Renchen-Ulm

Georg Erdrich: "Arbeit muss Spaß machen"

12. August 2017
&copy Erdrich Umformtechnik

Vom »Mädchen für alles« wurde Georg Erdrich zum Geschäftsführer eines führenden Automobilzulieferer-Unternehmens. Nach 48 Jahren hat der 70-jährige »Selfmade-Mann« mittlerweile den Stab an seinen Sohn Nicolas weitergegeben und genießt nun seine Freizeit.

Erdrich Umformtechnik – der blaue Schriftzug auf dem Tor um das Gelände des Automobilzulieferer-Unternehmens von Georg Erdrich ist bei der Einfahrt ins grüne Renchen-Ulm kaum zu übersehen. Immerhin umfassen die Gebäude, in denen Autoteile wie Bremskolben oder Fahrwerks- und Getriebeteile hergestellt werden, ein überaus weitläufiges Gelände. Gegründet wurde der ursprüngliche Betrieb allerdings nicht von Erdrich, sondern von Rolf Sander und Adolf Hättig – und zwar im Jahr 1962 unter dem Namen Sander Umformtechnik. 


»Als ich an der Bürotür von Herrn Sander geklopft habe, war das Unternehmen gerade sechs Jahre alt und beschäftigte 34 Mitarbeiter«, erinnert sich Erdrich zurück. Mit einem Abschluss als Industriekaufmann in der Tasche und Erfahrungen als Bundeswehrsoldat war er nach einer kurzen Episode in einem Maschinenbauunternehmen auf der Suche nach Arbeit. Sein erstes Gespür für Automobiltechnik hatte er während seiner Ausbildung im Progress-Werk Oberkirch erlangt. Die Branche »rund ums Auto« interessierte ihn brennend.


»Durch meine nachbarschaftlichen Kontakte zu Herrn Sander bekam ich die Möglichkeit für ein Vorstellungsgespräch«, erzählt der 70-Jährige. Angestellt wurde er allerdings zunächst nur als Halbtagskraft – aber gearbeitet hat er trotzdem ganztags. »Ich war damals das ›Mädchen für alles‹, aber ich habe an mich geglaubt. Ich wusste, bei guter Arbeit werde ich bald auch eine entsprechende finanzielle Anerkennung erfahren.« Für ihn habe damals schon der Grundsatz gegolten: Erst Leistung bringen, dann Forderungen stellen.


Und seine harte Arbeit zahlte sich aus. Nachdem Rolf Sander 1973 verstorben war und seine Frau Gertrud Sander das Unternehmen weitergeführt hatte, sprangen Adolf Hättig und Georg Erdrich 1977 gemeinsam als geschäftsführende Gesellschafter ein. Zu diesem Zeitpunkt war Georg Erdrich gerade 30 Jahre alt und bereits verantwortlich für die Arbeitsplatzsicherheit von damals rund 100 Mitarbeitern. »Dieser Schritt hat mein Leben maßgeblich beeinflusst«, weiß er heute. Trotzdem sei er sich auch als Geschäftsführer nie zu schade gewesen, Hand anzulegen und überall dort auszuhelfen, wo Not am Mann war. Für die Mitarbeiter da zu sein, das sei ihm immer wichtig gewesen, sagt er.


Wegzug aus Oberkirch


Ein Jahr nach der Übernahme waren die Räumlichkeiten in Oberkirch zu klein und unübersichtlich geworden. Das Problem: »Oberkirch war damals nicht in der Lage, ein geeignetes Gelände anzubieten.« Das Unternehmen musste also nach Renchen-Ulm verlegt werden. Und es wuchs immer weiter. 1992 entstand in Thüringen das Tochterunternehmen Erdrich Umformtechnik, das 2011 mit Sander Umformtechnik zusammengeführt wurde.


Als Adolf Hättig 1993 ausstieg, war Erdrich alleiniger Geschäftsführer. »Ich dachte damals: Jetzt stehe ich plötzlich allein da. Das war ein Aha-Effekt für mich.« Denn Hättig habe ihm bis dahin immer mit Rat und Tat zur Seite gestanden. »Aber da ich schon zuvor viel Verantwortung inne gehabt hatte, war der Schritt letztendlich kein allzu großer«, ergänzt er. Im Jahr 2000 nahm er die Herausforderung an, sich an der Globalisierung zu beteiligen, und  gründete in Kanada ein Joint Venture.


