Achern / Oberkirch

»Haben gesungen und geweint«

Autor: 
Sieglinde Rösch
Lesezeit 5 Minuten
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24. Dezember 2012
Sieglinde Rösch - Helmut Bühler (links, Jahrgang 1924) und der im Februar 2012 verstorbene Heinz Hock (Jahrgang 1919) überlebten die russische Kriegsgefangenschaft.

Sieglinde Rösch - Helmut Bühler (links, Jahrgang 1924) und der im Februar 2012 verstorbene Heinz Hock (Jahrgang 1919) überlebten die russische Kriegsgefangenschaft.

Im Zweiten Weltkrieg war für Hunderttausende Kriegsgefangener der Heilige Abend nicht besinnlich. Zwei Acherner wissen davon zu berichten. Ein in Kriegsgefangenschaft entstandenes Gedicht schildert die Verzweiflung, die Leiden, aber auch die Hoffnung.

Achern. Das Weihnachtslied »Stille Nacht« ist eines der bekanntesten Weihnachtslieder der Welt und zählt zum »Immateriellen Weltkulturerbe«, ist es doch in unzähligen Sprachen übersetzt. Neben der Musik von Franz Xaver Gruber ist es vor allem die Botschaft, die die Menschen verzaubert, war es doch in der vierten Strophe des Textes von Joseph Mohr eine Friedensbotschaft für die erste Friedensweihnacht 1816 im Krieg zwischen Österreich und Bayern.

Zuversicht für Millionen

Von diesem Lied geht eine Kraft aus, die Millionen von Menschen Zuversicht vermittelt, so auch in dem Gedicht »Stille Nacht«, das Reinhard Ahrens, ein Gefangener im russischen Kriegsgefangenenlager »Lampe Wolf« Nr. 7144/4 im Donezkbecken, in den Jahren 1944 bis 1949 schrieb (siehe Stichwort).

Zwei junge Soldaten aus Achern teilten diese Erlebnisse und erinnerten bei einer Weihnachtsfeier des Acherner VdK an diese schwere Zeit. Es waren Helmut Bühler (Jahrgang 1924) und der im Februar 2012 verstorbene Heinz Hock (Jahrgang 1919). Sie teilten mit dem Verfasser Reinhard Ahrens aus der Nähe von Hamburg fünf Weihnachten in dieser Lagergemeinschaft.

Das Lager befand sich bei den Steinkohlebergwerken nahe Novo Golubowka, in dem die Gefangenen im Drei-Schichten-System von jeweils acht Stunden Zwangsarbeit zu leisten hatten. Aus der Lagergemeinschaft von 1600 Menschen war im ersten Winter 1944/45 bereits die Hälfte verhungert.

Im Alter von 18 Jahren war Helmut Bühler zum Arbeitsdienst eingezogen und da schon nach Russland verbracht worden. Dort fand im Oktober 1944 die »Umkleidung« zur Wehrmacht statt. Bereits auf dem Rückzug wurde er im Brodikessel, nahe Lemberg, gefangen genommen.

Die Erlebnisberichte der Kriegsgefangenen des Lagers »Lampe Wolf« wurden in einem broschierten Buch »Erlebnisse hinter Stacheldraht« zusammengefasst, das von Heinz Hock mit Zeichnungen illustriert wurde. »Lampe Wolf« war der Name einer Grubenlampe, die im Bergwerk als Sicherheitslampe diente. Sie warnte die Bergleute vor dem gefährlichen Methangas.

Ohne Groll im Herzen

Auf die Frage, was die Gefangenen an Heiligabend gemacht hätten, antwortet Helmut Bühler: »Wir haben in kleinen Kreisen zusammengesessen, gesungen und geweint«. Er sagt das ohne Groll im Herzen. »Wissen Sie, Schlechtes vergisst man zum Glück, das Gute bleibt«, meint er.

