Staatsakt in Oberkirch (IV)

Leimener Forscherin sezierte Oberkircher Fasent-Balzrituale

Autor: 
Patric König
Lesezeit 3 Minuten
Jetzt Artikel teilen:
13. Februar 2018
Stabhalter Denis der Tischdennis konnte sich beim Staatsakt im Leimen auf seine Minister verlassen.

Stabhalter Denis der Tischdennis konnte sich beim Staatsakt im Leimen auf seine Minister verlassen. ©Patric König

Stabhalter Denis der Tischdennis konnte beim Staatsakt am Montag stolz sein: Seine Leimener Minister brachten in der Bütt ihre Schmetterbälle sicher ins Ziel.

Ideen hat der Mann schon mal: Leimens Stabhalter Denis Huber hat die Lösung für das Fußball-WM-Problem gefunden, vor dem Oberkirch wegen der Sanierung des Narrenkellers steht. Eine Alternative für die Fußballübertragungen, so Denis der Tischdennis, wäre die evangelische Kirche: »Die ist als Begegnungsstätte renoviert worden.«

Auch die Minister zeigten sich einfallsreich: Ihre Rente aufzubessern versuchte Marisa Birner. Nachdem ihr die Rolle als beweglicher Poller in der Fußgängerzone zu gefährlich war, probierte sie es als Blutspenderin. Den Spenderfragebogen arbeitete sie mit dem Publikum durch. 

Wickelt der Kinderwagen  bald die Kinder?

Über »37 Jahre im Ehejoch« berichtete Martin Huber. Seine Frau gönnte ihm immerhin eine Geliebte: »Mich alder Knoche macht sie rasend, mini heiß geliebte Oberkircher Fasent.« Damit war der Einstieg in die familiäre Seite des Staatsakts geschafft. Daran knüpften auch »Mutti und Tante« Alexandra Spinner und Saskia Harter an. Im Mittelpunkt: die Anschaffungen für ein Baby, zum Beispiel ein Kinderwagen für 953 Euro – »da hab ich gefragt, ob der für das Kind auch wickelt.«

Um handfeste Erziehungsarbeit stritten sich Melanie Schmid und ihr Onkel Jürgen Müller. Dass Babysitter»Gogo« die Windeln ihrer Kinder mit Hosenträgern und Klebeband befestigte, gefiel Melanie gar nicht. Zudem seien die Kinder bei ihrer Rückkehr aus Gogos Wohnung ziemlich dreckig gewesen. »Da kann ich nix dafür«, verteidigte er sich: »Ich habe gesagt: Bleibt auf der Couch. Aber nein, sie müssen unbedingt auf dem Wohnzimmerboden spielen.« 

Die Berufsgenossenschaft schlug zu

Gleich in mehrere Rollen schlüpfte Simon Spinner: Dem Kasperl aus der Fasenteröffnung ließ er den Auftritt eines Kasperls von der Berufsgenossenschaft folgen. Die »Fachkraft zur Untersuchung regresspflichtiger Fälle« (kurz: Furz) stellte prompt fest, dass auf dem Weg zur Bühne eine Zwischenstufe fehlte. Spinners Tipp: Einer der Minister sollte sich als Stufe hinlegen. Oder eine Ministerinnen, »die Leimen-Frauen sind ja gewohnt, dass auf ihnen herumgetrampelt wird.«

- Anzeige -

Forscherin stufte Stabhaltereien als bedrohte Art ein

Regine Harter drehte in dieser Hinsicht den Spieß um: In einer Paraderolle als norddeutsche Verhaltensforscherin nahm sie die Oberkircher Fasent und die Balzrituale ihrer Akteure wissenschaftlich unter die Lupe. Die Stabhaltereien bestünden zum Beispiel aus möglichst vielen Männern und »zwei jungen Weibchen, die zu Dekorationszwecken benötigt werden«.

Die Stabhaltereien stünden auf der Liste der bedrohten Arten«: Der »homo lohmus« sei schon vor zehn Jahren von der Bildfläche verschwunden und der »homo gallus«, die Stabhalterei der französische Garnison, nicht aus dem Winterquartier zurückgekehrt. 

Am besten hatte der Forscherin natürlich der goldene Leimen gefallen: »Nur den Zusammenhang zwischen Namen und Farbe habe ich nicht ergründen können: Leim ist doch farblos.« Besser passe das Blau der Klein Basler – »ihr Standardaggregatszustand in der Fasent«. Auch die Zunft kam nicht ungeschoren davon: Aus dem ärmlichen, aus Filzresten zusammengestückelten Schnurrihäs schloss sie, dass die Abkürzung NZO für »Nix zum Oziehe« stehe. 

