Rheinbischofsheimer Pfarrer

Wie Martin Grab seine Kirche durch die Corona-Zeit steuert

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20. November 2020

(Bild 1/2) Corona auch als Chance für eine Besinnung aufs Wesentliche sehen – das will Pfarrer Martin Grab. ©Privat

Für Rheinbischofsheims Pfarrer Martin Grab ist Corona wie für andere Kirchengemeinde auch eine besondere Herausforderung. Der Geistliche kann ihr aber auch Gutes abgewinnen.

 Wie kann eine Kirchengemeinde ihren Mitgliedern weiter nahe sein, wenn eine Viruserkrankung Distanz erfordert ? Und was ist zu tun, damit an Weihnachten aus der stillen keine trostlose Nacht wird? Diese Fragen treiben derzeit Rheinbischofsheims Pfarrer Martin Grab um.

   Herr Grab, die seit Frühjahr dauernde Corona-Krise ist nicht zuletzt eine Herausforderung für Kirchengemeinden. Wie haben Sie persönlich die vergangenen Wochen und Monaten als Pfarrer und Seelsorger an der Basis erlebt?

Martin Grab: Ich denke, es ging den meisten von uns ähnlich: Da war plötzlich eine Situation, mit der wir gar nichts anfangen konnten. Für mich bedeutete das: Von einem Tag zum anderen gab es keinen Gottesdienst, keine Gemeindegruppen, keinen Konfirmanden- und Religionsunterricht und keine Besuche bei Gemeindegliedern mehr. Das war eine enorme Umstellung. Weil es sehr viele Entscheidungen, oft auch kurzfristig, zu treffen gab, war es für mich ganz wichtig, ständig in Kontakt zu bleiben mit unserem Kirchengemeinderat und der Leiterin unseres Kindergartens sowie unserem Kindergarten-Team.

Schlimm war, dass wir die Konfirmation zunächst absagen mussten, auf die unsere Konfis und ihre Familien sich so sehr gefreut hatten. Aber dafür wurde es für mich zum schönsten Tag in meinen neun Jahren hier, als ich den Konfis Ende September am Tag ihrer Konfirmation zum Segen die (bestens desinfizierten) Hände auflegen durfte.

   Suchen die Menschen in diesen schwierigen Zeiten eher Beistand bei der Kirche oder lässt Corona sie kalt?

Grab: Wenn ich mir die Einträge in unsere Fürbitten-Bücher anschaue und die Zahl der Kerzen, die in unseren tagsüber offenen Gotteshäusern angezündet worden waren, dann scheint die Kirche in der Tat wieder für mehr Menschen zu einem Anlaufpunkt geworden zu sein. Auch im Blick auf den Gottesdienstbesuch der vergangenen Monate nehme ich wahr, dass Kirche momentan für mehr Menschen eine Rolle spielt als zuvor.

   Wie schwierig ist es, eine Gemeinde zusammen zu halten, wenn Gottesdienste nur noch unter großen Einschränkungen stattfinden können und viele andere Veranstaltungen ganz abgesagt werden müssen?

Grab: Sie sagen es: Gottesdienst findet immer noch statt! Um diesen herum bildet sich Gemeinde. So ging das viele Jahrhunderte mit Erfolg, bis unsere Kirchenoberen nach einer Beratung bei McKinsey der Meinung waren, die Gemeinschaft der Getauften umwandeln zu müssen in eine Service-Organisation, die am besten jede Mode mitmacht und zur Not auch ihre Botschaft an das, was gerade in ist, anpasst. Von da an ging es richtig bergab. 

In den sieben Wochen ohne öffentlichen Gottesdienst haben wir jeden Sonntag Gottesdienst gefeiert, zu zweit: Simon als Kirchendiener und ich. Das waren sehr dichte Momente, zumal ich wusste, dass unsere Gemeinde durch das Glockenläuten wusste: Jetzt feiern die beiden, stellvertretend für uns alle, und beten auch für uns. Seit wir vor einem halben Jahr wieder Gottesdienst feiern können, erleben wir, dass eine Gemeinschaft, die den Gottesdienst bewusst in den Mittelpunkt stellt, zu einer höchst lebenden Größe werden kann. Die Gottesdienste sind dichter geworden, verbindlicher.

   Mit welchen Konzepten und Ideen hat Ihre Kirchengemeinde bislang auf die Corona-Krise reagiert?

Grab: Ich bin mit Gemeindegliedern in Kontakt geblieben durch Mails, Telefon und über die Homepage, die übrigens gerade ganz neu konzipiert wird. Von Anfang an habe ich die „Sonntagsgedanken“ in der Kirche ausgelegt, sie auch online gestellt und an circa 100 Interessierte sonntagmorgens per Mail verschickt. Es kamen sehr, sehr viele Rückmeldungen. Die für mich schönste war, dass eine Frau diese Sonntagsgedanken an ihre Schwester weitergeleitet hat, die sich vor Australien in einem Kreuzfahrtschiff mit Tausenden Menschen in Quarantäne befand. Diese Touristin fand die Sonntagsgedanken so tröstlich, dass sie sie weitergeleitet hat an andere Mitreisende – und am Ende waren die Sonntagsgedanken aus Rheinbischofsheim auf dem ganzen Schiff bekannt. Auch als Wochen später das Schiff am Horn von Afrika durch Piraten bedroht war, hatten die Sonntagsgedanken – so das Feedback – eine beruhigende Wirkung.

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Als öffentliche Gottesdienste wieder erlaubt waren, konnten wir vielen Menschen ihre berechtigten Ängste nehmen durch ein konsequentes Hygieneschutzkonzept. Konsequent sind wir auch darin, dass sich unsere Gruppen und Kreise nach wie vor nicht treffen – unsere wichtigste Aufgabe bleibt hier, einander zu schützen.