An einen für ihn besonderen Tiefschlag könne er sich noch gut erinnern: »2008 und 2009 hatten wir einen Umsatzeinbruch von mehr als 20 Prozent – mit einem Ertrag gleich Null.« Erdrich musste 40 Mitarbeiter entlassen. »Das hat mich persönlich sehr getroffen, denn die Arbeitsplatzsicherheit für die Mitarbeiter war für mich immer oberstes Gebot.«


Wie sehr ihm die Mitarbeiter am Herzen liegen, zeigt seine Antwort auf die Frage nach einem Erfolgsrezept: »Offener, ehrlicher Umgang mit den Mitarbeitern. Und dabei sollte man nie die Bodenhaftung verlieren«, sagt Erdrich. »Ein Arbeitsumfeld zu schaffen, bei dem der Spaß an der Arbeit nicht verloren geht, ist ebenfalls wichtig.« Das habe ihn immer wieder in seinem Berufsleben bestärkt, denn: »Wenn man 100 Prozent von einer Sache überzeugt ist und den Spaß an der Arbeit im Fokus behält, mobilisiert das Kräfte, die einen fast jede Hürde überwinden lassen.«


Erdrich betont im Gespräch gerne immer wieder: »Der Erfolg ist nicht mir, sondern der Gesamtleistung der Mannschaft zu verdanken.« Seine Mitarbeiter schätze er sehr. »Sie haben mein Berufsleben bereichert.« Für ihn standen neben der Familie das Unternehmen und damit die Verantwortung für die Mitarbeiter immer an erster Stelle, so Erdrich. »Die Gelegenheit zu haben, ein eigenes Unternehmen aufbauen und über fast fünf Jahrzehnte entwickeln zu dürfen war für mich Lebensinhalt.«


Gerade in den Aufbaujahren sei die Familie aus diesem Grund an die zweite Stelle gerückt. »Meine Kinder mussten ihren Tag in den Anfangsjahren der Selbständigkeit sehr häufig ohne Papa gestalten«, erzählt er. Samstage und oft auch Sonntage seien fast Regelarbeitstage gewesen – wenig Zeit, um väterlichen Erziehungsaufgaben nachzukommen.


Nachfolge früh geregelt


Nach mehr als 48 Jahren im Unternehmen ist Erdrich in diesem Jahr in den Ruhestand getreten. An der strategischen Ausrichtung ist er aber weiterhin beteiligt. »Ich will ja aktiv bleiben und nicht nur auf der faulen Haut liegen«, versichert er. Im Büro sei er nun nicht mehr um 7.30 Uhr, sondern gegen 10 Uhr und auch nur zwei- bis dreimal die Woche. »Und wenn der Junior ruft, bin ich natürlich zur Stelle.« Auch wenn Erdrich sich zurückgezogen hat, das Unternehmen bleibt in Familienhand: Sohn Nicolas ist in die Fußstapfen seines Vaters getreten und leitet Erdrich Umformtechnik gemeinsam mit Jürgen Simon und Joachim Schulz. 


»Das war schon früh geplant, dass mein Sohn den Stab irgendwann übernimmt.« Schon als Kind habe er sich für die Tätigkeit seines Vaters interessiert, erzählt Erdrich. Heute sei er stolz auf das neue Führungsteam. »Das passt sehr gut zusammen. Und ich kann mich nun in Ruhe zurücknehmen.« 


Seine neu gewonnene Freizeit nutze er mit Familie und Freunden für Erkundungen in der ganzen Welt, berichtet er. Für den Winter plane er eine längere Reise nach Neuseeland und ein Teil des Jakobswegs stehe auch auf seiner Wunschliste. »Ich wandere gerne und bin ein leidenschaftlicher Tennisspieler. Aktuell versuche ich mich, im Golfspiel weiterzuentwickeln, bisher fand ich dafür nicht die nötige Ruhe.«


Erdrich ist daneben Unterstützer des »Malaika Children’s Home« in Kenia. Schon dreimal sei er dort gewesen, erzählt er. »Da kommen einem 80 bis 100 Kinder singend und lachend entgegen. Das ist sehr beeindruckend.« Die Patenschaft mit dem Waisenhaus sei seine besondere Herzensangelegenheit.

Hintergrund

Erdrich Umformtechnik

1962 wurde der Grundstein der heutigen Erdrich Umformtechnik von Rolf Sander und Adolf Hättig gelegt. Bei Eintritt Georg Erdrichs beschäftigte das Unternemen 34 Mitarbeiter. Heute arbeiten weltweit mehr als 1600 Mitarbeiter für den Automobilzulieferer – davon knapp 600 in Renchen-Ulm. Hergestellt werden unter anderem Brems-, Fahrwerks- und Antriebsteile für Autos. 

Georg Erdrich hat über 48 Jahre hinweg die Unternehmensentwicklung mitgestaltet und war seit 1977 Geschäftsführer. Weitere Standorte sind zwischen 2006 und 2013 in den USA, China und Tschechien entstanden. Das jährliche Umsatzvolumen des Unternehmens beläuft sich auf rund 270 Millionen Euro. 

Erdrich Umformtechnik zählt zu den führenden Herstellern der Branche und sieht sich nicht als reinen Produktionsbetrieb, sondern als Lösungsanbieter und Entwicklungspartner. Viele Kunden und Geschäftspartner begleiten das Unternehmen seit mehr als 50 Jahren. Sohn Nicolas Erdrich ist seit 2001 im Unternehmen tätig und hat jetzt gemeinsam mit Jürgen Simon und Joachim Schulz die Geschäftsfühung inne. Georg Erdrich ist weiterhin an der strategischen Ausrichtugn des Unternehmens beteiligt.sab

Autor:
Sandra Barth

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