Ein Zahnarztgutschein für den Stadtrat

Apropos studiert: Zwischen dem Lernen und dem Nebenjob in der »Tränke« hatte auch Markus Ziegler noch die Zeit für einen Auftritt gefunden. Der »gestresste Student« machte vor allem der Stadt Stress. So empfahl er, die Stadträte nicht nur mit Sitzungsgeld, sondern auch mit einem Zahnarztgutschein zu entschädigen: »So oft wie die zähneknirschend Mehrkosten abnicken mussten ...« 

Und das neue Fontänenfeld am Marktplatz könne zum Erfolg werden – »wenn man es als Cleanpark für Rollatoren anpreist«.
 

Zitat

ZITATE

»Die Kostensteigerung für den Bauhof war damit begründet, dass die alle zur selben Zeit Pause machen und deshalb 30 Pissoirs nötig sind. In der Stadthalle gehen 400 Leute in die Pause – und das mit sechs Pissoirs.«
Dennis Huber

»Egal ob das Spielzeug für den Hund oder für das Baby ist: Es ist bunt und des quietscht.«
Alexandra Spinner und Saskia Harter

»Ich habe die Hoffnung, dass die auch zum Laufen Google Maps benutzen. Dann erledigt sich das Problem von selbst, wenn der nächste Sonntagsspaziergang auf die Autobahn geht.«
Simon Spinner (Foto) über Autofahrer, die angeblich von ihrem Navi in die Fußgängerzone geleitet wurden.

»Die Stabhalter scheinen kein sehr ausdauerndes Naturell zu haben. Jedes Jahr muss das ein anderer machen, dabei ist das Ding doch gar nicht so schwer.«
Regine Harter, Verhaltensforscherin, über diejenigen in den Stabhaltereien, die an Fasent »eine Art Stock in der Hand« halten

»Zwischen Tränke und Simpl gibt es vier Straßenarten: die Fußgängerzone, den verkehrsberuhigten Bereich, die Straße, wo man richtig Gas geben kann und die untere Hauptstraße, die ich spontan keiner Straßenkategorie zuordnen kann.« 
Markus Ziegler, gestresster Student, über die Oberkircher Hauptstraße.

»Ich glaube, dass der OB anstrebt, dass Stuttgart 21, der Flughafen BER Berlin und die Wasserrinne August Ganther Oberkirch an einem Tag eröffnet werden.«
Markus Ziegler über die aus Sicherheitsgründen trocken gelegte Wasserspielrinne.

Hintergrund

Öko-Vorkämpfer hatte Verbündete im Rathaus

Sein Staatsaktdebüt als Minister gab Gregor Huber (Foto) mit einem fulminanten Auftritt als Umweltminister. Er wollte aus dem Leimen eine ökologisch-nachhaltige Stabhalterei machen. Ein erstes Zeichen habe Oberkirch ja schon in der Form eines Biosupermarkts gesetzt. Als Vorbild diente Huber sein Wohnort Freiburg: Dort werde sogar der Datenmüll von Windows-Computern wiederverwertet: »Daraus entsteht zum Beispiel das Fernsehprogramm von RTL oder der eine oder andere Artikel in der ARZ.«
Huber warb für das so genannte »urban gardening«: Statt Lebensmittel quer durch die ganze Welt zu transportieren, sollten die Leimener lieber in ihren gut isolierten Häusern Pilze züchten. »Dann muss keiner mehr nach Lautenbach zum Zieglerhof oder nach Zusenhofen zum Wurth fahren.« Apropos Auto: Mit einem Grünkernkonto wollte der Umweltminister den ökologischen Fußabdruck der Oberkircher erfassen. Pro Kilometer Autofahrt wurden dort fünf Grünkerne abgezogen. 
Hoffnungen im Kampf gegen das Autofahren machten Huber die Baustellen der Stadt: »Mit dem Auto kommt man in Oberkirch ja nirgends mehr hin. Einzigartig! Die nehmen mir ein ganzes Stück Arbeit ab. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, der OB ist auch ein Grüner.«

Kommentare

Damit Sie Kommentare zu diesem Artikel lesen können, loggen Sie sich bitte mit Ihren Zugangsdaten ein.

