Serie: 70 Jahre Ende Zweiter Weltkrieg

Zeitzeuge Erwin Lienhard über Kriegserlebnisse

Katharina Reich
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23. Juli 2015
Als wäre der Krieg erst gestern zu Ende gegangen: Erwin Lienhard hat noch sehr genaue Erinnerungen an das Kriegsende in Oberkirch.

Als wäre der Krieg erst gestern zu Ende gegangen: Erwin Lienhard hat noch sehr genaue Erinnerungen an das Kriegsende in Oberkirch. ©Katharina Reich

Das Ende des Zweiten Weltkriegs liegt 70 Jahre zurück. Es war eine schreckliche Zeit, die Europa und die Welt in großes Chaos stürzte. Schätzungen sprechen von 80 Millionen Kriegsopfern. Zeitzeugen aus dem Renchtal erinnern sich an ihre Kriegserlebnisse. Heute: Erwin Lienhard aus Oberkirch.

Erwin Lienhard wurde gerade 15 Jahre alt, als der Zweite Weltkrieg zu Ende ging. Die letzten Wochen vor der Kapitulation verbrachte er zwischen Volkssturm und der Sicherheit eines Verstecks in Hesselbach. Dank eines umsichtigen Kommandanten der Volkssturmeinheit blieb ihm der Kampfeinsatz erspart.

Die Erinnerungen von Erwin Lienhard an das Ende des Zweiten Weltkriegs wirken so lebendig und frisch, als seien die Tiefflieger erst gestern über das Renchtal geflogen und nicht schon vor 70 Jahren. Seine persönlichen Erfahrungen kann der 84-Jährige ganz genau den einzelnen Tagen des sogenannten Umsturzes zuordnen. In seinen Erzählungen zeigt sich, dass Erwin Lienhard in diesen schweren Zeiten immer wieder Glück hatte und gefährlichen Situationen knapp entgehen konnte.

Einer dieser glücklichen Momente war bereits im Herbst 1944, als er zum Arbeitsdienst ins Hanauerland berufen wurde. »Dort mussten wir zwei Mal wöchentlich Schützengräben für die Verteidigungslinie ausheben«, berichtet Lienhard. Auf der Heimfahrt einer dieser Einsätze wurde der Zug von Tieffliegern bombardiert. Wie durch ein Wunder wurde keiner der Männer verletzt. »Die Lokomotive war aber durchlöchert wie ein Sieb«, erinnert sich Lienhard.

Als sich abzeichnete, dass sich die Front in Richtung Renchtal verschob, wurden die noch in Oberkirch verbliebenen Jungen und Männer zum Volkssturm einberufen und in der August-Ganther-Schule kaserniert. Die Aufgabe der Männer war es zunächst, eine Verteidigungslinie mit Schützengräben zu errichten. Außerdem wurden sie im Umgang mit der Waffe geschult. Dass Erwin Lienhard mit seinen damals 14 Jahren schließlich doch nicht auf Menschen schießen musste, das hatte er dem Kommandanten der Volkssturmeinheit IV zu verdanken. »Buben, jetzt wird’s Zeit, dass ihr heimgeht«, hat er den jugendlichen Volkssturmsoldaten befohlen, als die Front immer näher rückte.

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Der Vater blieb mit den anderen erwachsenen Männern im Volkssturm, Erwin Lienhard, seine Mutter und deren Schwester machten sich auf nach Hesselbach.
Da nicht abzusehen war, ob Oberkirch verteidigt und wie gefährlich die Situation werden würde, überlegten sich die Lienhards, dass der Hof der befreundeten Familie Bonath im abgelegenen Hesselbach sicherer sei als der zentrale Kirchplatz in Oberkirch. Als die Lienhards mit ihrem Leiterwagen in Hesselbach ankamen, war auf dem Hof schon kräftig was los. »Außer uns waren dort bestimmt weitere 50 Menschen. Die waren in der Stube, in der Küche, im Futtergang und im Stall«, erinnert sich Erwin Lienhard. Weil die Zahl der Schutz suchenden Menschen so groß war, schickte der Bauer seine Gäste tagsüber in den Stollen der Grube Hesselbach. »Wenn es dunkel wurde, kehrten wir zum Hof zurück«, erzählt Lienhard.

Obwohl der junge Erwin Lienhard nicht mehr im Volkssturm kämpfen musste, kam er dennoch in Kontakt mit den Kampfhandlungen. Seine Mutter schickte ihn nämlich mit einem Brotbeutel zum Kompaniegefechtsstand, um dem Vater etwas zu essen zu bringen. Auf der Suche nach dem Vater wurde der 14-Jährige zur MG-Stellung Richtung Bottenau geschickt. »Dort pfiffen mir plötzlich die Kugeln um die Ohren und ich bin in Deckung gegangen«, erzählt Lienhard. Der Vater schlug die Hände über dem Kopf zusammen und schickte ihn sofort wieder heim – samt Vesper.

Zwar verlief die Front nicht direkt durch Oberkirch, dennoch richteten Granateinschläge einiges an Schäden an. Beim Haus der Lienhards in der Metzgerstraße waren nur Fenster beschädigt, bei den Nachbarn gegenüber war die Wohnung nicht mehr bewohnbar. »Wir haben die Nachbarn, drei Frauen, dann bei uns aufgenommen«, berichtet Lienhard. Die unmittelbare Zeit nach Kriegsende sei auch durch die Übergriffe der französischen Kolonialtruppen gekennzeichnet gewesen. Immer wieder hätten die algerischen und marokkanischen Soldaten Wohnungen gestürmt. »Die Nachbarsfrauen haben wir im Schrank versteckt, wenn die Marokkaner kamen.« Hilfe erhielt die Bevölkerung von den Amerikanern, die bis ungefähr ein Jahr nach Kriegsende in Oberkirch stationiert waren. Gab es einen Überfall durch die Nordafrikaner, dann schepperten die Bewohner mit Topfdeckeln aus dem Fenster und die Nachbarn stimmten ein. Die amerikanischen Soldaten griffen ein und pfiffen die Marokkaner zurück.

Während für Erwin Lienhard der Volkssturm glimpflich ausging, sah es für seinen Vater anders aus. Er wurde von den Franzosen gefangen genommen und verbrachte drei Jahre in Kriegsgefangenschaft. In dieser Zeit führten Erwin Lienhard und ein aus dem Arbeitsdienst zurückkehrender Lehrling gemeinsam die Geschäfte der Schlosserei weiter – so gut es eben ging.
 

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