wort, vor 100 Jahren erschien die erste Auflage des berühmten »Bengele«.

Der Erste Weltkrieg zwang Grumann, Florenz zu verlassen, um in der Illenau am 18. Mai 1915 die Stelle des Anstaltspfarrers anzutreten. In den zwei Jahrzehnten seines Wirkens, »in denen Grumann die Gemütskranken betreute, hat er mit seiner Ruhe und Fröhlichkeit, mit seinem begreifenden Humor und liebenden Herzen vielen Kranken geholfen, ihr Kreuz zu tragen«, berichtete das Konradsblatt.

1930 übersetzte er Pietro Magnis Franziskusbuch, das Herder unter dem Titel »Da kommt der Heilige« verlegte. Im gleichen Verlag kam 1931 »Die Geschichte von Bengeles Schwester« heraus. 1943 erschien die dritte Auflage. Herder setzte beachtliche 23 000 Exemplare ab.

Grumanns Pinocchio-Fortsetzung spiegelt die moralische Behandlung einer Jugendlichen im Umfeld der Illenau. Hier, im »Zwergenheim Immerfroh«, gesundet die 17-jährige Rösel, nachdem sie zuvor in Hühnergestalt viele Abenteuer erlebte. Das Konradsblatt fasste zusammen: »Die ganze Landschaft um das schöne Sasbachwaldener Tal geistert in diesem Buch, viele Erfahrungen der Krankenseelsorge spielen hinein. Bengeles Schwester hat ihre krankhaften Züge, die sie durch die Kur des Lebens selbst ausheilen muss.«

Der Verein der Geschichte der Baar erklärte in einer der äußerst rar gebliebenen Würdigungen der Lebensleistung des Oberpfarrers: »Grumann verfügte über große psychiatrische Kenntnisse und war daher bei den Kranken, Pflegern und Ärzten der Illenau sehr beliebt. Nach der Machtergreifung 1933 erkannte er sofort die Ziele der neuen Bewegung, ›unwertes Leben‹ auszulöschen.«

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Der von den Nazis in den Ruhestand Verbannte zog nach Aulfingen im Kirchtal. Hier konnte er nur noch kurze Zeit als Seelsorger wirken. Grumann erkrankte und starb am 16. Dezember 1937 in Möhringen. »Trotz der eisigen Kälte und der frühen Stunde der Beisetzung fanden sich zu seiner Beerdigung vier Medizinalräte, 15 Pfleger von der Illenau und 46 Geistliche ein, um für immer von ihrem beliebten Oberpfarrer, Schriftsteller und Mitbruder Abschied zu nehmen.«

Im geplanten Illenau-Museum sollen die beiden mit Anton Grumanns handschriftlicher Widmung versehenen Bengele-Bücher einen Ehrenplatz erhalten. Eine Anton-Grumann-Straße würde Achern sicher ebenfalls gut zu Gesicht stehen und den vergessenen Pinocchio-Übersetzer, liebenswerten Schriftsteller, mutigen Widerständler und treuen Seelsorger nachhaltig ins Bewusstsein der Stadt rücken.

Anton Grumanns Warnung vor den »Ideen der Vernichtung« aus dem Jahr 1933: »Da nun die Auffassung unserer Zeit über kranke Menschen und speziell über Geisteskranke mehr und mehr darauf hinausgeht, in diesen Kranken rassenbiologisch minderwertige Glieder am Organismus des Volkes und des Staates zu sehen, wird man für die Irrenanstalten in Zukunft bewusst und absichtlich so wenig als möglich an Staatsmitteln aufwenden.

Das Sterilisierungsgesetz weist klar darauf hin, dass Wege gesucht werden, die Geisteskranken aus dem Volksorganismus auszumerzen. Die von Hoche-Binding vertretenen Ideen von der Vernichtung des minderwertigen Lebens liegen dem rein materialistischen biologischen Denken näher als je. Die christlichen Auffassungen von dem Wert des Leidens an sich, von dem Wert für den Leidenden und für die Mitmenschen werden vollständig ausgeschaltet. Darum kommen auch die Forderungen, die für den Christen von dem leidenden Menschen ausgehen und durch das göttliche Gesetz formuliert sind, in Wegfall.

Erbarmen, Mitleid, hilfsbereite Pflege für Leib und Seele werden in den Hintergrund treten müssen, wenn die heutige und die kommende Zeit ihre Stellung zu den Irrenanstalten praktisch mehr oder minder radikal durchführt. Dass dabei die Stellung des Geistlichen als überflüssig erscheint, ist durchsichtig. Dass der Staat für die Seelsorgetätigkeit eines Anstaltsgeistlichen kein Verständnis und keine Mittel mehr übrig hat, ist die logische Folgerung aus den Prämissen seiner Grundsätze.

(...) So leid es mir ist, dass die Kirche durch Aufhebung der hiesigen Stelle eine Position im Staate verliert, bleibt in mir doch die Überzeugung, dass auf die Dauer für einen katholischen Priester innere Konflikte aus den veränderten Verhältnissen hätten erwachsen müssen. (...) Das hauptsächliche Mittel zur Erreichung dieses Zieles wird nach meiner Auffassung die Erhaltung und mögliche Festigung des katholischen Pflegepersonals in seinem innerlich religiösem Geiste sein.«

Anton Grumanns Urteil über das Personal und die Ärzte der Illenau aus seelsorgerischer Sicht (1933): »Bis heute ist das Personal in der hiesigen Anstalt überwiegend katholisch, mit wenigen Ausnahmen von religiösem Geist durchdrungen, eifrig im Besuch der heiligen Messe und im Empfang der heiligen Sakramente, für den Beruf durchdrungen von dem Geiste christlichen Opfersinns, besorgt nicht nur für das leibliche Wohl der Kranken, sondern auch eine Hilfe für den Seelsorger im Dienste der Seelen.

Ärzte, die nicht nur einen katholischen Taufschein besaßen, sondern sich auch praktisch religiös betätigten, habe ich in der langen Zeit meiner Anstaltstätigkeit nur als Ausnahmen angetroffen. Aber ich habe nie Widerstand oder Gehässigkeit vonseiten der Ärzte empfinden müssen. Im allgemeinen wurde das einträchtliche Zusammenarbeiten von Ärzten und Geistlichen beiderseits als wohltuend empfunden. Nur in den letzten Jahren hat sich hierin leider manches geändert.«

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