Achern / Oberkirch

Experiment lief aus dem Ruder

Autor: 
Wolfgang Winter
Lesezeit 3 Minuten
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14. Mai 2013
Daniela Busam - Deborah Springmann in der Rolle der Janet: Sie verliest den Aufruf der Schülerzeitung, der vor der »Welle« warnt und dazu aufruft, ihr Einhalt zu gebieten. Die Aufführung überzeugte mit vielen packenden Szenen.

Daniela Busam - Deborah Springmann in der Rolle der Janet: Sie verliest den Aufruf der Schülerzeitung, der vor der »Welle« warnt und dazu aufruft, ihr Einhalt zu gebieten. Die Aufführung überzeugte mit vielen packenden Szenen.

Ein starkes Dutzend waghalsig auf den Wellenkämmen der Emotionen tanzende »Surfboarder« ließen sich am Sonntag im Acherner Illenau Theater feiern. Die ausverkaufte Premiere der »Welle«, nach einer von Ursula Bengel bearbeiteten und inszenierten Romanvorlage, wurde mit großen Applaus bedacht.

Achern. Das Theaterstück »Die Welle« beruht auf einer wahren Begebenheit. Im April 1967 fragte eine Schülerin ihren Lehrer, wieso die Deutschen behaupten konnten, nichts von der Judenvernichtung gewusst zu haben. Der engagierte, für seine radikalen Lehrmethoden bekannte Pädagoge Ron Jones wagte darauf ein Experiment.

Die Schüler sollten dadurch den Faschismus hautnah erleben. Bereits nach fünf Tagen lief die auf Disziplin und blinden Gehorsam basierende Bewegung »Die Welle« aus dem Ruder. Morton Rhue beschrieb die Vorfälle in seinem gleichnamigen Buch. Regisseurin Ursula Bengel hielt sich an den Ablauf des Experiments, setzte jedoch einen neuen Anfang und endete mit einem furiosen, höchst dramatischen Knalleffekt.

Zehn Schülerinnen der Robert-Schuman Realschule und Deborah Springmann von der Lender schlüpften in die Rolle der amerikanischen Schulklasse. Jürgen Schulze vom Illenau Theater, spielte den Lehrer der in seinem Unterricht die Herrschaftsform »Autokratie« behandelte. Nach der Theorie ertönten am folgenden Tag die ersten Kommandos des Diktatur-Experiments: »Aufrecht, sitzen, die Füße flach auf dem Boden stellen, die Hände hinter den Rücken!« Dazu stoppte der Lehrer penibel die Zeit. Das Training wirkte wie ein Jungbrunnen. Die Schülerinnen fanden Spaß am Drill und wurden dabei immer schneller.

Parolen »schlugen« ein

Die neuen Parolen »Stärke durch Disziplin, Stärke durch Gemeinschaft, Stärke durch Aktion« machten bald auf dem gesamten Schulgelände die Runde: Die dem Einheitsgruß folgende Uniformierung griff wie ein Lauffeuer um sich. Wer nicht mitmachte, wurde ausgestoßen und angegriffen. Der dringend notwendig gewordene Abbruch der Bewegung stürzt die Schülerin Roberta in einen aussichtslos erscheinenden Gefühlsabgrund.

Ceren Mermuttuoglu spielte die Rolle der anfangs Gemobbten, später zum fanatischen Anführer der Welle aufgestiegenen Jugendlichen phänomenal. Aber auch die Schuman-Schülerinnen Katja Lorenz, Nicole Falkner, Damla Yesilgül, Elena Kauer, Mara Milleck, Alessa Kind, Clara Viel, Lena Krabbe, Annika Eigenmann und ihre als Direktorin mitwirkende Lehrerin Debora Degen verdienen ein hohes Lob. Sie alle machten das Stück zu einen packenden, zutiefst mitreißenden Erlebnis. Spannend war zu beobachten, dass sich die Mehrzahl der Wellen-Besucher der in der Pause gebotenen Uniformität fügten, ein weißes T-Shirt überstreiften und auf Kommando die Hand zum Wellengruß in die Luft reckten.

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Spektakuläres Ende

Ursula Bengels großartige Inszenierung und die begeisternde Spielkunst des Ensembles setzten einen Denkprozess in Gang, der nachwirkt. Um die Spannung hoch zu halten, soll hier der spektakuläre Schluss und der Inhalt der Filmeinspielungen nicht verraten werden. Allerdings muss man Jürgen Schulzes gigantische Energieleistung besonders würdigen.

Sein hinreißendes, absolut überzeugendes Spiel führte den Schauspieler bis an die körperlich-seelische Belastungsgrenze. Ihm ist zur Therapie schon bald wieder eine heitere Rolle beim Illenau Theater zu wünschen.

AUFFÜHRUNG

Karten-Vorverkauf

Weitere Aufführungen im Maison de France sind am Donnerstag 16. und Freitag, 17. Mai, jeweils 19.30 Uhr; am Samstag, 18. Mai jeweils 10.30 Uhr und 19.30 Uhr. Karten gibt es bei den Gong-Vorverkaufsstellen.

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