Achern

Die Illenau Achern auf dem Weg zur Volksanstalt

Michael Frammelsberger
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19. Mai 2017
Ein Blick in das Küchengebäude der Illenau während des Anstaltsbetriebs. Heute (kleines Foto) sind in dem Gebäude Einrichtungen des Landratsamts untergebracht.

(Bild 1/5) Ein Blick in das Küchengebäude der Illenau während des Anstaltsbetriebs. Heute (kleines Foto) sind in dem Gebäude Einrichtungen des Landratsamts untergebracht. ©Stadtarchiv

In unserer Serie »175 Jahre Illenau« haben wir nun das 20. Jahrhundert erreicht. In der heutigen, vierten Folge wird die Zeit bis zum Dritten Reich beleuchtet. Der Erste Weltkrieg veränderte auch das Leben in der Illenau.

Nachdem sich die Illenau unter den Direktoren Christian Roller und Karl Hergt als angesehene psychiatrische Anstalt etabliert hatte, blieb das Grundkonzept um die Jahrhundertwende 1900 bestehen. Der Erste Weltkrieg und seine Folgen brachten erste Änderungen.

Als die Illenau 1842 eröffnet wurde, hatte sie in Baden noch ein Alleinstellungmerkmal. 60 Jahre später war der Bedarf für die Pflege und Behandlung von psychisch Kranken schon massiv gestiegen, um die Jahrhundertwende gab es im Großherzogtum schon weitere Einrichtungen in Emmendingen, Heidelberg und Freiburg. 

Der seit 1890 amtierende Direktor Heinrich Schüle und andere bekannte Psychiater seiner Zeit beschäftigten sich intensiv mit der Frage, wie man die weitere Ausbreitung psychischer Krankheiten verhindern konnte. Der angesehene Wissenschaftler untersuchte vor allem die mögliche Vererbung der Erkrankungen und stellte Überlegungen an, wie man diese etwa durch Heiratsverbote verhindern ­könnte.

Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs änderte viel in der Illenau. Die Einrichtung war in dieser Zeit trotz Anbauten, etwa eines Frauen- und eines Männerschlafhauses abseits des Hauptgebäudes 1902/1903, mit 645 Kranken eigentlich überbelegt. Dazu kam, dass viele Angestellte eingezogen wurden. 

Schon in den ersten Kriegswochen verließen drei der neun Ärzte, ein Apotheker, 39 Pfleger und 18 Angestellte die Einrichtung wegen des Militärdienstes. Bis Kriegsende waren es 95. Für diese Mitarbeiter bekam die Anstalt keinen Ersatz, stattdessen mussten die noch vorhandenen Mitarbeiter mehr Aufgaben übernehmen. Zum Beispiel wurden nun auch Pflegerinnen im Unterkunftsbereich für Männer eingesetzt, zuvor durften sich die Pfleger immer nur um Angehörige des eigenen Geschlechts kümmern. Unmittelbar nach Kriegsbeginn musste Direktor Schüle auch das Männerlandhaus, einer der größten Schlafsäle, räumen lassen. Hier wurde ein Lazarett für verwundete Soldaten eingerichtet. Während des Krieges wurde die Situation in der Illenau immer schlimmer. Weitere Mitarbeiter wurden abgezogen, 18 von ihnen starben an der Front. Unter ihnen war auch der Arzt Rudolf Bundschuh, den Schüle eigentlich als Nachfolger vorgesehen hatte. Dazu wurde die Versorgung mit Lebensmitteln immer schwieriger, die Rationen für die Kranken wurden gekürzt. 

Der spätere Direktor Ernst Thoma, der im Januar 1917 die Leitung vom verstorbenen Heinrich Schüle übernahm, machte den Mangel für zahlreiche Todesfälle unter den Patienten verantwortlich. Zahlreiche Patienten litten an Tuberkulose durch fehlende Nahrungsmittel, allein 1917 starben 110 Patienten. 

Ab April 1916 wurde das Lazarett zu einer Einrichtung für psychisch erkrankte Soldaten umgewandelt. Immer mehr Soldaten hielten den Horror des andauernden Krieges nicht mehr aus.

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Nach dem Ende des Weltkriegs kamen zwar viele der ehemaligen Angestellten in die Illenau zurück, allerdings war die Lage weiterhin schlecht. Der neue Staat konnte sich durch die Kriegskosten und die Inflation der 1920er Jahre die breite Versorgung psychisch Kranker der Vorkriegszeit kaum noch leisten. Dazu stieg die Zahl der Patienten, da viele Soldaten aus dem Krieg psychische Schäden mitgebracht hatten. 

In der Illenau kam das Problem dazu, dass die meist vermögenden ausländischen Patienten nach dem Krieg nicht wiederkamen. Außerdem hatte die Inflation die Vermögen der reicheren Kranken vernichtet. 
Kaum jemand konnte sich noch den Aufenthalt als Pensionär oder in der Ersten Klasse  leisten. 

