Achern / Oberkirch

Mit Zuckerbrot und Elektroschocks

Autor: 
Wolfgang Winter
Lesezeit 3 Minuten
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21. Juni 2004
Dem noch jungen Illenauer Theaterverein ist sein Meisterstück gelungen. Die Premiere der Tragikkomödie »Einer flog über die Illenau« erwies sich als glänzende Inszenierung die noch jede Menge restlos ausverkaufter Vorstellungen verdient.
Achern. Die Messlatte lag hoch. Ken Keseys Roman »Einer flog übers Kuckucksnest«, eine ätzende Anklage gegen eine menschenverachtende Psychiatrie aus dem Horrorkabinett der Wissenschaft, wurde ein Bestseller. Regisseur Holger Albrecht und sein 19-köpfiges Ensemble ließen sich von den großen Vorbildern nicht entmutigen und wagten eine Neufassung, ohne dabei das hohe Niveau der Originalvorlage zu verwässern. Dies gelang vor allem, weil als Kontrapunkt die geistig-therapeutische Konzeption der ehemaligen Psychiatrie so hervorragend in das Spiel verwoben wurde, dass eine interpretierende Neuschöpfung des Stückes entstand. Bedrückend und ernst Bereits der Anfang ist bewegend. Aus einem ehemaligen Patientenzimmer der Illenau tönt eines seltsam wehmütiges »Der Mond ist aufgegangen«. (Saxophon: Alisa Heidler). Die darauf folgende Bibellesung aus dem Korintherbrief (1,13), die gleichfalls aus dem »Off« gesprochen wird, betont die über allen stehende Tugend der Liebe, ohne die alles nichts ist. Während anschließend das wunderschöne Mondlied von Matthias Claudius als zweistimmiger Chorus in den finsteren Abendhimmel steigt, betreten die Patienten (Markus Bertsch, Helmut Schiffner, Alexander Schneider, Marion Wolf, Christian Schindler, Alisan Erdogan, Oliver Szell) langsam und zögernd die Bühne. Jeder erscheint so einsam und verloren. Haltung und Gesichter sprechen Bände. Die Stimmung ist ernst, am umschließenden Absperrgitter lauschend erfasst sie schließlich doch ein wenig Freude, als ob sie in den Klängen der Musik ein Stück inneren Frieden finden würden. Gefühlvoll eingepasste Erinnerungen an das »Bete und Diene« der alten Illenauer werden im Laufe der zweistündigen Aufführung noch des Öfteren geboten. Dafür ist unter anderem die »Putzfrau« Brigitte Weißgärber zuständig. Sie erinnert, natürlich im Acherner Dialekt, an die großen Zeiten der Illenau und an das, was dort zum Wohle der Patienten geleistet wurde. Ohne künstlich aufgepfropft zu wirken, liefert sie so eine gelungene Kommentierung des zeitweise verstörenden Bühnenspiels. Albrecht hält sich, bis auf das geglückte neue Ende und einer hinzugefügten Ausflugszene, wohltuend dicht am Ursprungstext. Auch bei »Einer flog über die Illenau« sind die Patienten der eisernen Hand der resoluten Oberschwester Retsch (Petra Hoppe) und ihrem Personal (Heidi Blassmann, Daniela Warth, Anna Rößler, Eva-Maria Löser, Axel Götz, Carolin Fliege) ausgeliefert. Petra Hoppe spielt die Furcht erregende, mit Zuckerbrot und Elektroschocks dressierende Patienten-Dompteuse mit eiskalter Dominanz. Ihr Gegenspieler, der Neuzugang Murphy, wirbelt das gewohnte Anstaltsleben radikal durcheinander. Der mit lässigem Revoluzzercharme agierende Andreas Blassmann ist dieser aufreibenden Rolle bestens gewachsen. Lobenswerte Darsteller Viele Darsteller wären noch besonders zu loben. Markus Bertsch, als »Häuptling Bromden« zum Beispiel. Barfüßig stand er mit nacktem Oberkörper eine Stunde wie eine Steinsäule in der fröstelnd machenden Kälte des Premierenabends. Oder der 14-jährige Christian Schindler. Im Spiel heißt er Frank, hat zuviel Ritalin verordnet bekommen und ist deshalb wie alle anderen »freiwillig« in der Anstalt. Er zittert ununterbrochen und leidet an plötzlichen Aggressionsschüben. Großartig! Oder Oliver Szell, als Stotterer Bibbie, der die schwierige Aufgabe ebenfalls mit Bravour löst. Doch keine Angst vor allzu bedeutungsvollem Tiefgang. In diesem Stück darf und soll viel gelacht werden, auch wenn einem der Humor immer wieder im Halse stecken bleibt. Wohltuend erheiternd wirken dabei unter anderem die »leichten Mädchen« (Constanze Fliegel, Heidi Blassmann, Janina v. Wallenstern und Carolin Fliegel), die mit individuellen Stärken und sehenswerten Changierungen beeindrucken. Regisseur Holger Albrecht, das Ensemble und die bestens arbeitenden Lichttechniker konnten sich am Ende über den lang anhaltenden Beifall freuen.

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