Ottersweier/Bühl

Nachtumzug Unzhurst: Fassungslosigkeit nach Gewaltexzessen

Autor: 
Gerold Hammes
Lesezeit 6 Minuten
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06. Februar 2014
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Was als fröhliche Fasnachtsveranstaltung geplant war, mündete in Entsetzen und Fassungslosigkeit: Beim Unzuhurster Nachtumzug kam es zu Gewalttaten, wie sie selbst die Polizei bei derartigen Veranstaltungen noch nicht erlebt hat.

Was als fröhliche Fasnachtsveranstaltung geplant war, mündete in Entsetzen und Fassungslosigkeit: Beim Unzuhurster Nachtumzug kam es zu Gewalttaten, wie sie selbst die Polizei bei derartigen Veranstaltungen noch nicht erlebt hat. ©BT

Auch vier Tage nach dem Unzhurster Nachtumzug sind Polizei und Fasnachtsvereine fieberhaft mit der Aufarbeitung der Gewaltexzesse beschäftigt. Das Entsetzen ist allenthalben groß. Der Präsident des Ortenauer Narrenbundes, Rainer Domfeld, sprach von »hochgradiger Kriminalität«.

Benedikt Spether, Vorsitzender der Landesvereinigung »Hästräger gegen Gewalt« rückt den in »sozialen« Netzwerken vereinbarten Aufmarsch von rund 300 gewaltbereiten Jugendlichen im Vorfeld des Unzhurster Narrenumzugs in der Nacht zum Samstag in die Nähe von »organisierter Kriminalität«.

Rainer Domfeld, seit 2004 Präsident des Narrenbundes und im Beruf Polizeioberkommissar, zeigte sich nach den ersten Pressemitteilungen »wie vom Blitz getroffen« und sprach von einem »Super-Gau«. Ein nur ansatzweise ähnlich brutales Vorgehen von Schläger-Horden gegenüber Besuchern einer Fasnachtsveranstaltung ist ihm noch nicht zu Ohren gekommen. Ähnliche Auswüchse kennt der Kripobeamte nur von Facebook-Partys.

Der Unzhurster Nachtumzug sei rein willkürlich gewählt worden, zumal die zumeist jugendlichen Chaoten mit dieser Gemeinde oder gar mit Fasnacht nichts im Sinn hätten. Genauso könnte es jede Art von Bürgerfesten treffen. Der einzige Antrieb der Täter sei, eine Veranstaltung »bewusst und mit aller Gewalt kaputtzumachen«. Gesellschaftspolitisch sei dies »erschreckend«. Er befürchtet, dass dies nicht die letzte Fasnachtsveranstaltung gewesen sein könnte, die in einem von Kriminellen herbeigeführten Chaos mit vorsätzlichen Körperverletzungen endet. Derweil erreicht die Besucherzahl auf der Facebook-Seite des vor vier Jahren gegründeten Landesverbandes »Hästräger gegen Gewalt« neue Höchststände. Ihr Vorsitzender Benedikt Spether (Sasbach) spricht von einer »Katas­trophe«. Er warnt aber davor, für die Ausschreitungen die Fasnacht verantwortlich zu machen. Den »Himbeergeistern« als Veranstaltern zollt er höchste Anerkennung für ihre »tolle Jugendarbeit«. Über die Internetseite hofft die Landesvereinigung, Informationen über die Hintergründe des Fiaskos beziehungsweise die Rädelsführer zu bekommen.

Wo leben wir eigentlich?
Benedikt Spether stellt auch die rhetorische Frage: »Wo sind eigentlich die Erziehungsberechtigten? In was für einer Gesellschaft leben wir eigentlich?« Fragen, auf die es am 12. Februar vielleicht Antworten gibt. An jenem Mittwoch ist ein Treffen mit Vertretern der Polizeidirektion Offenburg, des Landratsamts Ortenaukreis, eventuell auch des Landratsamts Rastatt, des Ortenauer Narrrenbundes und der Landesvereinigung »Hästräger gegen Gewalt« mit anschließender Pressekonferenz geplant.

Große Verunsicherung macht sich derweil unter den Bühler Narrenvereinen breit. So auch bei Hans-Dieter Frietsch. Seit 39 Jahren ist er Mitglied der Bühler Hexenzunft, seit 24 Jahren deren Hexenmeister. Gerade erst hat die Zunft das Zertifikat »Jugendfreundlicher Verein« des Suchtpräventionsprojekts »HaLT« (Hart am Limit) erhalten. In 15 Regeln geht es um Jugendschutz und den Umgang mit Alkohol. Frietsch ist aber auch Organisator des traditionellen Bühler Sternmarsches, der jeweils am Mittwoch vor dem Schmutzigen Donnerstag stattfindet und bei dem die Bühler Zünfte ab 19 Uhr zum Marktplatz laufen.

