Rekord-Serie

Älteste Kita Kehls in einem neuen Heim

Autor: 
Hans-Jürgen Walter
Lesezeit 5 Minuten
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17. September 2020

Plan aus dem Jahr 1952 von der Straßenansicht des Elisabeth-Kindergartens in der Luisenstraße 7. Das Gebäude wird im gleichen Jahr umgebaut und nach der Evakuierungszeit und der Freigabe wiedereröffnet. ©Stadtarchiv Kehl

Rekord-Serie, Teil 11: Die Elisabeth-Kinderschule in der Luisenstraße wird am 20. Oktober 1912 
eingeweiht. 1937 werden von einer Schwester 25 Buben und 30 Mädchen in einem Saal betreut.

Kehl. Er ist der älteste bestehende Kindergarten in der Kernstadt Kehl – und zugleich ist die Einrichtung in einem der neuesten Gebäude untergebracht: die Kita Elisabeth. Sie betreut ihre Schützlinge mittlerweile im dritten Domizil. Träger der Einrichtung ist die evangelische Kirchengemeinde Kehl.

Seit Sommer 2018 steht den Mädchen und Buben die neue Kita Elisabeth in der Oberländerstraße mit einer schön gestalteten Außenanlage zur Verfügung.

Im Juni 2016 erfolgte der Umzug in den ersten neuen Gebäudeteil. Am 8. Dezember 2017 war auch der zweite Teil des Neubaus fertig, der auf derselben Fläche entstanden ist, auf der der Kindergarten zuvor in einem Altbau untergebracht war. Die Kita ist Teil eines Gesamtkomplexes, der 28 Wohnungen und rund 750 Quadratmeter Freifläche für den Kindergarten umfasst.

Die Kita heißt bei ihrer Gründung noch Kinderschule, weshalb in den Archivunterlagen aus den Anfangsjahren auch von der Elisabeth-Schule die Rede ist. Das Gründungsjahr ist 1903, wie Schwester Christa Eisele im Archiv des Evangelischen Diakonissenhauses Nonnenweier recherchiert hat.

1912 bekommt die Elisabeth-Schule eine neuerbaute Unterkunft in der Luisenstraße 7 – im Volksmund Luisen-Kindergarten genannt.

Die Einweihung wird am 20. Oktober 1912 gefeiert, den Festgottesdienst in der Christuskirche hält Pfarrer Barner, Inspektor in Nonnenweier. Seit Beginn sind Diakonissen von dort im Elisabeth-Kindergarten tätig, später auch in Nonnenweier ausgebildete Zivilkräfte (Kindergärtnerinnen und Kinderpflegerinnen).

Seine Predigt stellt Pfarrer Barner unter das Bibelwort Matthäus 18, 14: „So ist‘s auch nicht der Wille bei eurem Vater im Himmel, dass auch nur eines von diesen Kleinen verloren werde.“

„Freie, freundliche Lage“

Von der Kirche zieht ein Festzug zur Elisabeth-Schule, die ihren Namen von Elisabeth von Thüringen (1207–1231) ableitet, die als Sinnbild tätiger Nächstenliebe auch im Protestantismus verehrt wird. „Durch treffliche Lieder des evangelischen Kirchenchors unter ihrem Leiter Hauptlehrer Edelmeyer wurde die Feier in der Kirche und bei der Einweihung verschönt und erhöht“, berichtet die Zeitung über jenen 20. Oktober 1912.

Bei den Festgästen findet das neue Haus „durch seine praktischen und zweckmäßigen, durch seine großen, hellen und freundlichen Lehrsäle, durch all die neuzeitlichen Einrichtungen, durch seine freie, freundliche Lage mitten im Garten allgemeinen Beifall“.

Beim Festgottesdienst werden rund 100 Mark ins Opferkörbchen geworfen, die Zeitung berichtet von einem „reichen Opfer“.

Kein Wunder: Im Einweihungsjahr müssen die Eltern einen halbjährlichen Beitrag von 1 Mark bezahlen. 1937 sind es 1,50 Mark pro Monat, wie dem Stationsfragebogen vom 25. April jenes Jahres zu entnehmen ist. In diesen Fragebögen wird jährlich das Inventar der Kinderschule ebenso wie das der Schwesternwohnung registriert.

