Uralte Tradition?

Was es mit dem Kappelrodecker „Fastnachtshuhn“ auf sich hat

Autor: 
Roland Spether
Lesezeit 3 Minuten
Jetzt Artikel teilen:
20. Februar 2020

Verrückte Hühner und stolze Guller gehören als närrisches Federvieh zur „Kappler Fasnacht“ und verweisen wohl auf eine uralte Tradition der Fastnachtsühner. ©Roland Spether

Stolze Guller, verrückte Hühner und putzige Bibbele gehören als tierische Schudi zur „Kappler Fasnacht“ wie der Besen zur Hexe. Doch bereits im Mittelalter war der Begriff „Fastnachtshuhn“ ein Gebrauch.

Was wäre, wenn das gackernde Federvieh und deren närrische Präsenz kein bloßer Zufall wäre, sondern ganz weit in die Geschichte der Narretei reichen würde? So weit zurück, als es tatsächlich noch Bären im Käferwald von „Capelle apud Rodecke“ (Ersterwähnung 1349) gab, die Hexe noch auf ihrem Besen über den Dasenstein flog und die feinen Herren von Rodeck zu den armen Leibeigenen hinunter ins Kapplertal blickten?

Historische Urkunden  

Mit Ausnahme der „fliegenden Hex“ könnten ernstzunehmende Volkskundler mit dieser Szenerie noch einigermaßen mitgehen. Allerdings würden sie die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, wenn jemand den Begriff „Fastnachtshuhn“ in einem historischen Dokument gleichsetzen würde, mit dem Beweis für kunterbuntes Schuditreiben „Anno Dubak“. Doch Narren sagen bekanntlich die Wahrheit, und noch viel mehr echte und mit Brief und Siegel versehene Urkunden, die im Generallandesarchiv in Karlsruhe liegen  und schon bald Besuch von Bürgermeister Stefan Hattenbach bekommen. 

Neben der im Generallandesarchiv vorhandenen Urkunde vom 24. November 1349, die Grundlage für die 650-Jahrfeier 1999 war, gibt es weitere Dokumente aus den Jahren 1357 und 1502. In beiden sind Hinweise auf Kappelrodeck mit dem Gewann Steinebach. Es werden auch „Fastnachtshühner“ und „Fastnachtshennen“ genannt. 

- Anzeige -

Fakt ist, dass es im Archiv des Landes eine Urkunde vom 29. Dezember 1357 gibt, in der steht: „Der Edelknecht Reinbold von Schauenburg verkauft Ruefelin Stigelin zu Kappelrodeck einen jährlichen Zins von 26 Unzen Straßburger Pfennigen, sechs Erntehühner, drei Fastnachtshühner, 40 Eiern von genannten Gütern zu Lenderswald um 23 Pfund Straßburger Pfennige“.

 
Eine weitere Urkunde stammt vom 14. November 1502: „Vor dem Gericht zu Kappelrodeck bekennen Claus Lamann und Katharin Fierlings, Tochter des Matheus von Niederfautenbach, ferner Baltasar Lamann von Steinenbach und seine Ehefrau Barbel, dass das Kloster Allerheiligen ihnen genannte Güter zu Steinenbach und Brunnenberg zu Erblehen gegen einen Jahreszins von zehn Schilling Straßburger Pfennigen, einem Kappen, einem Erntehuhn und einer „Fastnachtshenne“ verliehen hat.

Kein eindeutiger Beweis

In beiden Urkunden wird nicht nur Kappelrodeck, das Gericht Kappelrodeck und Gewannen im Ort genannt, sondern auch „Fastnachtshühner“ inklusive einer entsprechenden Anzahl von Eiern. Nur wäre es jetzt historisch falsch, würde das närrische Federvieh als Beweis dafür hergenommen, dass die Menschen in Kappelrodeck vor Hunderten von Jahren Fasnacht feierten, gar als Schudis umherzogen und dabei neben Wein der Hex vom Dasenstein Hühnchen und Eierspeisen in allen Variationen verdrückt zu haben. 

Tatsache ist, dass es am Eingang zum lieblichen Achertal eine Ansiedlung mit Christen gab, die sich auf den Aschermittwoch und die langen 40 Tage Fastenzeit nicht wirklich freuten und deshalb in der „Nacht vor dem Fasten“ das volle Programm zogen, kräftig feierten und „Fastnachtshühner“  verspeisten. Der Schlachttag beim Vieh war der Donnerstag und am letzten vor Aschermittwoch wurde für Ostern geschlachtet. Da dabei viel „Schmotz“ (Fett) anfiel und „verwurschtelt“ wurde, wurde dieser „Schmotziger Durschdi“ entweder „Schmutziger Donnerstag“ oder „Fetter Donnerstag“ genannt.

