Achern / Oberkirch

Meerrettich fühlt sich seit vielen Jahren in Fautenbach zuhause

Autor: 
Stefan Bruder
Lesezeit 4 Minuten
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29. Oktober 2008
Foto: Stefan Bruder - Mit einer Fläche von drei Hektar gehört Junior-Landwirt Joachim Droll (46) zu den größten Meerretichbauern weit und breit.

Foto: Stefan Bruder - Mit einer Fläche von drei Hektar gehört Junior-Landwirt Joachim Droll (46) zu den größten Meerretichbauern weit und breit.

Wer glaubt, Urloffen sei die Meerrettichhochburg, der war noch nicht in Fautenbach. Rund ein dutzend Bauern pflanzt hier auf 20 bis 25 Hektar Land die arbeitsintensiven Wurzeln an. Damit sind die Fautenbacher nicht nur für ihre Ziwwl berühmt, sondern auch für ein ungleich schärferes Gewächs.
Achern-Fautenbach. Mit viel Präzision und Erfahrung jagt Gerhard Droll (75) seinen Meerrettichpflug durch die braune Herbsterde. Mit ruckartigen Bewegungen befördert das von gestandenen örtlichen »Meerrettichexperten« konstruierte Gerät ein undurchsichtiges Wurzelwerk zu Tage, das sich erst nach einer eingehenden Säuberung als das »weiße Gold Fautenbachs« entpuppt. Seit etwa 1950 baut der Fautenbacher die Kulturpflanze auf seinen Äckern an. Damals zog noch das Pferd den Pflug. Fast jeder Meerrettichbauer im Ort hat seine eigene Technik. Rund 150 Zentner pro Hektar erntet Gerhard Droll mit seinem Sohn Joachim (46) auf seiner drei Hektar großen Anbaufläche. Damit gehört er zu den größten Meerrettichbauern in ganz Baden-Württemberg, denn Fautenbach hat keine Konkurrenz im Südwesten. »Nur alle sechs Jahre darf der Meerrettich auf demselben Acker angebaut werden«, erklärt er, sonst droht die als »Meerrettichschwärze« gefürchtete Krankheit, die das in mühevoller Handarbeit gezüchtete Gemüse unverkäuflich macht. Den Rang abgelaufen Ihre Ernte verkaufen die beiden Landwirte nach Urloffen, in jene Gemeinde bei Appenweier, die gemeinhin als Meerrettichhochburg gilt. Aber das war sie einmal. Mittlerweile wird in Fautenbach rund zehnmal soviel Meerrettich angebaut wie in Urloffen, wo das Gemüse aber weiterhin traditionell von zwei Betrieben verarbeitet und verkauft wird. Wer das nächstgrößere Anbaugebiet für Meerrettich sucht, muss weit reisen. Das weiß niemand besser als Edmund Schindler (66), pensionierter Pflanzenbauberater des Landwirtschaftsamtes Offenburg und über viele Jahre eng mit dem Anbau betraut. Erst in Nordbayern, an der Niederelbe und im Spreewald wachsen wieder die unverwechselbaren Pflanzen. Das liege nicht daran, dass Meerrettich besonders anspruchsvolle Böden brauche, sondern vielmehr daran, dass das Gemüse nicht in größeren Mengen industriell verarbeitet werde, klärt er auf. Nachdem der Tabak Anfang der 1960er Jahre nicht mehr in Fautenbach angebaut worden war, hätten sich die Landwirte auf den Meerrettich als Kulturpflanze konzentriert. Der Höhepunkt war in den 70er Jahren. Weniger Anbaufläche Grund dafür waren Abnahmeverträge zu einem festen Betrag, auch wenn die Lieferungen aus dem östlichen Ausland mitunter ungleich billiger waren. 1974 etwa gab es 48 Betriebe in Fautenbach, die auf einer Fläche von zehn Ar bis drei Hektar Meerrettich anbauten und es so auf eine Gesamtfläche von 35 bis 40 Hektar brachten. Heute gibt es nur noch zehn Meerrettich-Landwirte in Fautenbach, und auch die Anbaufläche ist mit 20 bis 25 Hektar deutlich gesunken. Im Badischen wächst Meerrettich nur zwischen Urloffen über Fautenbach bis nach Niederbühl bei Rastatt, wahrscheinlich kam er von dort sogar hierher«, sagt Schindler. Keine Statistiken Wo wie viel in Deutschland angebaut wird, ist schwer zu sagen, denn offizielle Statistiken gibt es nicht. Fakt ist aber, dass Meerrettich schon vor 300 Jahren in der Region bekannt war, sagt Edmund Schindler. Mit rund 1000 Stunden pro Hektar sei der Meerrettich sehr arbeitsintensiv. Bei Weizen fielen zum Vergleich weniger als 20 an. Von der Pflanzung der im Vorjahr bei der Ernte abgebrochenen Seitentriebe im April über das regelmäßige Unkrauthacken bis zur Ernte, die von Oktober bis Weihnachten dauert, fordert die Kulturpflanze viel Zuwendung. Selbstversorger ist Deutschland übrigens nicht, denn nur rund 20 Prozent der hier konsumierten Menge stammt tatsächlich von deutschen Äckern, der Rest kommt aus Niederösterreich, Ungarn und dem Balkan. Die Wurzel der Meerrettichpflanze wird als Gemüse oder Gewürz verwendet. Im rohen Zustand ist sie geruchlos. Wird sie geschnitten oder gerieben, verströmt sie einen stechenden und zu Tränen reizenden Geruch, der so typisch für das Gewächs ist. Verwendung findet die Vitamin-C-Bombe vor allem als heiße Soße zu Rindfleisch und Kartoffeln oder als Sahnemeerrettich zum Vesper. »Der Meerrettichverbrauch ist nicht leicht zu steigern«, erklärt Edmund Schindler, denn der Verbrauch beschränke sich auf einen überschaubaren Konsumentenkreis. Noch viel Arbeit Für die beiden Meerrettichbauern Gerhard und Joachim Droll hat die Ernte gerade erst begonnen. Bis alle Wurzeln ausgegraben sind, wird es noch dauern – und noch viel länger, bis sie in Handarbeit geschnitten, gesäubert und in speziellen Säcken zu je einem halben Zentner verpackt sind. Ob »ihr« Meerrettich letztendlich auf Fautenbacher Tischen landet, in Konserven oder Gläsern verpackt seine Reise quer durch die Republik in den Supermarkt antritt oder sogar im Ausland als »kulinarische Spezialität aus Mittelbaden« verspeist wird, wissen sie nicht.

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