Auch das Vermögen der Stiftungen, durch welche die Illenau von Spendern unterstützt wurde, ging durch die Inflation verloren. Die Auswirkungen waren so gravierend, dass die Anstalt 1924 38 Pfleger entlassen musste. Durch neue Gesetze mit Arbeitszeitbeschränkungen und Regeln für die Rente wurde allerdings die Arbeitssituation der Bediensteten verbessert. Sie hatten nun mehr Freizeit und blieben nicht mehr bis zu ihrem Tod in der Anstalt beschäftigt. 

Der Charakter der Illenau wandelte sich durch die verschiedenen Einsparungen und die sich wandelnde soziale Zugehörigkeit der Kranken immer mehr. Während die Einrichtung nach ihrer Gründung der kulturelle Mittelpunkt Achern war, in dem vermögenden Patienten mit Lesungen, Konzerten und Theateraufführungen bei Laune gehalten wurden, bekam die Illenau nun immer mehr den Eindruck einer Volksanstalt.

In der Anstalt wurden immer wieder neue Behandlungsmethoden ausprobiert. »Zum Beispiel gab es die Elektrotherapie«, berichtet Stadtarchivarin Andrea Rumpf. Dabei wurden Patienten mit Stromstößen behandelt, die sie von ihren Leiden behandeln sollten. »Eine Methode für die Behandlung traumatisierter Soldaten war die Kehlkopftherapie«, berichtet Andrea Rumpf. Dabei wurden die Patienten gezwungen, eine Kugel zu schlucken, die im Kehlkopf hängen blieb. Sie drohten daran zu ersticken. »Dadurch sollte ein Trauma ausgelöst werden, welche das alte Trauma praktisch überdecken sollte«, erklärt Andrea Rumpf. Einige Kranke überlebten die Prozedur nicht. 

In den 20er-Jahren experimentierten die Ärzte auch mit Malariaerregern an den Patienten. Die durch die Krankheit ausgelösten Fieberschübe sollten zur Heilung beitragen. Aus ähnlichen Überlegungen gab es auch Therapien mit Kältereiz. Deswegen gab es in der Illenau auch einen Eiskeller, berichtet die Stadtarchivarin.

Während sich die Behandlungsmethoden änderten, blieb das Grundkonzept auch nach dem Krieg vergleichbar zu Rollers Zeiten. Die Patienten sollten in der Landwirtschaft und in den handwerklichen Betrieben der lllenau mitarbeiten, sei es auf den Feldern, in der Küche, im Park oder in den Werkstätten. Außerdem gab es weiterhin Freizeitangebote: Die Kranken machten regelmäßig Sport, die Männer vor allem Ballspiele und Turnübungen, die Frauen Atem- und Gehübungen und Gymnastik. Die Pfleger bildeten eine eigene Musikkapelle und einen gemischten Chor, beide traten regelmäßig vor den Patienten auf. 

In den 20er Jahren wurden außerdem Radios und Grammophone in den Abteilungen aufgestellt und Tanzabende und Filmvorführungen organisiert. Außerdem machten die Kranken manchmal Spaziergänge außerhalb der Anlage und Ausflüge in die weitere Umgebung. Die Weltwirtschaftskrise von 1929 sorgte allerdings wieder für eine Verschärfung der wirtschaftlichen Probleme der Illenau.

Zur Person

Ernst Thoma

Im Gegensatz zu seinen Vorgängern war Ernst Thoma kein berühmter Psychiater. »Über ihn ist nur wenig bekannt«, sagt Illenau-Kenner Wolfgang Winter. Thoma leitete die Illenau von 1917 bis 1928, als erster Direktor starb er nicht in der Klinik, sondern ging mit 65 in Rente. Seit 1893 war er in der Anstalt als Arzt tätig, die er durch wirtschaftlich schwere Zeiten führte.mfr

Zur Person

Heinrich Schüle

Der 1840 in Freiburg geborene Heinrich Schüle war der letzte bedeutende Psychiater als Direktor der Illenau. Er studierte Medizin in Freiburg und Wien und arbeitete für einen Gynäkologen, bevor er 1863 Assistenzarzt in der Illenau wurde. Neben seiner Arbeit in der Anstalt veröffentlichte er zahlreiche wissenschaftliche Werke, die große Aufmerksamkeit bei Fachlesern erregten.

Nebenbei arbeitete er auch für eine psychiatrische Zeitschrift, dazu erstellte er viele Gutachten für Gerichtsprozesse. Außerdem plante Schüle für die badische Landesregierung weitere psychiatrische Einrichtungen, etwa in Emmendingen und Heidelberg. 

Durch seine Bekanntheit bekam der Arzt zahlreiche Angebote, um etwa Professor an verschiedenen Universitäten zu werden oder als Direktor andere Anstalten zu leiten. Schüle lehnte diese Berufungen jedoch alle ab und blieb in Achern. 1890 wurde er der Nachfolger Hergts als Direktor der Illenau, er blieb dort bis zu seinem Tod 1916. Nach seinem Amtsantritt sorgte er für den Ausbau der Anstalt auf über 700 Plätze, durch seine Bekanntheit kamen viele ausländische Patienten. Schüle kümmerte sich auch um entlassene Patienten, außerdem unterstützte er die Trinkerheilstätte in Renchen. Wie seine beiden Vorgänger wurde er noch zu Lebzeiten zum Acherner Ehrenbürger ernannt.mfr

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