So gehört auch die Erinnerung an die »Stille Nacht im Kohlenschacht« zur guten Erinnerung, spricht sie doch von der Hoffnung, von Licht und Liebe im Leben und von der Zuversicht auf den Frieden. Es ist ein Friede, der für die einstigen Feinde nur schon 67 Jahre währt. Auch in Russland singt man »tichaja notsch – stille Nacht«.

Stichwort:

»Stille Nacht«, geschrieben von Reinhard Ahrens in Kriegsgefangenschaft:

Dunkler Himmel, keine Sterne, bitterkalte Heil’ge Nacht.

Aus dem Schnee ragt in die Ferne drohend schwarz der Kohleschacht.

Scharf bewacht, schleppt sich ein Haufen Kriegsgefang’ner durch den Schnee.

Einer humpelt, kann kaum laufen, Knie vereitert, tut ihm weh.

Doch die Posten mit den Hunden prügeln ihn zu schnellem Schritt.

Fast am Ende, bös’ zerschunden zieh’n ihn Kameraden mit.

Halb erfroren, noch benommen. Geht es abwärts in den Schacht.

»Bin nochmal davongekommen!«, hat er still bei sich gedacht.

Unten, auf der nassen Sohle, schrei’n die Russen laut: »Dawai.«

Du, dawai, ab in die Kohle! Bistro Uhol i natschai! (Übersetzung: Schnell, Kohle und fang an)

Mühsam schleppt er sich zum Stollen, kriecht ins nasse Flöz hinein.

Doch das Knie, das arg geschwollen, lähmt ihm fast das ganze Bein.

Auf der Strecke rollen Loren, kohlehungrig quietschen sie.

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Er beginnt im Flöz zu bohren, immer dicker wird das Knie.

»Wie soll ich die Norm erfüllen?«, fragt er sich in seiner Not.

»Wie denn Schmerz und Hunger stillen? Keine Norm, dann auch kein Brot!

Weihnachten, ein Fest der Liebe? Fest des Friedens und des Lichts?

Heut‘ stattdessen Hunger, Hiebe, Hoffnungslosigkeit, sonst nichts.

War schon mal dem Schacht entkommen, haben Wochen ihn gehetzt,

Schließlich wieder festgenommen und ins Straflager versetzt.

Hier nun gibt es kein Entrinnen. Viel zu scharf bewacht der Zaun.

Bleibt ihm Zuflucht nur nach innen, auf ein Wunder zu vertrau’n.

Russen ihnen oft versprochen: »Skoro«, bald kommt ihr nach Haus.

Das Versprechen stets gebrochen. Schluss! Er bläst die Lampa aus.

Kriecht in eine dunkle Ecke, wo man ihn so leicht nicht sieht.

Hier kein Stempel stützt die Decke! Sch…egal, was auch geschieht!

Auf einmal ist es still im Schacht, denn irgendjemand lässt erklingen

Das Lied der »Stillen Heil’gen Nacht« und alle fangen an zu singen.

Auch er stimmt in das Lied mit ein. Wie seltsam, er spürt kaum noch Schmerzen,

Dafür nun Zuversicht zieht ein, die Liebe weckt in seinem Herzen.

Und drinnen sie zu ihm dann spricht: »Mit Liebe ist es wie mit Kohlen:

Du findest oben gute nicht, Du musst sie aus der Tiefe holen!

Was immer man dir angetan, die Liebe ist dein Licht im Leben

Such’ sie und zünd’ die Lampa an! Sie wird dir immer Hoffnung geben.«

Er staunt. Die Lampe leuchtet hell, die Kohlen wie Brillanten funkeln.

Das Bohren geht nochmal so schnell. Nichts kann mehr seine Welt verdunkeln.

Klar der Himmel, voller Sterne als es dann ins Lager geht.

Und sein Stern in weiter Ferne strahlend hell am Himmel steht.

Reinhard Ahrens war Kriegsgefangener im Lager 7144/4 Nowo Golubowka. Nach einem Fluchtversuch kam er ins Straflager Simohoia.

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