Weitere Artikel aus der Kategorie: Achern / Oberkirch

vor 7 Stunden
„Mit Nagel und Köpfchen“
Tanja und Dieter Braun sind im Renchtal bekannt. Vor allem durch ihr Oberkircher Ladengeschäft „Frau Bruuns“, in dem sie selbst kreierte Wohnaccessoirs und die anderer heimischer Künstler verkaufen. Bald könnte das Ehepaar bundesweit ein Begriff sein, denn es ist in einigen Folgen der neuen...
vor 10 Stunden
Krisenmanagement im Krankenhaus
Keine üblichen Ratssitzungen, öffentlichen Auftritte oder Besuche im Rathaus: Für OB Klaus Muttach und sein Team haben sich die Schwerpunkte verschoben – ein Leben im Ausnahmezustand.
vor 12 Stunden
Eltern sollen nicht zu Lehrern werden
Manche Mütter und Väter kommen sich derzeit wie Lehrer vor. Schüler müssen mehr büffeln als sie zu Beginn der Schulschließung gedacht hatten. Das Gymnasium Achern wird dennoch sehr gelobt.
vor 12 Stunden
De Pankraz-Kolumne
Der Pankraz arbeitet an einem Musical. Nein, nicht auf Achertälerisch, sondern, Sie lesen richtig, auf Englisch. Der kann das. Hochdramatisch wird es zugehen, Tränen werden fließen, wetten?
vor 12 Stunden
Nachruf auf Michael Gabler
Mit großer Betroffenheit und Trauer musste die Schulgemeinschaft des Hans-Furler-Gymnasiums in der vergangenen Woche erfahren, dass Oberstudienrat Michael Gabler nach langer, schwerer Krankheit im Alter von 59 Jahren verstorben ist.   
vor 12 Stunden
ARZ-Geflüster
Die Liebe in den Zeiten der Cholera heißt ein Bestseller von Literturnobelpreisträger Gabriel García Márquez. Heute geht es aber um den Geburtstag in den Zeiten des Coronavirus’. 
vor 12 Stunden
Gutachten zeigt Handlungsfelder auf
Ein Gutachten zeigt Sasbachwalden auf, wo die Gemeinde bald für mehr Versorgungssicherheit und Qualität beim Trinkwasser zu sorgen hat. Die Bürgermeisterin ist froh drum, benötigt aber einen langen Atem.
vor 19 Stunden
Bei Ernst Umformtechnik wird
Ernst Umformtechnik produziert weltweit an vier Standorten Umformteile für die Automobil-industrie. Seit Mitte März wird die Produktion kontinuierlich reduziert. Eine Bestandsaufnahme.
vor 21 Stunden
Entlassener Chef fordert viel Geld
Der entlassene Chef Andreas Wiegert setzt sich zur Wehr, spricht von unehrenhaftem Verhalten und will sich in seinen Posten wieder hineinklagen
vor 22 Stunden
Kommentar
Die angekündigte Schließung des Oberkircher Kraankenhauses wird zur Belastungsprobe und zur Vertrauensfrage unter allen Beteiligten. Davon ist Redakteur Rüdiger Keller überzeugt. Hierzu ein Kommentar.   
27.03.2020
Keine Aufführung in Sicht
Zauberer Aladin Rojan ist mit seiner fünfköpfigen Familie mittellos in Urloffen gestrandet. Wegen des Coronavirus kann er nirgendwo auftreten – und damit auch kein Geld verdienen.
27.03.2020
Sasbach/Sasbachwalden
Die Brennerei der Alde Gott hat in Zusammenarbeit mit dem Apotheker Michael Becker aus Sasbach Desinfektionsmittel produziert. Deutlich mehr wäre zu schaffen, wenn die Politik aktiv würde.

Das könnte Sie auch interessieren

- Anzeige -
  • 19.03.2020
    Neuer Service: Alles, was die Karte bietet, kann ab sofort abgeholt oder geliefert werden
    Mitten im Herzen Gengenbachs lädt das italienische Lokal „Michelangelo“ seit elf Jahren zum Genießen ein. Das bleibt auch weiterhin so, denn ab sofort werden Gerichte und Eisspezialitäten entweder geliefert, oder die Kunden holen ihre Bestellungen vor Ort ab.
  • Pizza, Salat oder Pasta - alles wird frisch zubereitet.
    19.03.2020
    Das mediterrane Restaurant in Hohberg
    Gerade in diesen turbulenten Tagen will das Team des mediterranen Restaurants Casamore in Hohberg für seine Gäste auch weiterhin da sein. Zu diesem Zweck wurde ab sofort ein besonderer Service eingerichtet und das „to go“-Angebot erweitert. Fast alle Gerichte auf der Speisekarte können nun auch...
  • Leckere Pizzavariationen, Salate und Getränke werden ab sofort geliefert oder können auch nach der Bestellung selbst abgeholt werden..
    18.03.2020
    "Wenn die Gäste uns nicht besuchen können, kommen unsere Spezialitäten zu ihnen"
    „Wenn die Gäste in nächster Zeit durch die Coronavirus-Pandemie nur eingeschränkt zu uns kommen dürfen, dann kommen unsere Spezialitäten eben zu Ihnen“, erklären Sülo und Aslan Keles, Inhaber der bekannten Ruster Pizzeria „Garibaldi“, mit Nachdruck. Ab sofort kann telefonisch und online bestellt...
  • a2 Unikat hat alles, was das Leben und Wohnen noch schöner macht.
    11.03.2020
    a2 Unikat: Ihr Partner rund um Gartendeko und mehr
    Frühlingszeit – eine wunderbare Zeit, es sich in Heim und Garten besonders schön zu machen. Wer dafür pfiffige und individuelle Gestaltungsideen sucht, ist bei a2 Unikat in Oberwolfach genau richtig.