Kiefer gebrochen
»Erschreckend und schlimm« nennt er die Ereignisse in Unzhurst. Er kann nur hoffen, dass dieser kleine Umzug der Bühler Narrenfamilie »für die Chaoten uninteressant ist«, zumal es sich nicht um eine Massenveranstaltung handle. Andererseits könne nicht gleich eine Polizei-Hundertschaft die Umzüge sichern. Mit der Bühler Polizei werde der Verein gleichwohl Kontakt aufnehmen. Heute Abend werde sich auch der Vorstand mit Sicherheitsfragen beschäftigen. Alleiniges Ziel des »Flashmobs« sei die Randale. Frietsch sieht auch die Gefahr, dass die Pöbler und Schläger künftig auch Tagesumzüge aufmischen könnten.

Seit 33 Jahren aktives Hexenmitglied ist Martin Ober­föll. Er verfolgte mit einem Freund das Unzhurster Treiben. Als die Gewaltexzesse losgingen, zogen sie sich flugs ins Haus zurück. Oberföll: »Ich war gottfroh, als ich wieder im Wohnzimmer saß. Wir hatten Angst.«

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Gestern meldete sich der Vater einer aktiven Fasnachterin, die privat den Umzug in Unzhurst verfolgte, in der Redaktion. Die Tochter hatte das »Glück«, dass „nur“ ihr Golf einiges abbekam. Immerhin: Der Schaden beträgt auch 600 Euro, »und auf dem bleiben wir nun wohl sitzen«, schimpft der Vater.

Erheblich schlimmer traf es die elf mitunter schwer verletzten Personen. Sie wurden mit Gehirnerschütterungen, ausgeschlagenen Zähnen und gebrochenem Kiefer in die Krankenhäuser eingeliefert. Nach bisherigen Erkenntnissen kamen die Rabauken vorwiegend aus dem Raum Durmersheim/Rastatt sowie aus der Lahrer Gegend. Der Bezirksdienst des Polizeireviers Bühl und die Polizeidirektion Offenburg ermitteln.

STICHWORT:

Das geschah am Freitagabend: die Vorfälle rund um den Unzhurster Nachtumzug

lf Verletzte, drei davon schwer, drei Gewahrsamnahmen, bislang sechs bei der Polizei angezeigte Körperverletzungsdelikte und zwei beschädigte Fahrzeuge – so endete der Unzhurster Nachtumzug am Freitag. Was ein buntes Fasnachtstreiben hätte werden sollen, wurde von rund 300 zumeist minderjährigen, stark alkoholisierten Randalierern massiv gestört (wir berichteten gestern auf der Orrtenau-Seite).

Aus der Region zwischen Karlsruhe und Lahr stammend, hatten sich die Unruhestifter in Unzhurst versammelt, um den traditionellen Umzug zu stören. Nun steht eine Neuauflage des Nachtumzugs im nächsten Jahr infrage.
Laut Polizeibericht, der sich wie eine nicht enden wollende Chronik von Prügeleien, aggressiven Pöbeleien und Sachbeschädigungen liest, waren Beamte des Polizeireviers Bühl, der Bereitschaftspolizei sowie der Polizeihundeführerstaffel im Einsatz. Sie sollten laut Bericht deeskalierend einschreiten, konnten jedoch nicht verhindern, dass gegen 22 Uhr an der Ecke Acherner Straße/Hornisgrindestraße ein 16-Jähriger aus Achern von fünf bis sechs Jugendlichen bewusstlos und krankenhausreif geschlagen wurde. Ein paar Meter weiter auf der Acherner Straße kam es eine Dreiviertelstunde später zu einem weiteren Übergriff auf einen 17-jährigen Bühler. Er wurde von gleich mehreren Jugendlichen verprügelt, die auch dann noch auf ihn eintraten, als er schon auf dem Boden lag. Der junge Mann wurde schwer verletzt ins Krankenhaus gebracht.

Ein dritter Schwerverletzter, ein 15-Jähriger, der sich nichtsahnend bei den aggressiven Jugendlichen nach dem Weg zur Sporthalle erkundigte, wurde ebenfalls mit Fausthieben und Tritten traktiert, so dass er später in der Klinik behandelt werden musste. Die Polizei bittet eventuelle Zeugen der drei Übergriffe, sich unter (07223) 990970 zu melden.

Weitere Veranstaltungsteilnehmer wurden an der Umzugsstrecke und am Bühler Bahnhof bei Prügeleien und Übergriffen der Randalierer beleidigt und verletzt. Diese gewalttätigen Jugendlichen gingen in allen Fällen in Gruppen auf ihre Opfer los. Am Rande des Umzugs wurde außerdem ein VW Golf demoliert. Wie Werner Seiter, Rettungsdienstleiter des DRK-Kreisverbands Bühl/Achern, berichtet, waren drei Rettungsteams aus Bühl, Baden-Baden und Achern vor Ort, die insgesamt sechs Einsätze fuhren. Bevor die Unruhestifter in Unzhurst angekommen waren, hatten sie bereits am Bahnhof Bühl einen Linienbus der RVS Regionalbusverkehr Südwest GmbH beschädigt. Nach Angaben der RVS und der Polizei stürmten bis zu 300 Personen, die mit einem Regionalzug aus Richtung Rastatt gekommen waren, auf den zwischen Bühl und Unzhurst verkehrenden Bus zu. RVS-Betriebsleiter Philippe Düsel zufolge waren die Randalierer zwischen 14 und 18 Jahre alt und zumeist alkoholisiert. (Svenja Kopf)

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