   Mit dem “Dom vom Hanauerland“ verfügt Ihre Kirchengemeinde über ein außergewöhnlich großes Gotteshaus. Das hat jetzt sicher auch Vorteile, oder?

Grab: Da haben Sie Recht. Und ich werde nie mehr jammern über eine viel zu große Kirche! Sie erweist sich in diesem Jahr als ein großes, großes Geschenk. Dieses Geschenk konnten wir weitergeben an andere Gemeinden, denen wir unsere Kirche zur Durchführung ihrer Konfirmationen angeboten haben. Für unsere eigenen Gottesdienste konnten wir – dank der Stühle – die Sitzordnung vollkommen verändern. Wir sind endlich weg von der „Stuhl-Ausstellung“ (Zitat eines Gemeindegliedes) und haben eine ästhetisch sehr ansprechende und hygienisch absolut sichere Form der Innengestaltung kreiert.

   In gut einem Monat steht Weihnachten vor der Tür. Sicherlich haben Sie schon ein „Veranstaltungskonzept“ in der Tasche, damit aus der stillen keine trostlose Nacht wird?

Grab: Trostlos war die Heilige Nacht, wenn man den Berichten Glauben schenken darf, nicht einmal für die Soldaten während des Krieges oder die Kriegswitwen mit ihren Halbwaisen. Es hat schon seinen Grund, dass die Weihnachtsbotschaft zuerst den Armen und Heimatlosen gesagt wurde. Gerade im Dunkel dieses Jahres wird die Weihnachtsbotschaft heller erstrahlen als zuvor – sie heißt nach wie vor „Fürchtet euch nicht!“

Heiligabend wird dieses Jahr ganz anders sein, doch auch für uns wird die Heilige Nacht nicht trostlos werden. Mit einem neuen Gottesdienst-Konzept werden wir an Heiligabend vielen Menschen hier einen besinnlichen Abend bereiten können. Wir müssen noch abwarten, was die Politik am 25. November beschließt. Danach werden wir über den Gemeindebrief unsere Gemeindeglieder darüber informieren, wie wir an Heiligabend und Weihnachten Gottesdienst feiern. Eines steht aber jetzt schon fest: An einem Gottesdienst an Heiligabend wird bei uns niemand ohne persönliche Anmeldung teilnehmen können – leider.

   In den vergangenen Jahren haben immer mehr Menschen den Kirchen den Rücken gekehrt. Befürchten Sie, dass Corona diesen Trend beschleunigen wird?

Grab: Ich sehe nicht, aus welchem Grund die Pandemie Menschen zum Kirchenaustritt bewegen sollte. Umgekehrt halte ich es durchaus für möglich, dass durch die Pandemie bei vielen Menschen ein neues Nachdenken darüber auslösen kann, was das bedeutet, dass wir vieles eben nicht selbst in der Hand haben. Auch dadurch kann ein Mensch neu zum Glauben finden. Die steigende Zahl der Kirchenaustritte hat andere Hintergründe: die Ausdifferenzierung unserer Gesellschaft in zehn Milieus, die die Kirche nicht alle bedienen kann; die zunehmende Individualisierung; oder die nachlassende Bereitschaft vieler Menschen, sich auch außerhalb der eigenen Primärinteressen zu engagieren.

   Die Kirchen befürchten wegen der geringeren Steuereinnahmen durch Corona weniger Einnahmen. Das dürfte den Spardruck weiter verstärken. Was bedeutet das für Ihre Gemeinde?

Grab: Unsere Landeskirche hat gerade beschlossen, die Ausgaben um 20 Prozent zu kürzen. Das merken auch wir in der Gemeinde, gerade auch im Blick auf unsere fünf Gebäude. Gleichzeitig nimmt die Spendenbereitschaft unserer Gemeindeglieder zu, die uns in dieser Zeit nicht hängen lassen und immer wieder gezielt für Projekte in unserer Gemeinde spenden. Auch unsere Landeskirche lässt uns trotz der ernsten Lage nicht hängen und wird von den 700 000 Euro, die uns die Kirchturmsanierung im nächsten Jahr kosten wird, 350 000 Euro übernehmen.

   2021 dürfte sich das Leben wieder normalisieren. Welche Erkenntnis ziehen Sie persönlich aus der Krise?

Grab: Unsere Haupterkenntnis im Kirchengemeinderat heißt: Wir müssen nicht alles so machen wie in der Zeit vor 2020. Die Corona-Krise hat uns geholfen, einmal darüber nachzudenken, was für kirchliches Leben wirklich wichtig ist – und was wir getrost künftig sein lassen können. Und sie hat uns den Blick dafür geöffnet, was das Wichtigste im Leben einer Gemeinde ist und bleibt: dass wir in ganz vielfältigen Formen Gottesdienst feiern und uns an dem ausrichten, worauf unsere Hoffnungen beruhen.

Zur Person

Martin Grab

Martin Grab, Jahrgang 1959, wuchs im nordbadischen Neckarelz auf, studierte nach dem Abitur Theologie in Heidelberg und Wien. 1985 wurde er Lehrvikar in Pforzheim, 1986 Pfarrvikar in Niedereschach bei Villingen. Dort blieb er bis 2002 als Pfarrer, wechselte dann nach Zaisenhausen und Flehingen. Grab ist seit 1. September 2011 Pfarrer für Rheinbischofsheim, Hausgereut und Holzhausen. Er ist verheiratet und hat drei Kinder. bru

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