Auch im 19. Jahrhundert gab es viele Skeptiker

Heinrich Hansjakob mit Groll gegen die Impfung

Autor: 
Wolfgang Winter
Lesezeit 5 Minuten
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23. Januar 2021

(Bild 1/2) Der Mediziner Adolf Kußmaul , einst Praktikant in der Illenau, wehrte sich gegen die Verteufelung der Pockenimpfung durch den Schriftsteller und Pfarrer Heinrich Hansjakob, der Ende des 19. Jahrhunderts in der Nervenklinik in der Illenau Schutz und Heilung suchte. ©Repro: Daniela Busam

Der Schriftsteller und Pfarrer und Politiker Heinrich Hansjakob erwies sich als ein erbitterter ­Gegner der Pockenimpfung. Mediziner Adolf Kußmaul argumentierte heftig dagegen.

Die 1796 erstmals praktizierte Pockenimpfung gilt als Mutter aller Impfungen. Sie revolutionierte die Prophylaxe gegen die häufig tödlich endende Viruserkrankung. Johann Wolfgang von Goethe, der in seiner Kindheit „mehrere Tage blind und in großen Leiden“ daniederlag, empfahl im Mannesalter, nicht „von der streng gebotenen Impfung“ abzugehen.
Johann Christian Roller, der Vater des Illenau-Gründers Christian Roller, gehörte zu den engagierten Wegbereitern der Methode. 1804 propagierte er in der Pforzheimer Zeitung, „daß der Tag, an dem der englische Arzt Eduard Jenner die erste Impfung mit Kuhpocken unternahm, als ein heiliges Freudenfest von allen Völkern aller Zungen, Religionen und Weltteile“ gefeiert werden sollte. 

Große Anerkennung

Rollers segensreiches Wirken als Impfarzt fand große Anerkennung. Gleichzeitig wuchs die Heerschar der Impfgegner. In einem seiner regelmäßig erscheinenden Kolumnen veröffentlichte Roller eine kleine Blütenlese ihrer kuriosesten Argumente. 1802 zum Beispiel, als Sohn Christian im Alter von zwei Monaten geimpft wurde, konnte man aus Rollers Feder lesen: „In England behauptete sogar eine Dame, daß ihre geimpfte Tochter wie die Kühe zu blöken pflegte. Dies hat nun freilich bei uns niemand behauptet, aber nicht viel weniger widersinnig ist es doch, zu sagen, daß die Geimpften blind würden.“

35 Jahre später kam in Haslach Heinrich Hansjakob zur Welt. Während seines Studiums in Freiburg sei ihm infolge der aufgezwungenen Kuhpockenimpfung ziemlich übel geworden, fand ein Biograph heraus. 

Rache für die Pein

Seither habe in ihm ein Groll gelebt, der ihn dazu bewog, „dem Impfteufel auf die Finger zu sehen“ und sich eines Tages für die erlittene Pein zu rächen. 1865 wurde er zum Vorstand der Waldshuter Bürgerschule bestellt. In seiner 1866 veröffentlichten Schrift „Die Salpeterer“ nutzte er die Gelegenheit, die strikte Antihaltung der erbitterten Impfgegner zur Sprache zu bringen. 1869 wurde Hansjakob als Pfarrer nach Hagnau am Bodensee versetzt. Im gleichen Jahr publizierte er im „Oberrheinischen Courier“ eine Artikelserie gegen die Pockenimpfung, die er als ein „nutzloses und gefährliches Experiment am Volkskörper“ bezeichnete. 

Der seinerzeit ruhende Streit um das Impfpflichtgesetz wurde dadurch von Neuem angeheizt. In der mit drastischen Worten geführten Auseinandersetzung bezog auch der renommierte Mediziner Adolf Kußmaul Stellung. Der hospitierte zu Beginn seiner Laufbahn für mehrere Monate in der Illenau. Kußmaul studierte Christian Rollers Behandlungsmethoden und wurde mit Bernhard von Gudden bekannt, der später in Begleitung des bayerischen Königs Ludwig II. ums Leben kommen sollte. 

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In der Freiburger Zeitung bringt sich Kußmaul gegen den Hagnauer Pfarrer in Stellung und spottet: „Der unfehlbare Hansjakob befiehlt sogar: ‚Nicht nur sollte die Impfung als Zwang aufgehoben, sondern als Verbrechen am Volkskörper verboten werden.‘– Wahrlich, es ist zu verwundern, dass heutzutage irgendein Gevatter Schneider sich nicht auch noch anmaßt, über beliebige Heilmittel und Heilmethoden den Ärzten Vorschriften zu geben. Wollen diese gestrengen Polizeimeister nicht lieber gleich auch den Kranken den Gebrauch von Ärzten, oder gar die ganze Medizin verbieten?“ Wenn Hansjakob glaube, die Impfung sei ein „Eingriff in die Majestätsrechte Gottes“, so hole er zuerst den Blitzableiter vom Freiburger Münster, „denn dieser Blitzableiter ist dann nicht minder eine solche Sünde“.

„Theologische Zutaten“

Mit seiner Impfphilippika habe sich Hansjakob seine Aufgabe „sehr bequem gemacht“, führte Kußmaul aus. Er habe zumeist aus den Schriften des Stuttgarter Arztes Carl Nittinger „eine Menge der kühnsten Behauptungen entnommen und das Ganze mit eignen theologischen Zutaten ausgeschmückt“. Für ihn stehe fest, dass Hansjakobs „von den gröbsten Unwahrheiten strotzendes Machwerk, nicht in Freiburg, sondern in Stuttgart fabriziert wurde“.

Nittinger reagierte postwendend und bezeichnete Kußmaul im „Courier“ als „Dr. Schmierer, gar zu einfältiges Männlein und Schmeißfliege, die alles beschmeißen muß und doch selber zu nichts nütze ist“. Nittinger profilierte sich als Anführer der Antiimpfbewegung und gab zehn Broschüren über „Das illegitime Bündniss der Staatsgewalt mit den Dogmen der Impfärzte“ heraus. 

„Heilige Pflicht“

Der Stuttgarter „Antiimpfapostel“ brachte Kußmaul nicht zum Schweigen. Gegenüber Hansjakob betonte der noch heute hoch geschätzte Internist und namhafte Literat: „Nach ihrer Darstellung sollte man meinen, die natürlichen Menschenpocken oder Menschenblattern seien ein geringes Leiden, eine Krankheit, die den Organismus reinige und stärke und zur Abwehr anderer Krankheiten geschickt mache, ein kleines Übel gegenüber dem großen Unheil, das die Einimpfung der Kuhpocken über die Welt bringen soll. Einen gefährlicheren Wahn als diesen kann es nicht geben, ihn zu bekämpfen ist heilige Pflicht.“

Heinrich Hansjakob, der 1894 in der Nervenklinik Illenau Schutz und Heilung suchte, hat das Thema nach Kußmauls Attacken nicht länger verfolgt. Der Kampf gegen die Pocken wurde am 8. Mai 1980 bei der 33. Weltgesundheitskonferenz der WHO als beendet und die Welt als pockenfrei erklärt. Schätzungen zufolge könnte die Impfung allein von 1980 bis 2018 etwa 150 bis 200 Millionen Menschen das Leben gerettet haben.

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