Oberkirch

Grimmelshausenrunde nimmt Barockroman unter die Lupe

Autor: 
Manuela Bijanfar
Lesezeit 3 Minuten
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10. November 2016
Miriam Seidler (r.) diskutierte mit den Teilnehmern der Grimmelshausenrunde über die Frage, warum ausgerechnet ein Vogelnest unsichtbar macht.

Miriam Seidler (r.) diskutierte mit den Teilnehmern der Grimmelshausenrunde über die Frage, warum ausgerechnet ein Vogelnest unsichtbar macht. ©Manuela Bijanfar

Die Literaturwissenschaftlerin Miriam Seidler referierte bei der Grimmelhausenrunde Oberkirch über Grimmelshausens Werk »Schein und Sein im Wunderbarlichen Vogelnest«. Der Barock-Roman spielt mit dem Thema »unsichtbar sein«. 

Die Grimmelshausenrunde setzt ihre Veranstaltungsreihe im Silbernen Sternen jeden ersten  Dienstag im Monat fort. Diese Woche beleuchtete Miriam Seidler, promovierte  Literaturwissenschaftlerin mit Schwerpunkt Barock, die Aspekte von Sein und Schein in  Grimmelshausen weniger bekanntem Roman »Das wunderbarliche Vogelnest«.  

Wer hätte sich nicht schon einmal gewünscht, unsichtbar zu sein? Diesem Wunsch gibt  Grimmelshausen in seinem Vogelnestroman einen drastischen Ausdruck. Als Voyeure, heimliche  Beobachter, als Schreckgespenst oder als Wohltäter betätigen sich die aufeinander folgenden  zwei Besitzer eines Vogelnestes, das unsichtbar macht. 

Seidler ging auf beide Folgen des  Romans ein. »Im ersten Teil gerät das Vogelnest in den Besitz eines unbedarften Stadtsoldaten,  dem es ermöglicht, der Liebesnacht eines jungen Paares beizuwohnen. Dabei fühlt er sich aber  ganz und gar unwohl und kommentiert das Ganze als unbeteiligter Beobachter.« 

Immer wieder  kommt der Besitzer des Nestes, gewollt oder ungewollt, in Situationen, die er ungestört  beobachten kann, danach aber bewusst reflektiert. So erschrickt er als Teufel einerseits eine  Jungfer, die sich vor dem Spiegel schön macht, andererseits wird er zum Wohltäter armer Leute,  denen er wie ein Engel vorkommt. 

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Für diese unterschiedliche Wahrnehmung findet der  Stadtsoldat eine einfache Erklärung: Es liegt an der momentanen Stimmung und Erfahrung der  jeweiligen Person, wie sie ihre Umwelt wahrnimmt. 

Voyeur-Interpretation

»Im zweiten Teil des Vogelnestromans gerät  das Nest in die Hände eines intelligenten Mannes, der aber wiederum die Situation als Voyeur  ausnutzt«, führte Miriam Seidler weiter aus. »Allerdings interpretiert er sie völlig anders als der  unbedarfte Stadtsoldat und nutzt sie entsprechend aus.« Auch dann, als er »das süße Gift der  Liebe« kennenlernt, das ihn in die Arme der schönen Jüdin Esther führt. Für sie lernt er hebräisch  und überlegt sogar, zum Judentum überzutreten. »Die später folgende Reue des Kaufmanns  erscheint zwar glaubwürdig, allerdings überschätzt er seine Rolle als Namensgeber des  Simplicissimusromans maßlos«, zog Seidler das Fazit aus dem zweiten Teil des Romans. Das  unsichtbar machende Vogelnest wirft er als Konsequenz bei Kehl in den Rhein.  

Im Anschluss an den Vortrag entstand noch eine Gesprächsrunde, die sich weiter mit dem Thema  beschäftigte und viele Fragen aufwarf: Warum ausgerechnet ein Vogelnest? Wieviele Leser hatte  Grimmelshausen seinerzeit? Warum sind so wenige Bücher erhalten geblieben? Miriam Seidler  war um Antworten nicht verlegen: Das Vogelnest sei ein Symbol aus der Schwarzen Magie,  damals seien Bücher ein Luxusgut gewesen, und nur sieben Prozent der Bevölkerung des Lesens  kundig, gewesen. Die Ursache des großen Buchverlusts läge an der Zerstörung in den beiden verheerenden  Weltkriegen. 

Der nächste Termin der Grimmelshausenrunde findet am Dienstag, 6. Dezember um 19 Uhr, wieder im Silbernen Sternen statt. Miriam Seidler und Manuela Bijanfar werden dann einen  literarischen Abend gestalten, der dem Barockdichter Andreas Gryphius gewidmet ist.

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