1937 hatte die Kinderschule einen Saal für 55 Kinder (25 Buben, 30 Mädchen), von denen 48 bis 50 regelmäßig kommen. Träger ist der Verein „Zum guten Hirten“, welcher der Kirchengemeinde angeschlossen ist. Von der Stadt gibt es einen jährlichen Zuschuss von 400 Mark und 25 Zentner Briketts, von der Kirchengemeinde gibt es 150 Mark. Die Schwester erhält ein Wirtschaftsgeld von 45 Mark im Monat.

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Diese Beträge erscheinen aus heutiger Sicht wie aus einer anderen Welt. So gab es 1929 eine Auseinandersetzung zwischen Pfarrer Dreutler und dem Mutterhaus Nonnenweier, weil dieses angesichts der angestiegenen Kinderzahl eine zusätzliche Hilfe beordert hat und dafür vom Träger einen monatlichen Zuschuss von 20 Mark möchte – „eine für unsere Kassenverhältnisse nicht tragbare Belastung“, schreibt der Pfarrer nach Nonnenweier.

Selbst die Baukosten verwundern. Für einen Umbau im Sommer 1952 beläuft sich der Kostenvoranschlag des Sundheimer Bauunternehmers Friedrich Nückles auf 4851,45 Mark, davon 2047,45 Mark Maurerarbeiten. In den jetzigen Neubau der Kita hat die Stadt dagegen insgesamt rund zwei Millionen Euro investiert. 

Im Elisabeth-Kindergarten wachsen im Laufe der Jahre durchaus prominente Kehler heran, wie ein Foto vom Jahrgang 1921/22 beweist. Die Kinder sind in der Kleidung ihres Wunschberufs abgebildet, was zeigt, dass die Kleinen damals schon recht konkrete Berufsvorstellungen haben: Der „Bäcker“ Kurt Zimpfer wird später tatsächlich Bäcker und sogar deren Obermeister. Und „Kaminfeger“ Helmut Lackner hat später tatsächlich als Architekt mit Häusern zu tun.

Ab dem 23. November 1944 ruht das Leben in der Kinderschule in der Luisenstraße: Die Kehler müssen ihre Stadt verlassen, die als Kriegsfolge von den Franzosen besetzt und in 42 Abschnitten bis zum 8. April 1953 zurückgegeben wird. Am 6. November 1951 erfolgt die 21. Teilfreigabe mit dem Gebiet Karl- und Luisenstraße. Im folgenden Jahr nimmt der Elisabeth-Kindergarten wieder seinen Betrieb auf.

Im gleichen Haus befindet sich die Elisabeth-Nähschule, wie Heimathistorikerin Brigitta Gerloff recherchiert hat. Im Archiv des Diakonissenhauses finden sich Unterlagen für die Handarbeitsschule von 1923 bis 1966 – mit Unterbrechung während der Evakuierungszeit.

Außerdem gibt es dort eine Sonntagsschule, die teilweise von bis zu 80 Kindern besucht wird.

Bei manchen Kehlern ist der Elisabeth-Kindergarten Familiensache: Valerie Lang beispielsweise freut sich Ende der 1970er-Jahre, wenn sie zu Tante Marianne darf, die dort Gruppenleiterin ist.

Rund 20 Jahre später besucht ihre Tochter Marie-Sophie den Elisabeth-Kindergarten, wo sie 2003 das letzte Sommerfest in der Luisenstraße feiert. Am 7. September 2003 wird das neue Domizil in der Oberländerstraße 5 eingeweiht.

Umzug umstritten

Allerdings ist der Umzug umstritten. Die Eltern wehren sich heftig, sie wollen ihre Kinder weiter in der gewohnten Umgebung sehen.

Weil jedoch die Kinderzahlen zurückgehen (2003/04 wären 50 freie Plätze vorhanden gewesen) und die notwendige Sanierung des Gebäudes in der Luisenstraße 250 000 Euro verschlungen hätte, einigen sich Stadt und Kirche darauf, dass der Elisabeth-Kindergarten in den vorhandenen städtischen Kindergarten in der Oberländerstraße einzieht.

Dass die Kita an diesem Standort in einen Neubau umziehen wird, beschließt der Gemeinderat im März 2013.

Nachdem die evangelische Kirche zuvor bereits den Kindergarten im ehemaligen Agnes-Trick-Haus aufgegeben hat, das 1989 dem Neubau „Centrum am Markt“ weichen musste, übernimmt sie allein die Trägerschaft für die Einrichtung in der Oberländerstraße.
 

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