Achern-Oberachern

Obdachlose und stillgelegte Fabrik inspirieren Künstler

Autor: 
Brigitte Gutmann
Lesezeit 3 Minuten
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09. März 2016
Ob Fotos in Schwarzweiß oder farbkräftige Malereien – Jörg Vogelsang griff stets das Thema »Verlassen« auf. Jetzt stellt er seine Werke in Oberachern aus.

Ob Fotos in Schwarzweiß oder farbkräftige Malereien – Jörg Vogelsang griff stets das Thema »Verlassen« auf. Jetzt stellt er seine Werke in Oberachern aus. ©Brigitte Gutmann

Der promovierte Chemiker Jörg Vogelsang, gebürtiger Lörracher, bekam mit 14 Jahren zur Konfirmation einen Fotoapparat geschenkt. Seither widmete er sich mit einigen Unterbrechungen leidenschaftlich dieser Kunst. Seit 1984 gab es vor allem im Raum Lörrach und Stuttgart viele Gruppenausstellungen mit ihm. Nun kann man seine Einzelausstellung in der Galerie Backhouse/Art-Café von Gerd Weismann bis zum 21. März erleben. Am 19. und 20. März öffnet auch wieder das beliebte Art-Café.

Zürich inspirierte

Jörg Vogelsang hat sich das Thema »Verlassen« gewählt. Er stellt dieses existenzielle Thema als Foto-Doku dar. Und sein Augenmerk ist auf Häuser, Plätze, vor allem aber auf Menschen in Notlagen gerichtet. Alle Motive fand der Künstler in Zürich, einer auf den ersten Blick so wohlhabenden Großstadt mit acht Prozent Menschen, die unter dem Existenzminimum leben müssen. Vogelsang arbeitet immer in Serien: Da sieht man im ersten Galerievorraum Obdachlose auf dem Boden liegend, schlafend, hockend mit Hund, trinkend, mit einem vollbeladenen Fahrrad. Daneben verfallene Häuser. Alle Fotos sind mit einem rotweißen Band als abgegrenzte, ausgegrenzte Personen und Plätze gekennzeichnet. 

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Im zweiten Nebenraum begegnet man leeren Orten, die diesen Ausgegrenzten als Wohnbereich dienen: die Europabrücke in Zürich. Tassen, Teller, wenige Lebensmittel werden als Küche bezeichnet, der lange Raum unter der Brücke als Flur, ein Brunnen, eine Bank als Badezimmer und eine Straße als Zuhause. Mit diesen knappen Formulierungen wird der Betrachter mit dem schweren Los von Obdachlosen unsentimental und doch einfühlsam konfrontiert. 

Vogelsangs Fotos sind alle bewusst in Schwarzweiß gehalten und teilweise mit dem i-Phone aufgenommen. Der Fotograf verzichtet meist auf eine heute so weit verbreitete Bildbearbeitung, er orientiert sich an dem vernünftigen Aufwand, den man früher bei der Dunkelkammerarbeit betrieb. So wirken seine Dokus ungekünstelt, authentisch.

Kräftige Farben

Allerdings warten im Hauptraum kräftige Farben auf die Betrachter. Alle Motive stammen hier aus der stillgelegten Oberacherner Ziegelei Kegelmann: zuerst an abstrakte Malereien erinnernde, blaugelbe, spinnennetzartige Glasscherben, warmrote Ziegelmauern, ein verlassener Feuermelder, ein nutzloser Transportwagen. Gerd Weismann sprach in seiner Laudatio von der morbiden Schönheit verlassener Orte. Und von der großen Notlage vieler Menschen jenseits des momentanen Flüchtlingsproblems, von der immer größer werdenden Schere zwischen Arm und Reich. Dabei äußerte er einen interessanten Gedanken: Um helfen zu können, dürfen man sich nicht zu stark von dem Leid der Menschheit herunterziehen lassen. Wie immer herrschte in der gut besuchten Galerie eine animierte, freundschaftliche Atmosphäre. Zur belebenden Stimmung trug ebenfalls der virtuose Stuttgarter Gitarrist René Kastler bei.

Stichwort

Fotobiennale

Gerd Weismann und Joachim Lemme wiesen auf die bevorstehende erste Acherner Foto-Biennale hin, eine Idee von Jörg Vogelsang und von einem fünfköpfigen Arbeitskreis vorbereitet. Bis Freitag, 11. März, kann man sich bewerben unter www.fotobiennale.de. Vom 5. bis 8. Mai sollen in Gebäudeteilen der Firma Segezha und in Acherner Geschäften die ausgewählten Fotos veröffentlicht werden.bgu

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