Rheinau

Der Judenfriedhof in Freistett ist 202 Jahre alt

Autor: 
Ellen Matzat
Lesezeit 4 Minuten
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19. August 2019

Gerd Hirschberg führte eine größere Gruppe geschichtlich Interessierter über den 202 Jahre alten Judenfriedhof in Freistett. Dieser Friedhof hat erstaunlicherweise auch den Judenhass der Nationalsozialisten relativ gut überstanden. ©Ellen Matzat

Eine Führung von Gerd Hirschberg über den Freistetter Judenfriedhof stieß auf großes Interesse. Erfreut war er, dass jeder Mann daran gedacht hatte, eine Kopfbedeckung zu tragen.

Der Freistetter Judenfriedhof existiert seit 1817. Vorher mussten Juden in Bodersweier, Rheinbischofsheim, Neufreistett und Lichtenau zu einer Beerdigung einen etwa siebenstündigen Weg mit dem Fuhrwerk nach Kuppenheim zurücklegen. Bis sich der evangelische Pfarrer von Rheinbischofsheim bei den Fürsten beschwerte und die Hanauer Juden einen eigenen Friedhof anlegen mussten. Da sie dies erst ablehnten, zog sich der Grundstückskauf und das Anlegen 26 Jahre hin, von 1790 bis 1816. All dies erfuhren Interessierte von Gerd Hirschberg, der über den Freistetter Judenfriedhof führte.

Auch Kehler Juden

Das Grundstück des Judenfriedhofs in Freistett gehört bis heute der Israelitischen Religionsgemeinschaft Baden. Ab 1862, als Juden in Baden das volle Staatsbürgerrecht bekamen, durften Juden auch in Kehl leben. Deren Verstorbene wurden bis 1924 ebenfalls in Freistett beerdigt. Ab 1924 wurde auf dem Kehler Friedhof eine jüdische Abteilung eingerichtet. Im Hanauerland gab es vorher schon Juden, weil die Grafen von Hanau-Lichtenberg ihnen gegen Schutzgeld Niederlassungsrechte zugestanden.

Auf einem jüdischen Friedhof sind die Gräber nicht eingefasst. Die Grabsteine sind in jiitischer Sprache und hebräischen Schriftzeichen beschriftet. Auf fast allen findet man das Symbol für »Hier ruht« oder »Hier liegt« sowie eine Abkürzung für »seine/ihre Seele sei eingeschlossen in den Kreislauf des Lebens«, ein Spruch aus der Johannesoffenbarung. Zusätzlich steht auf den meisten Grabsteinen das hebräische Wort »Amen«.

Segnende Hände

»Im Judentum gibt es, ähnlich wie im Christentum, den Glauben an die Auferstehung, bei der der Verstorbene aufgeweckt wird, wenn der Messias kommt«, erklärte Hirschberg. Oft waren auf der Rückseite der neueren Gräber deutsche Texte zu sehen.

Viel war das Symbol der segnenden Hände »Kohen«, zu sehen, was bedeutet, dass die Begrabenen Angehörige der Sippe Kohen (hebräisch Priester) sind, die den Priesterdienst in Jerusalem innehatten. Daher hießen die Leute Kahn, Kahnmann, Kohn oder Kahnstein.

Weitere oft benutzte Symbol sind Kanne und Krug, sie bedeuten Zugehörigkeit zur Sippe, die mit dem Tempeldienst der Leviten in Jerusalem zu tun hat. Jene hießen Levi, Löw oder Levison. Weitere Symbole waren Widderhorn, Gänsefeder, Kranz, abgeknickte Rosen oder Palmwedel.

Das Bestatten von Ehepaaren war eigentlich ein Verstoß. Trotzdem gibt es in Freistett einige Grabsteine für Eheleute. »Zu Beginn haben sich die Juden sehr an ihre Regeln gehalten«, erklärte Hirschberg. Dazu gehörte auch, dass die Menschen im Tod daran denken sollten, dass sie gleich sind. Daher sollten alle Juden im selben Totenhemd und schmucklosen Sarg begraben werden und dieselben Grabsteine erhalten, was schon sehr früh nicht eingehalten wurde.

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»Je neuer die Grabsteine werden, desto mehr wurde sich den Sitten auf christlichen Friedhöfen angeglichen, gerade auch in Freistett«, sagte Hirschberg.

Das älteste Grab ist von Löw Reichmann von 1817. Das größte Grabmal gehört Religionslehrers Daniel Levi. Als er 1917 verstarb, stifteten seine Nachkommen den jährlichen Preis für besonders strebsame Schüler. Im Dritten Reich wurde das Geld kassiert und ins Rheinbischofsheimer Gemeindeeigentum überführt. Auf Anregung von Gerd Hirschberg wurde dieses Jahr erstmals wieder der Daniel-Levi-Preis an eine Abiturientin verliehen, die sich für besonders soziales Verhalten auszeichnete.

Aktueller denn je

Auf Levis Grab ist unter anderem das Zitat aus einem Psalm »Suchet den Frieden und jage ihm nach« zu lesen, der dieses Jahr die Jahreslosung der evangelischen Kirche ist.

Einzigartig für einen Judenfriedhof ist in Freistett der Grabstein mit Kreuzen. »Ich kann mir nur vorstellen, dass dies ein nicht abgeholter, dafür günstiger Grabstein war, und man nicht gesehen hat, dass Kreuze drauf sind«, interpretierte Hirschberg.

Eine weitere Besonderheit ist der Gedenkstein an die gefallenen Lichtenauer Soldaten im Ersten Weltkrieg, der bis zur Verwüstung der Lichtenauer Synagoge auf deren Vorplatz stand. Er wurde von privat versteckt. Die Namen der Gefallenen aus den anderen Ortschaften sind auf den jeweiligen Kriegerdenkmälern zu finden.

Metalltafeln abmontiert

Hinterlassenschaften des Dritten Reichs waren an Grabsteinen zu sehen, an denen die Beschriftung fehlt. Metalltafeln und Buchstaben wurden damals abmontiert und eingeschmolzen. Ansonsten wurde auf dem Freistetter Friedhof recht wenig zerstört.
Oft haben Juden bei der Beerdigung ein Säckchen mit Erde aus Israel unter den Kopf gelegt bekommen, damit sie in Erde aus Israel bestattet wurden. Statt Blumen bringen Juden Steine mit.

»Mich interessiert die jüdische Geschichte, weil es auch viele Juden mit meinem Namen gab, der aus dem Slawischen stammt«, sagte Bernhard Lederer aus Kappelrodeck. »Das war sehr lebendig«, freuten sich die Freistetter Waltraud und Werner Morgentaler, die geschichtlich sehr interessiert sind. Am Abend vor der Führung hatte Hirschberg im »Roten Ochsen« berichtet, wie die Juden nach Deutschland und ins Hanauerland kamen. 

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