Achern / Oberkirch

»Hart disziplinierte« Kinder hinter Gittern

Autor: 
Wolfgang Winter
Lesezeit 3 Minuten
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09. März 2013
Busam - Joseph Kühner referierte über die Nazischulen in der Illenau.

Busam - Joseph Kühner referierte über die Nazischulen in der Illenau.

Joseph Kühner referierte in den Acherner Illenau Werkstätten über die von den Nationalsozialisten in der Illenau eingerichteten Schulen. Zeitzeugin Helene Lanig gehörte zu den Ehrengästen seines fundierten, weit ausholenden Vortrags.

Achern. In den Gebäuden der aufgelösten Heil- und Pflegeanstalten Rufach (Elsass) und Illenau wurde 1941 eine »Reichsschule für Volksdeutsche« und eine »Nationalpolitische Erziehungsanstalt« (Napola) eröffnet. Ein Sonderzug mit über 100 Mädchen aus Südtirol traf am 27. Oktober 1940 in Achern ein. 250 bis 300 Südtirolerinnen besuchten am Ende die von Klara Keit geleitete und zum Abitur führende Schule.

Die Mädchen-Napola lllenau hatte keinen Bestand. 1942/43 wurden stattdessen »Nationalpolitische Auslesezüge« innerhalb der Reichsschule angeboten. Zwischen den Schulleiterinnen bestanden Spannungen, sogar bei den Mahlzeiten blieben die Schularten getrennt. Nach einem Zwischenspiel in Bayern bezogen die Klassen der »Nationalpolitischen Auslesezüge« 1943 das Schulgebäude des Klosters Hegne am Bodensee. Im gleichen Jahr wird Südtirol der deutschen Zivilverwaltung unterstellt und die Schülerinnen der Acherner Reichsschule, jetzt »Deutsche Heimschule« genannt, kehren in die Heimat zurück. Im Rückblick bezeichnete Klara Keit die Acherner Zeit als die schönste ihres Lebens. In der Illenau wurde 1943 eine neue Napola für Jungen gegründet, die bei Kriegsende fünf Klassen mit etwa 100 Schülern hatte.

Wichtiges Zentrum

Daneben wurde im Kloster Erlenbad 1943 eine Deutsche Heimschule für Jungen gegründet. 1944 zog die Adolf-Hitler-Schule »Westmark«, die der HJ unterstand und zu Parteikarrieren führen sollte, ebenfalls ins Erlenbad. »Damit ist Achern im Zweiten Weltkrieg eines der wichtigsten Zentren in Deutschland für die pädagogischen Experimente der Nationalsozialisten gewesen«, zitierte Kühner.

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Im Sommer 1942 wurden in polnischen Waisenhäusern und Pflegefamilien Kinder mit »deutschstämmigen oder arischen Merkmalen« gesucht, um sie nach Deutschland zu verschleppen. Ein erster Transport erreichte Achern im Juni 1942. Drei weitere, mit 50, in »Assimilierungsheimen« vorbereiteten und dabei »hart disziplinierten« Kindern folgen. Die Ankömmlinge wurden, hinter vergitterten Fenstern, im ehemaligen »Haus für unruhige Männer« kaserniert. Die Südtirolerinnen schockierte das Erscheinungsbild der »kahlgeschoren, zitternd und verängstigt« ausschauenden Kinder: »Die polnischen Mädchen wurden in der Reichsschule strenger behandelt«, erklärte Kühner.

Sie sollten ihre Herkunft vergessen und »hundertprozentige Deutsche« werden. Nach einem etwa einjährigem Aufenthalt in der Illenau kamen die Mädchen in Pflegestellen. Den Unterhalt übernahm der nationalsozialistische »Lebensborn«. Die Namen der polnischen Mädchen wurden »eingedeutscht«, Briefkontakt mit Angehörigen radikal unterbunden.

Heimat verloren

Um Pflegekinder ihrer Identität zu berauben, informierte man sie zum Beispiel über den angeblichen Tod der Eltern. »Ich glaube, dass diese Auskunft sie beruhigen kann«, ließ Schulleiterin Keit eine Pflegemutter wissen. Von der Gesamtzahl der in das »Altreich« verschleppten polnischen Kinder kehrten nur 15 bis 20 Prozent zurück. Sie kamen in eine fremde Heimat. »Man hatte ihnen die Identität geraubt«, so Kühner. Am Ende des vom Forum Illenau organisierten Abends wurde ein Dokumentarfilm angeboten, der den Besuch Südtiroler Mädchen in der Illenau zeigte. In der Diskussion wurde mit Nachdruck auf das barbarische Schicksal der aus Polen verschleppten Mädchen hingewiesen.

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