Hilfsaktion

Alte Brillen für neuen Durchblick

Autor: 
Nina Saam
Lesezeit 3 Minuten
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22. Oktober 2020

Bei Optik Thüm werden nicht nur neue Brillen angefertigt. Nicole Thüm und Optikermeister Rolf Hogenmüller sammeln die ausgedienten „Nasenfahrräder“ ihrer Kunden und führen sie einer neuen Verwendung zu - sie gehen über die französische Organisation „Lunettes sans frontières“ an Menschen, die sich keine Sehhilfen leisten können. ©Nina Saam

Ändert sich die Sehstärke, wird eine neue Brille fällig – und die alte überflüssig. Bei Optik Thüm werden alte Sehhilfen gesammelt und über „Lunettes sans frontières“ an Bedürftige abgegeben.

Das Kehler Optikgeschäft Thüm beteiligt sich schon seit Jahren an einer deutsch-französischen Brillenfreundschaft: Der Laden ist Sammelstelle für die französische Organisation „Lunettes sans frontières“. Seit 45 Jahren werden von Hirsingue im Elsass aus gebrauchte und nicht mehr benötigte Brillen in Länder verschickt, in denen sich große Teile der Bevölkerung keine Sehhilfen leisten können.

Die Brillen werden von rund 30 ehrenamtlichen Helfern vermessen, nach Stärken sortiert und an Ärzte, Krankenhäuser und Missionsstationen in Afrika, Asien und Südamerika versandt, die sie an Hilfsbedürftige weitergeben. Aber auch Obdachlose und Bedürftige in Europa profitieren von der Sammelaktion.

Ausmisten im Lockdown

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Bei Optik Thüm lagern derzeit einige Kisten mit ausrangierten Sehhilfen im Keller: „Während des Corona-Lockdowns haben die Leute Zeit gehabt aufzuräumen“, mutmaßt Geschäftsinhaberin Nicole Thüm. Die Thüms sammeln schon seit 35 Jahren gebrauchte Brillen, die Kunden beim Neukauf einer Brille abgeben, und bringen sie selbst nach Hirsingue.

Vor einigen Jahren wollte Optikermeister Rolf Hogenmüller selbst die Lebenssituation der Hilfsbedürftigen kennenlernen. Mit einer mobilen Augen-Untersuchungseinheit und einem Koffer voller Alt-Brillen in den gängigsten Stärken, die er zuvor in Kehl vermessen und wieder auf Vordermann gebracht hatte, reiste er mit dem Vorstand des Willstätter Vereins Kifafa nach Kenia. „Es gibt kaum Augenärzte dort und wenn, dann ist das dort Privatsache“, sagt Rolf Hogenmüller. „Augenmedizin und Sehhilfen zählen nicht zur Grundversorgung, das müssen die Menschen selbst bezahlen.“ Und das bei Brillenpreisen, die ähnlich hoch wie in Deutschland sind. 

Interessanterweise sind die wenigsten Menschen in Afrika kurzsichtig. Hogenmüller vermutet, dass das Auge dort anders trainiert ist als bei uns, wo das Lesen von Büchern und die Nutzung von Handy und Computer von klein auf den Alltag bestimmt. Ein Problem ist eher die Weitsichtigkeit, vor allem bei den Älteren, wenn noch die Altersweitsichtigkeit hinzukommt. „Die Leute sind sehr dankbar, auch wenn die Stärke nicht immer optimal ist“, so Hogenmüller. Auch Sonnenbrillen mit und ohne Korrektur hatte der Kehler Optiker im Gepäck.

Zwischen 500 und 600 Brillen werden jährlich bei Optik Thüm abgegeben. „Eine Brille ist ein teures und hochwertiges Produkt“, sagt Nicole Thüm. Auch wenn die Glasstärke individuell auf den vorherigen Besitzer abgestimmt ist, können die gebrauchten „Nasenfahrräder“ bedürftigen Menschen ein neues Leben schenken: Jeder, der seine Brille schon mal verlegt hat, weiß, wie schwierig es ist, mit mangelnder Sehkraft Alltag und Beruf zu managen. Deshalb wird bei Optik Thüm fleißig weitergesammelt: Die gebrauchten Sehhilfen können jederzeit zu den Geschäftszeiten im Laden in der Fußgängerzone abgegeben werden.

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