Weitere Artikel aus der Kategorie: Achern / Oberkirch

Das Oppenauer Fahrzeugbauunternehmen Mulag befindet sich auf Wachstumskurs und plant den Aufbau eines dritten Standorts im Gewerbegebiet »Langmatt« in Appenweier.
Mulag baut neues Werk in Appenweier
vor 4 Stunden
Das Oppenauer Unternehmen Mulag hat sich das Filetstück im neuen Appenweierer Gewerbegebiet »Langmatt« gesichert. Auf der 7,1 Hektar großen Fläche will der expandierende Hersteller von Spezialfahrzeugen ab 2023 schrittweise ein drittes Werk aufbauen. Die bisherigen Standorte sollen erhalten und...
Das Wochenblatt Russkaja Germanija (Russisches Deutschland) an einem Zeitungsstand in der Acherner Hauptstraße: Russischsprachige Menschen, meist Spätaussiedler, gibt es in Achern viele – nicht immer erkennt man sie als solche.
Serienauftakt
vor 7 Stunden
Zur Fußball-WM in Russland veröffentlicht die Acher-Rench-Zeitung eine Serie zu Russlanddeutschen in Achern. Wer sind sie und woher kommen sie? Was verbinden sie mit ihrer alten und neuen Heimat und gibt es »den Russlanddeutschen« überhaupt? Eine Spurensuche.
Dietmar Seiler-Fritsch hatte in seiner Zeit in Lahr besonders intensiv mit dem Thema Spätaussiedler zu tun.
Serie »Russland-Deutsche« (Teil 1):
vor 7 Stunden
In einer achtteiligen Serie beleuchtet die ARZ die Situation der sogenannten Russlanddeutschen oder Spätaussiedler. Den Auftakt bildet ein Interview mit Dietmar Seiler-Frtisch.
»Oberkirch ist die Konstante in der Geburtshilfe in der nördlichen Ortenau«, sagt OB Matthias Braun. Sein Acherner Kollege Klaus Muttach hält den Oberkricher Belegärzten unterdessen vor, bei einem Infoabend im Krankenhaus persönliche Interessen zu vertreten.
Intervention beim Landrat
vor 10 Stunden
Der Schlagabtausch zwischen Acherns OB Klaus Muttach und seinem Oberkircher Kollegen Matthias Braun um die Geburtshilfe geht weiter. Muttach missfällt, dass Braun Kreistagsmitglieder zu einem Gespräch ins Oberkircher Krankenhaus eingeladen hat. Braun lässt die Vorwürfe nicht auf sich sitzen.
Appenweier
vor 10 Stunden
Umfangreiche Ermittlungen von Beamten der Kriminal- und Schutzpolizei haben in der Nacht auf vergangenen Freitag zur Festnahme von zwei Männern in Appenweier geführt.
Die Rheinbrücke bei Freistett – hier eine Archivaufnahme der deutschen Seite vor dem Bau der Radwegbrücke – ist ab 4. Juni für drei Monatevoll gesperrt.
Arbeiten in Freistett ab 4. Juni
vor 13 Stunden
Der Rheinübergang bei Freistett wird ab 4. Juni für drei Monate baustellenbedingt geschlossen. Die Mittelbadische Presse fasst dazu alles wichtigen Infos zusammen.
Die Tankstelle ist in Sasbach ist wegen des Stromausfalls geschlossen.
Grund noch unklar
vor 15 Stunden
Die Gemeinde Sasbach sowie etliche Umliegegemeinden hatten am Mittwochnachmittag etwa eineinhalb Stunden keinen Strom. 
Das Linxer »Stromhiesl« soll verkauft werden. Es ist das größte von drei noch vorhandenen, aber nicht mehr genutzten Stromverteilstationen im Stadtteil.
Kein Abriss
vor 16 Stunden
Das Linxer »Stromhiesl« im Baugebiet Rechen wird verkauft – zum symbolischen Preis von einem Euro. Abreißen darf es der neue Eigentümer aber nicht.
Brückenbauwerke in Renchen
vor 19 Stunden
Bei den Brückenbauarbeiten in Renchen, die rund acht Monate dauern, ist man im Zeitplan. Das bestätigte Andreas Maier vom Baureferat Nord des Regierungspräsidiums Freiburg am Dienstag. Die Abbrucharbeiten sind demnach »weitesgehend abgeschlossen«.
Mitten im »Schmuckstück« im Ibacher Wald: Revierleiter Lukas Ruf (links) informierte den Ortschaftsrat über die Buchen-Durchforstung im Distrikt »Birkhof«.
Ökokonto könnte Premiere feiern
vor 21 Stunden
Im Distrikt »Birkhof« in Löcherberg informierte Forstrevierleiter Lukas Ruf den Ibacher Ortschaftsrat beim Waldbegang über Hintergründe und Erfolg der im zeitigen Frühjahr erfolgten Durchforstung. Danach ging’s zum Waldbiotop »Heidenstein« mit dem die Stadt demnächst Ökopunkte sammeln will.
Neue Ausstellung im Rathaus: Bürgermeister Stefan Hattenbach und Oskar Vogel vom Kappelrodecker Film- und Fotoclub zeigen perspektivgleiche Ansichten ortsbildprägender Gebäude von früher und heute.
Im Rathaus
vor 21 Stunden
Perspektivgleiche Ansichten ortsbildprägender Gebäude früher und heute zeigt eine neue Ausstellung im Kappelrodecker Rathaus. Möglich machte diese der Film- und Fotoclub.
Die E-Ladestation für zwei Autos und einen Motorroller sowie die benachbarte E-Bike-Ladestation nahmen Tobias Vespermann (Leiter Technischer Betriebe), OB Matthias Braun und Stadtwerke-Geschäftsführer Erik Füssgen (von links) am Dienstag offiziell in Betrieb.
Neue Ladestation
vor 21 Stunden
Die Stadtwerke Oberkirch haben die Infrastruktur für E-Mobilität im Renchtal ausgebaut: Sie haben am Dienstag eine neue E-Ladesäule  auf dem Parkplatz hinter dem  Amtsgericht in Betrieb genommen.